ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2018Antibiotika: Riskante Abhängigkeit vom Ausland

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Antibiotika: Riskante Abhängigkeit vom Ausland

Dtsch Arztebl 2018; 115(49): A-2290 / B-1876 / C-1850

Richter-Kuhlmann, Eva

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Antibiotika werden zunehmend in Asien produziert. Dass dies Gefahren mit sich bringt, zeigen diverse Skandale und Lieferengpässe. Rufe nach einer Rückverlagerung der Produktion nach Europa werden lauter. Doch diese hat ihren Preis, wie eine vom Herstellerverband Pro Generika in Auftrag gegebene Studie jetzt zeigt.

Viele Wirkstoffe und Vorstufen von Medikamenten werden aus Schwellenländern außerhalb der EU importiert, vor allem aus China und Indien. Foto: A_Bruno-stock.adobe.com
Viele Wirkstoffe und Vorstufen von Medikamenten werden aus Schwellenländern außerhalb der EU importiert, vor allem aus China und Indien. Foto: A_Bruno-stock.adobe.com

Die Zeiten, in denen Deutschland als „Apotheke der Welt galt, sind längst vorbei. Stattdessen häufen sich hierzulande bei der Arzneimittelversorgung Lieferengpässe und Skandale. Ein Grund dafür ist die seit Jahren zunehmende Konzentration der Arzneimittelproduktion außerhalb der Europäischen Union, vor allem in Asien. Einen neuen Höhepunkt erreichte diese Entwicklung in den letzten Monaten mit dem Skandal um den Angiotensin-2-Rezeptorblocker Valsartan, bei dem der verunreinigte Wirkstoff aus einem Werk in China stammte. 2017 war die antibiotische Versorgung betroffen: Es mangelte an der Wirkstoffkombination Piperacillin/Tazobactam, nachdem eine Produktionsstätte in China explodiert war, in der ein großer Teil des weltweit eingesetzten Wirkstoffs beziehungsweise seiner Vorstufen hergestellt wurde.

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Viele Ärzte und Apotheker sehen durch die Auslagerung der Arzneimittelproduktion die Patientensicherheit gefährdet. Der Ausfall von Piperacillin/Tazobactam war besonders kritisch, weil die Wirkstoffkombination wegen ihres breiten Spektrums – auch im gramnegativen Bereich – bei verschiedenen schweren Infektionen unentbehrlich war und ein Ausweichen auf andere Präparate schwierig.

Prof. Dr. med. Karl Broich, Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, wies auf eine weitere Problematik hin: Ein Ausweichen auf andere Antibiotika sei mit der Gefahr der Resistenzbildung verbunden, sagte er bei einer Dialogveranstaltung des Verbandes Pro Generika Ende November in Berlin. „Eine Vermeidung von Monopolisierung ist in unserem Interesse.“

„Um die Versorgungssicherheit bei Arzneimitteln zu erhöhen, ist eine Stärkung der heimischen Produktion notwendig. Dieser Weg ist komplex und kann nicht von einem Akteur alleine getragen werden“, betonte Wolfgang Späth, Vorstandsvorsitzender Pro Generika und Vorstand von Hexal. Man wolle mit der Politik Ansätze diskutieren, wie eine Rückverlagerung von Teilen der Wirkstoffproduktion nach Europa gewährleistet werden könne.

Machbar, aber teuer

Input liefert dazu die Machbarkeitsstudie „Versorgungssicherheit mit Antibiotika: Wege zur Produktion von Antibiotikawirkstoffen in Deutschland beziehungsweise der EU“, erstellt im Auftrag der Generikaindustrie von der Unternehmensberatung Roland Berger. Diese untersucht am Beispiel der Cephalosporine drei Modelle, wie die Wirkstoffproduktion wieder in Europa intensiviert werden könnte.

Das Ergebnis stimmt nicht optimistisch: Die Rückverlagerung der Produktion von Antibiotikawirkstoffen sei in allen drei durchgerechneten Szenarien – die auf unterschiedlich hohen Mengenproduktionen basieren – nicht wirtschaftlich, sagte Dr. Morris Hosseini, Senior Partner Roland Berger, bei der Dialogveranstaltung. Die Gründe dafür seien höhere Personal- und Investitionskosten in Deutschland und Europa sowie höhere Standards. Für die Produktion von 100 Tonnen Cephalosporin-Wirkstoffen zur Abdeckung des innerdeutschen Verbrauchs müsse man mit 55 Millionen Euro Mehrkosten rechnen.

Ruf nach staatlicher Hilfe

Als Lösung für das Dilemma schlägt die Unternehmensberatung eine staatliche Unterstützung vor. Diese könne auf drei Wegen funktionieren: erstens durch staatliche Eingriffe beim Preis, zweitens durch Subventionen oder drittens durch eine Förderung von Herstellern, die Kapazitäten für die Produktion bereitstellen. Sollte man sich für eine Verlagerung der Mehrkosten auf den Preis entscheiden, käme der Studie zufolge auf die Krankenkassen, die jährlich rund 22 Milliarden Euro für Arzneimittel ausgeben, ein Kostenanstieg von 0,25 Prozent zu.

Eine „einfache Zusatzfinanzierung für Antibiotika“ in Deutschland ist für Broich jedoch keine zufriedenstellende Lösung. „Wir müssen auch die anderen europäischen Länder mitnehmen“, sagte er. Viele Länder seien an einer Rückführung der Medikamentenproduktion nach Europa interessiert. Auch Michael Hennrich, Arzneimittelexperte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, würde eine europäische Lösung favorisieren. „Die Wichtigkeit des Themas ist erkannt“, sagte er und versprach, die Diskussion über die möglichen Lösungswege in den zweiten Pharmadialog aufzunehmen. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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