ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2018Patientenversorgung unter Druck: Gegen die Kommerzialisierung

POLITIK

Patientenversorgung unter Druck: Gegen die Kommerzialisierung

Dtsch Arztebl 2018; 115(48): A-2211 / B-1821 / C-1799

Osterloh, Falk

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Kommerzialisierung des Gesundheitssystems hat zu einer Arbeitsverdichtung geführt, die die Patientenversorgung und die Gesundheit der Ärzte gefährdet. Auf einer Tagung der Bundes­ärzte­kammer forderten Experten Änderungen am DRG-System – und mehr Widerstand der Ärzteschaft.

Fotos: Georg J. Lopata
Fotos: Georg J. Lopata

Der ärztliche Berufsstand darf nicht durch pure Öko­nomi­sierung zerschlagen werden. Sonst wird aus dem Traumberuf Arzt ein Albtraumberuf.“ Das sagte der frühere Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, zu Beginn des 105. Deutschen Ärztetags in Rostock im Jahr 2002. Heute, 16 Jahre später, ist die Öko­nomi­sierung des Arztberufes noch deutlich weiter vorangeschritten. Auf einer Tagung der BÄK machten Experten eine Bestandsaufnahme – und suchten nach Lösungsansätzen.

Anzeige

Zunächst betonte BÄK-Präsident Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery jedoch den Unterschied zwischen Ökonomie und Kommerzialisierung. „Wir Ärzte sind der Ökonomie verpflichtet“, erklärte er zu Beginn der Tagung „BÄK im Dialog – Patientenversorgung unter Druck“ am 16. November in Berlin. „Ein sparsames, wirtschaftliches Verhalten ist ein Grundprinzip, das auch Ärzten abverlangt werden kann. Denn nichts ist unsolidarischer, als mit dem Geld der Versicherten verschwenderisch umzugehen.“ Ökonomisches Handeln habe im Gesundheitswesen insofern seine Berechtigung. Die Ökonomie müsse aber den Zielen der Medizin dienen und nicht umgekehrt.

Unter Druck gerieten die Ärzte hingegen durch eine zunehmende Kommerzialisierung des Systems. Als Grundübel dieser Entwicklung wird häufig das DRG-System genannt. „Ich halte das DRG-System im Kern für richtig“, betonte Montgomery. „Es gibt keine Alternative dazu.“ Falsch sei jedoch, das System zu 100 Prozent über DRGs zu finanzieren, so wie es in Deutschland geschehe.

Georg Marckmann forderte, ethische Vorgaben in das DRG-System zu integrieren.
Georg Marckmann forderte, ethische Vorgaben in das DRG-System zu integrieren.

Prof. Dr. med. Georg Marckmann, Vorstand des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin der Ludwig-Maximilians-Universität München, sprach sich vor diesem Hintergrund dafür aus, ethische Vorgaben in das DRG-System zu integrieren. „Ein Krankenhaus wird nicht ethisch geführt, sondern betriebswirtschaftlich“, betonte er. „Mit Ethik dagegen zu halten, wird nicht funktionieren.“ Ethische Vorgaben in ein Finanzierungssystem zu integrieren, sei jedoch nicht leicht, denn Führungsqualität und ein guter Umgang mit Mitarbeitern, zum Beispiel, seien schlecht zu objektivieren. Solche Informationen könnten allerdings über Mitarbeiterbefragungen erhoben werden. „Wenn sich die Mitarbeiter wohlfühlen, wenn sie motiviert sind, kann dadurch auch die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Krankenhauses gestärkt werden“, sagte Marckmann.

Kinder brauchen mehr Zeit

Im politischen Berlin wird derzeit darüber diskutiert, wie das DRG-System umgestaltet werden sollte. Im Pflegepersonal-Stärkungsgesetz hat der Bundestag am 9. November festgelegt, dass die Kosten für das Pflegepersonal ab 2020 aus den Fallpauschalen herausgerechnet und zwischen Krankenkassen und Krankenhäusern individuell verhandelt werden sollen. Die BÄK und andere Verbände fordern, dass analog auch mit den Kosten für den ärztlichen Dienst verfahren werden soll.

Annic Weyersberg sprach sich für eine Herausnahme der Pädiatrie aus dem DRG-System aus.
Annic Weyersberg sprach sich für eine Herausnahme der Pädiatrie aus dem DRG-System aus.

