ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2018Kinder- und Jugendpsychiatrie: Marburger Gratwanderung

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Kinder- und Jugendpsychiatrie: Marburger Gratwanderung

Dtsch Arztebl 2018; 115(49): A-2303

Jachertz, Norbert

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Gut zehn Jahre nach seiner Emeritierung legt Helmut Remschmidt seine Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Marburg vor, eingebettet in die nationale wie internationale Entwicklung. Ein gewichtiger Band. Remschmidt hat die Marburger Klinik von 1980 bis 2006 geleitet und großen Anteil an deren Entwicklung und am Ausbau der um die Klinik gruppierten Einrichtungen der Lehre und Therapie. Er stützt sich auf Klinikakten, lange Archivrecherchen sowie auf die eigene Erinnerung. Entstanden ist so eine Mischung aus Chronik und Erinnerungsbuch. Die Chronik wartet mit einer Fülle oft tabellarisch aufbereiteter Fakten auf – vom Personalbestand über die Baugeschichte bis hin zu Aktivitäten in der Forschung, etwa zur Schizophrenie.

Hervorzuheben sind insbesondere Remschmidts Analysen der Gutachten und Arztbriefe seines Amtsvorgängers Hermann Stutte aus den Jahren 1936–1945 und 1958–1961. Das hat seinen besonderen Grund. Die Gründerväter der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Marburg, Werner Villinger (1887–1961) und Hermann Stutte (1909–1982), waren dem Nationalsozialismus verbunden; ob aus Überzeugung, vermeintlicher Pflichterfüllung oder der Karriere wegen – auch Remschmidt kommt zu keinem klaren Urteil. Belegt ist, dass Villinger wie Stutte der NSDAP angehörten (ab 1937) und zu Zwangssterilisationen gutachteten. Villinger gab auch Meldebögen für die „Euthanasie“-Aktion T4 ab – einer Zeugenaussage zufolge zumeist „in blauer Farbe“ (was, wenn es stimmt, bedeutete, dass Villinger die Betreffenden nicht zur „Euthanasie“ bestimmte).

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Die Auseinandersetzung mit den beiden Vorgängern durchzieht Remschmidts Darstellung. Das erstaunt nicht; denn es liegt nun einmal ein Schatten auf den Anfängen der Marburger Kinder- und Jugendpsychiatrie. Fakt ist aber auch, dass die belasteten Gründerväter ab 1946 für die Marburger Klinik viel geleistet und die Kinder- und Jugendpsychiatrie in (West-)Deutschland erheblich beeinflusst haben. Der breiten Öffentlichkeit wurde Villingers und Stuttes Engagement für die „Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind“ bekannt, zu deren Gründern sie 1958 gehörten (was die heutige „Lebenshilfe“ herunterzuspielen versucht).

Remschmidt, der seinen Vorgängern fachlich, Stutte außerdem persönlich verbunden war, beschreibt die NS-Verstrickung (deutlich, wenn auch gelegentlich auf der Suche nach entlastenden Momenten) genauso ausführlich wie die Verdienste um den Auf- und Ausbau der Marburger Institutionen. Eine Gratwanderung. Remschmidt plädiert mit Blick auf Stutte für den „verstehenden Zugang, nicht in Gut und Böse einzuteilen“ und rät, darüber nachzudenken, wie jemand, der Erhebliches für psychisch Kranke geleistet habe, „zeitweise einer Ideologie dienen konnte“, die die Selektion psychisch Kranker und Behinderter gefordert habe. Beiden Gründervätern billigt er zu, „einen allmählichen Gesinnungswandel vollzogen zu haben“, der aus ihren Veröffentlichungen zu belegen sei. Wandel oder Anpassung? Ein weites Feld, das nicht allein die Geschichte der Marburger Kinder- und Jugendpsychiatrie, sondern die deutsche Nachkriegsgeschichte insgesamt betrifft. Norbert Jachertz

Helmut Remschmidt: Kontinuität und Innovation. Die Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Philipps-Universität Marburg. V&R Unipress, Göttingen 2018, 815 Seiten, gebunden, 100 Euro

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