ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2018Masterstudiengang: Mediziner lernen IT

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Masterstudiengang: Mediziner lernen IT

Dtsch Arztebl 2018; 115(48): A-2229 / B-1835 / C-1811

Schmitt-Sausen, Nora

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Im ersten HPI-Masterstudiengang Digital Health blicken Studierende und Lehrende gemeinsam über den Tellerrand.

Dozent Jasper zu Putlitz legt Wert auf einen interdisziplinären Ansatz. Fotos: Georg J. Lopata
Dozent Jasper zu Putlitz legt Wert auf einen interdisziplinären Ansatz. Fotos: Georg J. Lopata

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Ferenc Rüther in seinem Zweitstudium manchmal nur Bahnhof versteht. Denn es stehen Themen wie diese auf dem Studienplan: Software-Architektur, IT-Sprache, Algorithmen. Neuland für den jungen Mediziner, der in diesem Dezember an der Berliner Charité seinen Dr. med. verliehen bekommt. Dafür kann der 27-Jährige anderen Vorlesungen wohl etwas entspannter lauschen als einige seiner Mitstudierenden: Akteure im deutschen Gesundheitswesen, Strukturen der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung, internationale Systemvergleiche. Darum geht es aktuell zum Auftakt im Oktober. Und: Zu Rü-thers Mitstudenten gehören viele Informatiker. Mediziner und ITler in einem Hörsaal?! Geht das? Ja. In Potsdam geht das.

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Technischer Verstand wichtig

Der interdisziplinäre Ansatz ist eines der zentralen Merkmale des neuen Studienganges. Das Hasso-Plattner-Institut (HPI) und die Universität Potsdam sorgen hier in Kooperation dafür, dass die Generation von morgen in der Medizin mit dem umzugehen weiß, was nicht nur aus Sicht der Potsdamer Bestandteil der Medizin von morgen sein wird: Datenanalyse, Verständnis für IT-Systeme, Erkennen von Möglichkeiten und Grenzen künstlicher Intelligenz. Und dafür braucht es eben am besten beides: den medizinischen und den technischen Sachverstand. Jeder, der in Klinik oder Praxis bereits auf digitale Prozesse umgestellt hat, weiß das. Denn er hat erlebt: Genau hier hapert es. Das Zusammenbringen beider Perspektiven raubt nicht wenigen im medizinischen Alltag den letzten Nerv.

Ferenc Rüther: Der Arzt und jetzt Student am HPI sieht die Digitalisierung nicht als Heilsbringer, aber ihr Potenzial.
Ferenc Rüther: Der Arzt und jetzt Student am HPI sieht die Digitalisierung nicht als Heilsbringer, aber ihr Potenzial.

Auch Rüther weiß, dass er in Potsdam besonderes Wissen erwirbt. Er wolle „über den medizinischen Tellerrand hinausgucken“ und sich einer Zukunftsdisziplin öffnen, nennt er als zentralen Grund, warum er sich nach dem Studienende nicht sofort in den Facharztkittel schmeißt, sondern noch mal im Hörsaal Platz nimmt. „Die IT-Sprache kommt auch ins Krankenhaus, ob wir das wollen oder nicht“, sagt er. Und ergänzt: „Ich baue mir mit dem Masterstudiengang Expertenwissen auf, was es so noch nicht gibt. Damit kann ich später in der Klinik vielleicht helfen, eine Lücke zu schließen.“

Interdisziplinär. Das ist das eine große Stichwort in Potsdam. Aber nicht das einzige. International gesellt sich dazu. Denn: Die Studierenden des Masterstudienganges haben nicht nur unterschiedliche Fachhintergründe, sondern auch verschiedene Nationalitäten. Und sie sollen lernen, was die Digitalisierung in unterschiedlichen Gesundheitssystemen leisten kann.

Internationale Ausrichtung

„Wer ist in einem anderen Gesundheitswesen groß geworden als dem deutschen?“, fragt Dozent Dr. med. Jasper zu Putlitz bei einer der ersten Vorlesungen des noch jungen Semesters in die Runde. Hände gehen in die Höhe. Kolumbien. Katar. Irland. Dies sind nur einige der Herkunftsländer. Die Mischung ist bunt: 60 Prozent der Studierenden stammen aus der EU, 40 Prozent aus aller Welt. Bereits im ersten Masterstudiengang sind Studenten aus zehn Ländern mit dabei, darunter Nigeria, China, die USA und Tunesien.

Für die Praxis heißt das: Sämtliche Lehrveranstaltungen finden auf Englisch statt. Die globale Perspektive fließt von Beginn an in die Ausbildung mit ein. So auch an diesem kühlen Montag Ende Oktober. Zu Putlitz umreißt zunächst die Strukturen des deutschen Gesundheitswesens. Das schöne deutsche, kaum übersetzbare Wort „Risiko­struk­tur­aus­gleich“ entlockt dabei nicht nur ihm ein Schmunzeln.

Im Anschluss skizziert er an diesem Vormittag gleich auch noch das Gesundheitswesen Großbritanniens und das US-amerikanische Gesundheitssystem. Wer weiß schon, wohin es die Absolventen einmal ziehen wird? Medizin ist heute internationaler denn je, die IT-Sprache überall gleich und digitales Know-how auch jenseits der Industrienationen sehr gefragt.

