ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2018Trotz Laientrends in der Medizin: Intaktes Arzt-Patienten-Verhältnis

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Trotz Laientrends in der Medizin: Intaktes Arzt-Patienten-Verhältnis

Dtsch Arztebl 2018; 115(49): A-2284 / B-1873 / C-1847

Enderer-Steinfort, Gerda

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Etwaige Ängste, der Wissenszugang durch das Internet könne ärztliches Fachwissen und die Besonderheiten des Arztberufs überflüssig machen, sind unbegründet.

In Zuge der Digitalisierung wird die Rolle des Arztes für den Patienten nicht überflüssig, sondern zunehmend wichtiger. Foto: picture alliance
In Zuge der Digitalisierung wird die Rolle des Arztes für den Patienten nicht überflüssig, sondern zunehmend wichtiger. Foto: picture alliance

Einer der ersten invasiven Versuche der Medizin-„Laien“, sich fachlichen Argumenten zum Trotz Zugang zu den heiligen Gefilden der Kliniken zu verschaffen, war der in den Siebzigerjahren aufkommende Wunsch der Schwangeren, künftigen Vätern die Anwesenheit bei der Entbindung zu gestatten. Ganz speziell die Hebammen liefen Sturm gegen diese aus ihrer persönlichen Sicht völlig unzumutbare Forderung, schon allein aus hygienischen Gründen. Aus Gründen des Wettbewerbs, der psychosomatischen Erwägungen oder auch nur der mangelnden Widerstandsfähigkeit hat die heute übliche Begleitung der Partner den Sieg davongetragen.

In den Folgejahrzehnten nahmen derartige Trends auch in anderen Bereichen der Medizin zu – mit allen Vorteilen der Angstauflösung der betroffenen Patienten sowie mit den Nachteilen von Reibungsverlusten in der Klinikorganisation. Mit der Stärkung der Patientenrechte einschließlich eingehender Aufklärung vor jeder geplanten Maßnahme auch im ambulanten Bereich sowie zeitnahem Anspruch auf Einsicht in die eigenen Unterlagen erhielt das politisch offensichtlich unerwünschte Gefälle zwischen Arzt und Patienten eine weitere Abflachung.

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Solche Szenarien waren noch in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts unvorstellbar, wurden insofern nicht praktiziert. Der Kammer-Kodex verlangte eindeutig eine strikte Trennung zwischen Arzt und Laienwelt. Untersuchungen erfolgten allein zwischen Arzt und Patient. Fachliche Belange wurden einzig und allein zwischen den beteiligten Ärzten ausgetauscht. Allenfalls das Endergebnis wurde den Patienten mitgeteilt. Verglichen mit jetzigen Umgangsformen erscheint die vergangene Medizinwelt anachronistisch und zutiefst antiquiert. Allerdings nur auf den ersten Blick. Die gerade eben vergangene „mittelalterliche“ Epoche ärztlicher Gepflogenheiten unter der Kontrolle ihrer Kammer war das Ergebnis einer hochberechtigten und sinnvollen Entscheidung im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Professionelle Distanz

Bis zu dieser Zeit war die Medizin eine reine Erfahrungswissenschaft und wurde von höchst unterschiedlich qualifizierten Persönlichkeiten mit mehr oder weniger guten Ergebnissen praktiziert. Die überwiegend naturwissenschaftliche Betrachtungsweise fand erstmals durch Köpfe wie Virchow und Koch Eingang in den ärztlichen Beruf, dem damals die weitverbreitete „Scharlatanerie“ ausgetrieben werden sollte.

Ähnlich wie die handwerklichen Zünfte sollte er eine Struktur erhalten, in der man sich über die wichtigsten Prinzipien der eigenen Lehre einigte. Deshalb wurden Ärztekammern gegründet. Diese Entscheidung ist aus heutiger Sicht als erster Schritt in Richtung Qualitätssicherung und somit sehr fortschrittlich zu werten. Nicht länger sollte jeder Heiler alles behaupten dürfen, was ihm gerade einfiel, sondern seine Maßnahmen sollten sich allgemein anerkannten Prinzipien unterwerfen. Die Gründung der Ärztekammern hat insofern einen wesentlichen Beitrag zum Fortschritt der Medizin geleistet, und zwar durch glasklare Regulierung dessen, wie sich ein Arzt zu verhalten und was er kraft eigener Weiterbildung seinen Patienten zu vermitteln hat und was eben nicht. Jeder Arzt, jede Ärztin ist nach wie vor an das Berufsrecht gebunden. Es gewährleistet bei allem Ärger über die damit verbundene Bürokratie eine gewisse Standarduntergrenze.

Diese notwendige Standardisierung scheint nach Ansicht eines Großteils unserer Bevölkerung mit der technischen Revolution Internet überflüssig geworden zu sein. Nachdem per Google et al. heutzutage doch jeder die erforderlichen Informationen zu seinen dringenden medizinischen Fragen sofort auf dem Schirm habe, entfalle die Notwendigkeit professioneller Distanz zwischen Ärzten und „Laien“, die bis heute durch den Berufskodex der Ärztekammern aufrechterhalten bleibt. Die grassierende Angst vor Patientenverlust angesichts des digital ermöglichten „Ausverkaufs“ des mühsam erlernten ärztlichen Wissens hat zu einer teilweise bedauernswerten De-Professionalisierung geführt. Die Folge: Aus Haltung wurde Anbiederung, aus klarer Ansage Verhandlung und aus sachlicher Information emotionalisiertes Werbetexten. Ziel: Auf gar keinen Fall sollte das Netz Ärzte überflüssig machen. Aber alle diesbezüglichen Ängste waren völlig unbegründet. Die technische Entwicklung hat genau das Gegenteil bewirkt.

