ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2018Gesundheitspolitik: Wie sich Mythen halten

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Gesundheitspolitik: Wie sich Mythen halten

Dtsch Arztebl 2018; 115(48): A-2252 / B-1845 / C-1820

Gibis, Bernhard

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Hartmut Reiners: Mythen der Gesundheitspolitik. Hogrefe AG 2018, 312 Seiten, 29,95 Euro
Hartmut Reiners: Mythen der Gesundheitspolitik. Hogrefe AG 2018, 312 Seiten, 29,95 Euro

Wer so viele Gesundheitsreformen erlebt, mitgestaltet und oftmals durchlitten hat wie der Gesundheitsökonom Hartmut Reiners (71), kennt die Konjunkturen von Themen und Auffassungen der Gesundheitsdiskussion. Als maßgeblicher Mitarbeiter unter anderem im Ministerium von Regine Hildebrandt hat er nicht nur die Wendejahre mitgestaltet, sondern ist einer der wenigen Ökonomen, die nicht aus dem Mainstream ordo- und neoliberaler Lehren schöpfen.

In seinem Werk „Mythen der Gesundheitspolitik“, gerade in vollständig überarbeiteter dritter Auflage im Hogreve-Verlag erschienen, werden zwölf Wiedergänger der gesundheitspolitischen Diskussion näher betrachtet wie unter anderem der Mythos („behauptete Wahrheit“) der Kostenexplosion, der Lohnnebenkosten oder Unfinanzierbarkeit des Systems durch Sachleistungsprinzip und Umlagefinanzierung. In verständlicher Sprache wird so mancher Sachverhalt aufs Korn genommen, der Eingang in Talkshows, Leitartikel und andere Medien gefunden hat und sich hartnäckig hält. So zum Beispiel die Zweiklassenmedizin: Zwar bestehen nach Auffassung von Reiners ärgerliche Unterschiede bei den Wartezeiten, die aber nach Auffassung des Ökonomen nicht eine systematisch schlechtere medizinische Versorgung implizieren. Ob eine steuerfinanzierte Gesundheitsversorgung notwendigerweise gerechter sein muss als das gegenwärtige, durch Sozialbeiträge finanzierte System der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung, stellt Reiners argumentativ infrage. Hoffnungen allerdings, durch Kostenerstattung und Zuzahlungen sowohl eine rationalere Inanspruchnahme oder gar Ersparnisse realisieren zu können, werden nicht genährt. Nicht zuletzt aufgrund der Bandbreite der Thematik polarisieren einige Beschreibungen und fordern zur Diskussion heraus wie beispielsweise der „Mythos vom Arztmangel“. Es stimmt zwar, dass noch nie so viele Ärztinnen und Ärzte tätig sind wie heute. Arbeitszeitgesetze, Trend zur Teilzeitarbeit, Bürokratie und Rückgang von Selbstständigen führen dennoch zu einer Verknappung ärztlicher Behandlungszeit und damit zu einem zumindest relativen Mangel. So gesehen erscheint mancher Mythos bei genauerer Betrachtung eher als Paradoxon. Ergänzt wird das Werk um einen Parforceritt durch die maßgeblichen Gesundheitsreformen der letzten Jahrzehnte.

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Wer sich für eine kurzweilige, differenzierte Befassung mit immer wiederkehrenden Fragestellungen der Gesundheitspolitik interessiert, findet in dem Buch Argumente und Reibungsflächen für laufende und kommende Gesundheitsreformen.

Dr. med. Bernhard Gibis

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