ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2018Von schräg unten: Digitale Anamnese

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Digitale Anamnese

Dtsch Arztebl 2018; 115(49): U3

Böhmeke, Thomas

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Aller Anfang ärztlicher Arbeit ist die Anamnese. Allerdings ist es mit der Anamnese – aus dem Griechischen: Erinnerung – so eine Sache. Ich erinnere mich beispielsweise glühend gerne an meine silberne Bundesjugendsportauszeichnung, obwohl sportlich so begabt wie eine Weinbergschnecke. Dass meine unglaublichen Zeiten und Weiten, die zur Auszeichnung führten, von mir äußerst wohlgesonnenen Freunden gemessen wurden, möchte ich nur ungern memorieren. So etwas kennen wir Ärzte zur Genüge, wesentliche Aspekte einer Anamnese werden uns regelhaft vorenthalten, sei es aus Stolz oder Scham, aus Kopflosigkeit oder Kalkül. Aber damit ist jetzt, gedankt sei dem Digitalen, Schluss. Denn die IT-Technologie drängt in alle medizinischen Bereiche und damit in unsere Sprechstunden, auch in die Anamnesen. Und das ist wunderbar, denn es gibt keine Ausflüchte im Digitalen, keine Konjunktive, keine Diminutive, keine Übertreibungen! Es gibt nur Ja oder Nein, Entweder/Oder, Alles oder Nichts. Die Klarheit der Aussage glänzt hier wie eine polierte Hüftkopfprothese, misst sich mit der Schönheit der normalisierten ST-Strecke nach interventionell behandeltem Herzinfarkt! Gerade in der Kardiologie bietet sich dieses Vorgehen vorbildhaft an: Haben Sie Brustschmerzen? – Ja. – Sind diese akut aufgetreten? – Ja. – Sind Sie Raucher/Diabetiker/Cholesterinämiker? – Ja. – Prima, unsere App hat schon den Notarzt und das nächste Katheterlabor informiert. Fantastisch, nicht wahr?! Das spart eine Menge Zeit, beseitigt Unklarheiten, vermeidet Fehldiagnosen!

Sie bezweifeln dies, glauben Sie mir etwa nicht? Dann sind Sie doch so nett und begleiten mich einfach in meine Sprechstunde, ich werde es Ihnen zeigen, wie wunderbar das digitale Anamnestizieren ist, der Erste, bitte! „Herr Doktor, ich habe sooo starke Brustschmerzen, als sich ein Panzer darauf wälzt!“ Hmmm ... ich kenne diesen Patienten schon lange, derartige Beschwerden schildert er immer wieder, alle umgebenden Kliniken haben sich schon daran abgearbeitet, ohne Ergebnis. Kurz nach einem solchen stationären Aufenthalt flattert mir immer ein Antrag auf Erwerbsunfähigkeit auf den Tisch … ich will hier keinen Zusammenhang konstruieren, äh, aber irgendwie passt das nicht, also: Vielleicht klappt es ja beim nächsten Patienten, bei dem die Koronarerkrankung gesichert ist: „Herr Doktor, ich bin so glücklich, ich habe absolut keinen Rücken mehr!“ Was jetzt anatomisch wenig glaubhaft erscheint, hat seine Vorgeschichte in einer langen Abfolge frustraner orthopädischer Therapieversuche, bis ich ihm die kritische Koronarstenose dilatiert habe. Danach waren die Rückenschmerzen wie weggeblasen … tut mir leid, die IT hätte ihn im Falle einer Restenose sicher wieder zum Orthopäden statt ins Katheterlabor geschickt, das ist jetzt wirklich blöd, weil nicht überzeugend.

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Bitte haben Sie noch einen Moment Geduld, die Nächste, bitte! Sie kommt zur Kontrolle bei Hochdruckherz, es geht um die Blutdruckwerte. Sind diese bei regelmäßigen Selbstkontrollen im Normbereich, ja oder nein? „Ja, Herr Doktor!“ (Es klappt, hurra, bleiben Sie dran!) Vertragen Sie die verschiedenen Medikamente gut, sind sie frei von Störwirkungen: Ja oder nein? „Ja, die Medikamente vertrage ich bestens, damit habe ich keine Probleme!“ (Wunderbar, sehen Sie, wie es funktioniert!) Jetzt nur noch eine Frage, ob die Halbwertszeiten der verwendeten Substanzen ausreichend sind: Sind die Blutdruckwerte, wenn Sie morgens vor Einnahme der Tablette ihren Blutdruck misst, noch erhöht, ja oder nein? Die Patientin beugt sich vor und guckt mich mit zusammengekniffenen Augen scharf an: „Wissen Sie was, Herr Doktor? Ich habe vier Kinder auf die Welt gebracht!“ Tja. Unsere Schutzbefohlenen und der Digitalismus brauchen wohl noch Zeit, bis sie zusammengewachsen sind.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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