Arbeitsbeschaffung via Internet

Weil heute jedes versehentlich entschlüpfte ärztliche Stichwort, jede Verdachtsdiagnose auf der Stelle zu eifrigem Surfen führt, sehen sich naive Sucher mit Antworten konfrontiert, die an Dramatik nichts zu wünschen übrig lassen. Im Internet geht ohne Hinweis auf „Krebsgefahr“, „Behinderung“, „lebenslange Entstellung“ oder Verdacht auf „Ärztepfusch“ praktisch nichts mehr. Wer früher einige Tage abwarten musste, sucht heute am Folgetag der Erstkonsultation seine Ärzte auf, um die „vollständige Aufklärung“ über das ihn möglicherweise betreffende Krankheitsbild einzufordern. Den aufgeschreckten Patienten scheint nicht bewusst zu sein, dass ihre Internet-Gläubigkeit sie zu Opfern einer Informationsüberflutung macht, die sie mangels eigenen Wissens nicht wirklich angemessen sortieren und emotional bewältigen können.

De facto haben sie es exakt mit dem gleichen Szenario zu tun, das Ende des 19. Jahrhunderts die Einrichtung der Kammern erforderte. Damals konnte ein Großteil des Informationsunsinns weitgehend eingedämmt werden. Das ist heute aufgrund der schnelleren Übermittlungszeiten nicht mehr möglich. Daher sind Laien von heute ebenso wenig wie die Laien von 1870 in der Lage, zwischen sachlich begründeter Darstellung, Dramatisierung oder schlichter Fehlinformation zu unterscheiden. Der Unterschied der beiden hier verglichenen Laiengruppen liegt in der weitestgehenden Naivität und Unterwürfigkeit damals und der diametral entgegengesetzten subjektiven Einbildung gleicher Wissensausstattung heute, die in der Konsequenz eben auch an Naivität grenzt.

Deshalb wird auch die wohlmeinendste Demokratisierung und perfekteste Digitalisierung am fachlichen Gefälle zwischen Arzt und Patienten nicht rütteln können. Sechs Jahre angestrengten Studiums sowie tägliches ärztliches Training machen einen deutlichen Unterschied zwischen dem Arzt und dem lediglich „surfenden“ Patienten aus. Die je nach Zielsetzung und Nebenwirkungen begrüßten oder missbilligten „Laientrends“ in der Medizin werden sich möglicherweise nicht aufhalten lassen, dazu ist der ärztliche Beruf viel zu interessant.

Keinesfalls aber werden sie jemals die Besonderheit der Arzt-Patienten-Begegnung komplett auflösen können. Das liegt in der Natur der Sache. Hier treffen sich nämlich zwei Menschen, die wegen der eben nicht vorhandenen kompletten Gesundheit des einen bei hoffentlich vollständiger Unversehrtheit des anderen eines hierfür extra reservierten gesellschaftlichen Schonungsraumes bedürfen.

Ein ähnliches Szenarium finden wir bei Anwälten, die einem Delinquenten unabhängig von seiner tatsächlichen Schuld erst einmal solidarisch zur Seite stehen und ihn unterstützen müssen. Auch hier besteht ein Gefälle zwischen dem stets gesetzestreuen Juristen und dem möglichen Gesetzesbrecher. Niemand würde diesen Schutzraum ernsthaft angreifen. Der dritte gesellschaftliche Schutzraum jenseits aller politischen Parolen findet sich im Bereich der Theologie. Der hier allen Zweifelnden gegenüber als notwendig geltende Schonungsbereich bedarf keiner besonderen Rechtfertigung.

Hohe Verpflichtungen

Diese drei Berufe sind mit der Insuffizienz menschlichen Daseins beschäftigt. Sie können deshalb nicht im Mittelpunkt der allgemeinen Politisierung stehen, die ja vollständige physische, psychische und gesetzestreue Mündigkeit voraussetzt. Sie fehlt bei Kranken wie Delinquenten oder auch religiös Gebundenen, deren metaphysische Vorstellungen kein Thema bürgerlicher Gesetzestexte sein können und die sich in ihrer Not an die Kirchen wenden.

Deshalb gelten Ärzte, Juristen und Theologen als Ausnahmeberufe und im entsprechenden Schrifttum häufig als die wahren Professionen parallel zur Staatsgewalt. Ihnen werden hohe Verpflichtungen auferlegt, aber auch Rechte eingeräumt, die sich dem direkten Staatszugriff entziehen. Bezeichnenderweise entfällt für sie auch das Gebot der globalisierten Austauschbarkeit durch Bachelor- oder Masterstudiengänge. Sie sind strikt an die staatlichen Vorstellungen von einer Mindestqualifizierung gebunden und werden es mutmaßlich für eine geraume Zeit noch bleiben. So lange gilt für Ärzte, dass jedem noch so dringenden Wunsch nach kompletter Laiendurchdringung ihres Berufs freier Eintritt schlicht nicht genehmigt werden kann, ganz im Interesse aller jetzigen und zukünftigen Patienten.

Dr. med. Gerda Enderer-Steinfort

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