ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2018Schwangerschaftsabbruch: Ehrlich diskutieren
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Bemerkenswert ist der Beitrag ..., weil er das Thema von einer Seite beleuchtet, die in Deutschland gefühlt völlig verloren gegangen ist: die moralische Diskussionswürdigkeit von Schwangerschaftsabbrüchen überhaupt. Mein Eindruck ist, dass man sehr leicht in die übliche Ecke gestellt wird, wenn man eine vom Mainstream deviante Meinung dazu hat. Die Konfliktlinien lauten etwa so: Befürworter einer immer liberaleren Regelung (oder komplette Ent-Regelung) = fortschrittlich, modern, gut für die Frauen allgemein; dagegen Befürworter einer restriktiven Handhabung = rückständig, radikal, fundamentalistisch, frauenfeindlich.

Herr Eckart schreibt: „Abtreibungswilligen Ärzten ist die Sicherheit ihres Handelns ... zu gewähren“. Interessanter Punkt. Ist eigentlich die Sicherheit und Würde von abtreibungsunwilligen Ärzten gewährleistet? Kann ein Assistenzarzt den Facharzt für Gynäkologie erreichen, wenn er sich aus Gewissensgründen weigert, Abtreibungen vorzunehmen? Kann ein Gynäkologe, der im Krankenhaus arbeitet, mit Verständnis seines Arbeitgebers und Schutz der Justiz rechnen, wenn er sich weigert, Abtreibungen vorzunehmen?

... Gesetze entfalten eine normative Kraft, d. h., sie bilden nicht nur die politische Absicht ab, sondern formen gesellschaftliche Ansichten. Die bisherige „Lösung“ im Abtreibungsrecht hat formal Beratung vor die Abtreibung gestellt. Faktisch ist allen klar, dass diese Beratung den Namen nicht verdient. Wie Herr Eckart zum Schluss dankenswerterweise anmerkt, fehlt nahezu vollkommen ein Angebot nachgeburtlicher Sorgegewährung von austragungswilligen Schwangeren. Von Institutionen, die keine Beratungsscheine ausstellen, einmal abgesehen, findet keinerlei wirklich neutrale Beratung, geschweige denn Werbung und Hilfsangebote für Nicht-Abtreibung statt (wozu der Staat verpflichtet wäre, da Abtreibung bekanntlich nur straffrei, aber dennoch rechtswidrig ist). Aber die gegenwärtige gesetzliche Regelung hat durch ihre normative Wirkung dazu geführt, dass Abtreibung heute eben nicht mehr moralisch-ethisch diskutiert wird, sondern nur noch technisch. Das mag im Sinne einiger Gruppierungen sein, ändert aber nichts an der Fragwürdigkeit dieses Zustandes.

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Eine Liberalisierung auch des Werbeverbotes wird genau den gleichen Effekt haben: Irgendwann ist Abtreibung nur noch eine „ganz normale“ Dienstleistung. Das aber sollte sie im Interesse unserer Gesellschaft niemals werden. Es geht immer – egal, welchen moralischen Standpunkt man dazu einnehmen möchte – um die Beendigung einer potenziellen Biografie. Ob das wirklich nur eine Frage von Frauenrechten ist, bliebe ehrlich zu diskutieren.

Dr. med. Gernot Steffen, 18581 Lauterbach

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