Dr. med. Annic Weyersberg vom „Cologne Center for Ethics, Rights, Economics, and Social Sciences of Health“ der Universität zu Köln nannte Argumente, weshalb die Kinderheilkunde ebenfalls außerhalb des DRG-Systems vergütet werden müsse. „Kinder brauchen mehr Ressourcen und mehr Zeit“, sagte sie. Deshalb seien die Personalkosten höher als in anderen Fachrichtungen. Weil es ein überdurchschnittlich großes Leistungsspektrum gebe, seien zudem die Vorhaltekosten sehr hoch. „Das hat dazu geführt, dass viele Abteilungen schließen mussten: jede fünfte Kinderklinik seit 1991“, so Weyersberg. „Im Gegensatz dazu sind die Fallzahlen deutlich angestiegen und die Verweildauer hat sich halbiert. Dadurch kam es zu einer enormen Leistungsverdichtung, die durch Sparmaßnahmen beim Personal weiter verschärft wurde.“ Immer mehr Kinderkliniken meldeten sich deshalb von der Versorgung ab. So gebe es bereits Versorgungsengpässe und längere Anfahrtswege. „Darin liegt ein erhöhtes Gefährdungspotenzial“, betonte die Pädiaterin.

Eine Folge des DRG-Systems sind Verträge mit leitenden Ärzten, die Zielvereinbarungen enthalten. Mittlerweile muss die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) in ihren Empfehlungen für solche Verträge zwar sicherstellen, „dass Zielvereinbarungen ausgeschlossen sind, die auf finanzielle Anreize insbesondere für einzelne Leistungen, Leistungsmengen, Leistungskomplexe oder Messgrößen hierfür abstellen“. So steht es im Gesetz. Doch viele Häuser nähmen solche Zielvereinbarungen dennoch in die Arbeitsverträge mit auf, wie die Präsidentin der Ärztekammer Bremen, Dr. med. Heidrun Gitter, erklärte. 2013 haben die BÄK und der Verband der Leitenden Krankenhausärzte Deutschlands eine Koordinierungsstelle eingerichtet, an die leitende Ärzte ihre Verträge schicken können, um sie überprüfen zu lassen. „Wir haben festgestellt, dass darin weiterhin gegen die Intentionen des Gesetzgebers verstoßen wird“, sagte Gitter. Ein Grund dafür seien die bestehenden Sanktionen. Heute müssen Kliniken in ihren Qualitätsberichten aufführen, wenn sie sich nicht an die Vorgaben der DKG halten. Dies sei nicht ausreichend, betonte Gitter und kündigte an, mit dem Gesetzgeber über härtere Sanktionierungen zu sprechen.

Eine Menge an Kapital

Der Druck im Gesundheitswesen wird zusätzlich erhöht durch private Kapitalgeber, die einen Teil der Erlöse der Häuser als Rendite einfordern. Die Sichtweise dieser Investoren erklärte Dr. rer. nat. Franz-Robert Klingan von der Unternehmensberatung Bain & Company. „Es gibt eine Menge an Kapital, das eine Anlage sucht“, sagte er. Die Investoren seien dabei rationale Menschen, die ihr Geld dort anlegten, wo es eine Rendite erwirtschafte. Und das sei im deutschen Gesundheitswesen der Fall.

„Denn es gibt ineffiziente Leistungsbereiche, in denen Kapazitätsreserven bestehen“, so Klingan. „Der Anreiz für die Investoren ist: Alle werden gleich vergütet. Wer mit diesem Geld ineffizient arbeitet, erhält weniger Rendite. Wer aber effizient arbeitet, erhält mehr.“ Deutschland sei dabei besonders attraktiv für die Eigenkapitalgeber, weil es hier relativ stabile und verlässliche Rahmenbedingungen gebe. Deshalb sei auch nicht davon auszugehen, dass die Attraktivität des deutschen Gesundheitswesens für Private-Equity-Unternehmen nachlasse. Bereits heute sei eine erhebliche Konsolidierung im Markt eingetreten, zum Beispiel durch die Verbreitung von Medizinischen Versorgungszentren (MVZ).

„In der ambulanten Versorgung sind viele einzelne Praxen zu MVZ-Ketten zusammengeführt worden“, sagte Klingan. Ein Grund dafür sei auch, dass Ärzte, die ihre Praxis verkaufen wollen, häufig keinen Nachfolger fänden. Wenn dann ein Investor komme und die Praxis zu einem vernünftigen Wert abnehme, ergriffen viele Ärzte diese Chance. BÄK-Präsident Montgomery konstatierte: „Wir brauchen Regelungen, mit denen die Größe von MVZ und Ketten auf ein für die Versorgung sinnvolles Maß begrenzt wird.“ Vorstellbar sei zum Beispiel eine zeitliche Begrenzung der Zulassung von MVZ.

