ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2018Organspende: Gute Debatte mit einer Ausnahme

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Organspende: Gute Debatte mit einer Ausnahme

Dtsch Arztebl 2018; 115(49): A-2263

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Wenn die Abgeordneten des Deutschen Bundestages ohne Fraktionszwang über ethische Themen diskutieren, liest man schnell von einer „Sternstunde des Parlaments“. So weit war es am 28. November bei der Orientierungsdebatte zur Organspende noch nicht. Dennoch macht diese Debatte wieder klar, dass es sich lohnt, solchen Aussprachen zuzuhören. Im Gegensatz zu viel zu vielen Diskussionen im heutigen Politikbetrieb stand nicht die Überlegung der Abgeordneten im Mittelpunkt, wie man eine möglichst breite Wählerschicht erreicht. Es ging, so abgedroschen es klingen mag, um die Sache. Welche Form der Zustimmung zur Organspende ist geeignet, um den Mangel an Spenderzahlen zu reduzieren: Die Einführung einer Widerspruchslösung oder Änderungen an der bestehenden Zustimmungslösung? (Seite 2282)

Dass der wichtigste Schritt bereits mit dem Entwurf für ein Organspendegesetz gemacht ist, darüber waren sich alle Rednerinnen und Redner einig. Denn stringentere Organisationsstrukturen in den Krankenhäusern und eine verbesserte Vergütung der Leistungen rund um Organentnahme und Transplantation sind genau die Handlungsfelder, auf denen Deutschland europaweit bislang zurücklag. Dass machte kürzlich auch eine Studie im Deutschen Ärzteblatt deutlich, derzufolge die Anzahl der möglichen Organspender in den vergangenen Jahren nicht gesunken ist, sondern sogar zugenommen hat (www.aerzteblatt.de/18m463).

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Die Botschaft der Debatte lautete: Der Gesetzgeber handelt richtig, dennoch fehlt eine Neuregelung des bisherigen Zustimmungsverfahrens zur Organspende. Denn die positive Einstellung zur Organspende ist einer aktuellen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge mit 84 Prozent so hoch wie noch nie. Dennoch besitzen nur 36 Prozent der Bundesbürger einen Organspendeausweis. Es ist weiterhin entscheidend, dass die Transplantationsmedizin nach den Jahren der „Skandale“ wieder an Vertrauen gewinnt. Dies gelingt auch mit solch einer Bundestagsdebatte, über die die Medien berichten und der Bürger so positiv sensibilisiert wird. Vielleicht manchmal sogar mehr als mit einem Brief von der eigenen Krankenkasse.

Umso ärgerlicher war der Redebeitrag des AfD-Bundestagsabgeordneten Dr. med. Robby Schlund mit Aussagen, die man heutzutage als Fake News bezeichnen muss. Er stellte nämlich die Sicherheit der Hirntoddiagnostik anhand eines Berichts der Süddeutschen Zeitung aus dem Jahr 2014 infrage, demzufolge in deutschen Krankenhäusern manchmal Menschen fälschlicherweise für hirntot erklärt würden. „So zum Beispiel bei einem Kleinkind: Organe wurden entnommen, ohne dass der Hirntod korrekt diagnostiziert wurde. Es sind acht weitere Fälle in den vergangenen Jahren bekannt geworden“, sagte er. Dass die Überwachungskommission von Bundes­ärzte­kammer, Deutscher Krankenhausgesellschaft und GKV-Spitzenverband bei ihrer Überprüfung in keinem der Fälle „eine Fehldiagnose Hirntod“ festgestellt hat, erwähnte Schlund nicht. So kann man schnell das mühsam zurückgewonnene Vertrauen in die Transplantationsmedizin wieder zerstören.

Dies gilt im Übrigen auch für die taz, die kurz nach der Debatte der Kulturwissenschaftlerin Prof. Dr. phil Anna Bergmann eine ganze Seite für ihren Kommentar einräumte, der mit dem Vorspann beginnt: „Die Lüge vom Hirntod ermöglicht es Medizinern und der Gesellschaft, sterbende Menschen wie Biomüll zu recyceln.“ (http://daebl.de/NS34). Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, dennoch ist manchmal die Einordnung einer Meinung seitens einer Redaktion zwingend notwendig. Das ist in diesem Fall verpasst und zudem Verunsicherung geschürt worden.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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