Zu Putlitz hat selbst als Arzt, Berater, Unternehmenschef und Investor Erfahrung in Gesundheitssystemen von mehreren Ländern gesammelt. Vor allem in den innovationsfreundlicheren USA habe er auf dem Gebiet der Telemedizin gesehen, „dass man mit einfachen Mitteln viele Probleme verbessern kann“. Diese Erfahrungswerte möchte er an die Studenten weitergeben und ihnen „einen realistischen Blick auf Gesundheitssysteme“ vermitteln – mit allen Möglichkeiten, aber auch den Grenzen.

Dabei stört den Dozenten nicht, dass sich die Studenten vor ihm nur spärlich auf den Klappholzbänken im top ausgestatteten Vorlesungssaal verteilen. Die kleine Studiengruppe ist kein Manko, sondern so ist es gewollt.

Denn: Was hier gelehrt wird, soll gemäß der Philosophie des HPI stark praktisch orientiert sein – mit viel Raum für Übungen, Zeit zum intensiven Erfahrungsaustausch und einem engen Kontakt zwischen Dozenten und Studierenden. Lediglich 31 Studierende sind für den Masterstudiengang eingeschrieben.

Mediziner Rüther – wen wundert es – gefällt das. Die kleinen Arbeitsgruppen, die Nähe zu Lehrenden mit viel Erfahrung aus der Praxis, all das helfe, den Horizont zu erweitern und seinen Blick „weg von der reinen Medizinerdenke“ zu lenken, sagt er.

Diese Denke hat hat Prof. Dr. med. Erwin Böttinger auch nicht. Er ist der Kopf hinter dem neuen Masterstudiengang. In kurzer Zeit hat er das Curriculum zusammengestellt, um loslegen zu können. „Die Interdisziplinarität war natürlich eine Herausforderung in der Konzeption des Studienganges“, sagt er. „Aber am Ende ist ein gutes und vielseitiges Programm entstanden.“ In dieser Breite, sagt Böttinger, gebe es in Deutschland kein vergleichbares Angebot.

Vom Erfolg des Studienkonzepts ist der Gesundheitsforscher überzeugt. „Wir gehen davon aus, dass wir uns in kurzer Zeit etabliert haben werden.“ Schon in der ersten Bewerbungsrunde gab es 110 Interessierte – und dank der Reputation von Böttinger und des HPI keinerlei Schwierigkeiten, neben den eigenen Leuten externe Lehrende zu finden. Natürlich wissen sie in Potsdam, dass das Projekt Masterstudiengang Digital Health im ersten Jahr noch einen gewissen Experimentiercharakter hat. Wie immer, wenn etwas neu startet, wird man es nach einiger Zeit hinterfragen müssen.

Potenzial nutzen

Doch: An den guten Karriereaussichten für Mediziner mit technischem Verständnis zweifelt niemand. Schon gar nicht Böttinger. Kliniken, Krankenkassen, Industrie, Start-ups, Forschung – das vermittelte Wissen werde gefragt sein. Wie etwa im Fall von Mediziner Rüther. „Wenn er fertig ist, wird er als einer der Pioniere gelten und sich aussuchen können, wohin er geht. Oxford, TU-Klinikum rechts der Isar, Heidelberg, USA – mit seiner Qualifikation hat er alle Möglichkeiten“, meint Böttinger.

Das Interessante: Rüther selbst ist längst nicht so ein Überzeugungstäter wie sein Professor. Keiner, der in der Digitalisierung der Medizin die Heilsbringung sieht. Eher im Gegenteil. Er blickt durchaus skeptisch auf die Entwicklungen, verrät er auf der Hörsaalbank. „Vor ein paar Jahren hätte ich nie geglaubt, dass ich das machen würde. Die Digitalisierung birgt auch Gefahren. Aber sie kann für die Gesellschaft eben auch Sinnvolles leisten. Also schaue ich mir jetzt an, wie wir Mediziner das Potenzial nutzen können.“ Nora Schmitt-Sausen

Masterstudiengang Digital Health

Der interdisziplinäre Masterstudiengang Digital Health des Hasso-Plattner-Instituts will Führungskräfte für Aufgaben an der Schnittstelle zwischen IT, Informatik und Medizin qualifizieren. Neben den Grundlagen von Medizin und Informatik werden in dem Studiengang etwa auch medizinisch-ethische Fragen besprochen. Anfangs können die Studierenden Brückenmodule belegen, die auf das jeweils neue Fachgebiet vorbereiten: Die Informatiker erhalten Einblicke in Gesundheitssysteme und medizinische Grundlagen. Die Gesundheitsspezialisten erwerben Kenntnisse im Bereich IT-Systeme und Programmierung. Die Studierenden müssen bereits einen ersten berufsqualifizierenden Abschluss haben. Neben Ärzten und Informatikern zählen zur aktuellen Studiengruppe beispielsweise auch Psychologen, Pharmazeuten und Public Health Manager. Die Teilnahme an dem zweijährigen Studiengang ist kostenfrei. Lediglich die regulären Studiengebühren fallen an.

Informationen: http://daebl.de/DD78

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