ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2018US-Ärzte: Gegen die Waffenlobby

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US-Ärzte: Gegen die Waffenlobby

Dtsch Arztebl 2018; 115(49): A-2288 / B-1875 / C-1849

Gerste, Ronald D.

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Die US-Waffenlobby National Rifle Association hat sich mit den Ärztinnen und Ärzten in den Vereinigten Staaten angelegt, als sie diesen nahelegte, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Dies provozierte scharfe Reaktionen im Internet.

Dr. med. Ronald D. Gerste, Wissenschaftsjournalist
Dr. med. Ronald D. Gerste, Wissenschaftsjournalist

In den USA sind Massaker inzwischen Teil der Alltagsrealität und die Nachrichten künden auf traurige Weise in regelmäßigen Abständen von Schauplätzen, die neu und doch irgendwie altbekannt sind: ein Nachtklub oder eine Schule, eine Shopping Mall oder ein Kino, Großraumbüros oder Häuser der Glaubensausübung. Die Reaktion der meisten Politiker ist so stereotyp, dass sie inzwischen als bittere Ironie zitiert wird: Die „Gedanken und Gebete“, in denen man die Opfer und ihre Familien halten wolle, sind als Phraseologie erschütternde Dokumente je nach Standort der Machtlosigkeit, entweder des Unvermögens, aufgrund der Mehrheitsverhältnisse etwas ändern zu können, oder des Negierens eines gewaltigen gesellschaftlichen und epidemiologischen Problems.

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Die Zahl der Toten nach Schusswaffengebrauch ist nach Angaben der Centers of Disease Control and Prevention mit jährlich 36.252 höher als jene der Verkehrstoten. In manchen Krankenhäusern ist „gunshot wound“ eine der häufigsten Diagnosen in der Notfallambulanz – vor allem in Metropolen wie Chicago, wo die Zahl der als Folge von Schusswaffengebrauch Verstorbenen oder Verletzten längst als Epidemie bezeichnet wird.

Gerade den an solchen Brennpunkten arbeitenden Ärztinnen und Ärzten ist jetzt der sprichwörtliche Geduldsfaden gerissen. Auslöser ist die Reaktion der Waffenlobby National Rifle Association (NRA) auf eine Stellungnahme des American College of Physicians in den Annals of Internal Medicine vom 30. Oktober, in der Schusswaffengewalt als nationale Gesundheitskrise der USA bezeichnet wird, welche die sofortige Aufmerksamkeit der Nation erfordere. Den Ärzten sandte die NRA einen Tweet, der an Überheblichkeit kaum zu toppen sein dürfte: „Jemand sollte den sich wichtig nehmenden ,Anti gun‘-Doktoren sagen ,to stay in their lane‘. Die medizinische Community scheint niemanden konsultiert zu haben als sich selbst.“

Die Forderung der einflussreichen Lobby an die Ärzteschaft, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern, hat zahlreiche massive Reaktionen von Medizinern ausgelöst, die in den US-amerikanischen Medien eine bislang nicht bekannte Aufmerksamkeit erregt haben. So posteten Klinikmitarbeiter als Reaktion unmittelbare, teilweise mit grausigen Fotos unterlegte Eindrücke. „Das ist die Kugel, die ich aus dem Gehirn eines 6 Monate alten Kindes entfernte. „@NRA, you created my lane!“ twitterte ein Notarzt, eine Kollegin schrieb: „Meine Angelegenheit ist eine schwangere, in einem Augenblick der Wut von ihrem Partner angeschossene Frau. Sie überlebte, weil das Baby die Kugel aufgehalten hat. Haben Sie schon einmal ein zerfetztes Baby entbunden?“

Der Wille, gegen Schusswaffengewalt deutlich Stellung zu beziehen, scheint sich unter Amerikas Ärzten gegen bisherige Widerstände Bahn zu brechen. „In dieser Frage“, so schreibt Dr. Esther Choo von der Oregon Health and Science University, „hat sich die medizinische Community bislang einer Zensur unterworfen, zu unserer Scham und unserem Bedauern.“ Der Traumachirurg Jacques Mather vom Prince George’s Hospital Center in Maryland (einer von Schusswaffengewalt heimgesuchten Region vor den Toren der Hauptstadt Washington) sieht in der Washington Post, die wie viele Topmedien den Ärzten nach der NRA-Verbalattacke ein Forum bietet, die Nation an einem Scheideweg: „Wir haben zwei Möglichkeiten. Wir können entweder den Waffengebrauch in diesem Land deutlich einschränken oder wir entscheiden einfach, dass es für uns ethisch und moralisch in Ordnung ist, wenn Menschen sinnlos durch Waffengewalt sterben.“

Angesichts des hohen Ansehens, das der Ärztestand, die Pflegekräfte und andere medizinische Berufsgruppen in den USA genießen, haben die jetzt erhobenen Stimmen des Widerstandes gegen die Anmaßung der Waffenlobby, den Medizinern einen Maulkorb zu verpassen, wenn es um eine wahre Epidemie und einen Schandfleck auf das Ansehen der USA geht, möglicherweise größeren Einfluss als Politikerstatements, denen niemand mehr glaubt. Es war die geduldige Arbeit von Ärzten und Wissenschaftlern, andere große öffentliche Gesundheitsrisiken zu mindern oder zu besiegen: Die Bekämpfung des Rauchens, die Anschnallpflicht sind Beispiele. Diese Stimmen müssen auch weiter Gehör finden nach dem Sprichwort, das im Englischen lautet: „Constant dripping wears the stone“. Anlässe wird es, bevor sich etwas zum Besseren wendet, wohl auch weiterhin reichlich geben.

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