Wenn das Rad der Kommerzialisierung zu weit gedreht werde, wenn zum Beispiel die Patient-Arzt-Beziehung durch diese Entwicklung eingeschränkt werde, sei es die Aufgabe der Ärzteschaft, darauf hinzuweisen und Stellung zu beziehen, meinte Klingan. Wenn die Politik die regulatorischen Vorgaben dann verändere, würden auch die Investoren vorsichtiger werden. Klingan rief die Ärzteschaft zudem dazu auf, selbst in eigene Unternehmen zu investieren. „Wenn Sie das tun, haben Sie eine andere Form der Kontrolle“, sagte er.

Auch andere Referenten betonten, dass die Verantwortung, die Kommerzialisierung im System einzudämmen, auch bei den Ärztinnen und Ärzten liegt. Dr. med. Susanne Johna aus dem BÄK-Vorstand nannte die Notfallversorgung als Beispiel: „Wir hören von der Geschäftsführung: Im Vergleich mit anderen Kliniken innerhalb unseres Konzerns nehmt ihr zu viele pflegebedürftige Patienten auf. Gegen so etwas müssen wir Ärzte uns wehren!“ Das sei zwar für jeden einzelnen schwer. Deshalb „müssen wir uns öfter zusammentun und sagen: Das lassen wir nicht mit uns machen“, forderte sie.

Die Präsidentin der Ärztekammer Thüringen, Dr. med. Ellen Lundershausen, stimmte zu. „Es ist nicht gottgegeben, dass Chefärzte zu den Vorgaben der Geschäftsführer ‚Ja und Amen‘ sagen müssen“, betonte sie. „Das ist auch ein Problem für die jungen Ärzte. Wenn junge Ärzte einen Chef haben, der vor den Geschäftsführern einknickt, denken sie, das sei normal. Wenn sie hingegen einen kritischen Chef haben, werden sie vielleicht selbst einmal kritischer gegenüber der Geschäftsführung auftreten.“

„Wir verlieren den Respekt“

Eine junge Ärztin aus dem Publikum bestätigte diese Meinung. „Wir verlieren den Respekt vor den Chefärzten, die vor den kaufmännischen Geschäftsführern einknicken“, betonte diese und meinte: „Ich glaube, dass wir jungen Ärztinnen und Ärzte das anders machen werden.“ Falk Osterloh

Kommentar

Falk Osterloh, Deutsches Ärzteblatt

Der Kapitalismus setzt Anreize, sich anzustrengen. Ein hohes Engagement verheißt Erfolg und finanzielle Gewinne. Per se ist das nichts Schlechtes. Doch im Gesundheitswesen sollte es in erster Linie nicht darum gehen, Geld zu verdienen, sondern um gute medizinische Versorgung. Um diese zu erreichen, ist die Mitarbeiterzufriedenheit von zentraler Bedeutung. Zudem hat der Kapitalismus eine Kehrseite: Er befördert die Gier. Denn den Renditeerwartungen sind nach oben praktisch kaum Grenzen gesetzt. Im Gesundheitswesen bedeutet das: Beim Personal wird bis an die Schmerzgrenze gespart – und teilweise auch deutlich darüber hinaus. Wie es den Mitarbeitern geht, ist dabei zweitrangig. Solange die Patienten die betreffenden Krankenhäuser weiter aufsuchen, scheint auch ihr Befinden zweitrangig zu sein. Und die Erfahrung lehrt: Solange die Anreize bestehen, werden sie auch verfolgt. Eine Selbstbegrenzung ist nicht vorgesehen. Deshalb müssen Regulierungen von außen dafür sorgen, dass die Renditegier begrenzt wird und das Wohl von Patienten, Ärzten und Pflegekräften wieder an die erste Stelle rückt.

<b>Ellen Lundershausen,</b> Präsidentin der LÄK Thüringen Start

Video

Ellen Lundershausen, Präsidentin der LÄK Thüringen

<b>Susanne Johna,</b> Vorstandsmitglied der BÄK Start

Video

Susanne Johna, Vorstandsmitglied der BÄK

<b>Heidrun Gitter,</b> Präsidentin der LÄK Bremen Start

Video

Heidrun Gitter, Präsidentin der LÄK Bremen

<b>Stephan Hofmeister,</b> stellv. Vorstandsvorsitzender der KBV Start

Video

Stephan Hofmeister, stellv. Vorstandsvorsitzender der KBV

<b>BÄK im Dialog:</b> Patientenversorgung unter Druck Start

Video

BÄK im Dialog: Patientenversorgung unter Druck

www.aerzteblatt.de/wettbewerb

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige