ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2018Bürokratie: 60 Arbeitstage für Papierarbeit

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Bürokratie: 60 Arbeitstage für Papierarbeit

Dtsch Arztebl 2018; 115(49): A-2271 / B-1863 / C-1837

Beerheide, Rebecca

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Die Zahl der Stunden, in denen sich Ärztinnen und Ärzte mit Bürokratie beschäftigen, steigt weiter an. Verbindliche Abbauziele sind zwar vorhanden, doch die Verhandlungen dazu gestalten sich offenbar schwierig. Die Digitalisierung des Gesundheitswesen hilft beim Abbau nicht automatisch.

Foto: lenetsnikolai/stock.adobe.com
Foto: lenetsnikolai/stock.adobe.com

Die Bürokratie in Arztpraxen bleibt konstant hoch: Aus Daten des dritten Bürokratieindex für Ärzte und Psychotherapeuten (BIX) geht hervor, dass der bürokratische Aufwand 2018 im Vergleich zum Vorjahr erneut um 0,6 Prozentpunkte gestiegen ist. Umgerechnet verbringen niedergelassene Ärzte damit etwa 323 000 Stunden mehr mit bürokratischen Aufgaben als im Jahr 2017.

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Den Hauptfaktor für die weitere Steigerung bezeichnen die Studienautoren von der Fachhochschule des Mittelstandes die Folgen des demografischen Wandels. Dazu gehöre nicht nur eine gestiegene Nachfrage nach medizinischen Leistungen, sondern auch mehr Dokumentationen, Formulare für Krankenfahrten und Bescheinigungen beispielsweise für Menschen mit einer Demenzerkrankung.

Auch die aktuelle wirtschaftliche Situation, bei der deutlich mehr Menschen sozial­ver­sicherungs­pflichtig beschäftigt sind, führt zu mehr Bescheinigungen der Arbeitsunfähigkeit (AU) im Krankheitsfall. AU-Bescheinigungen gehören seit Jahren zu den Top drei der zeitintensiven Dokumente. Hier wurde ein Aufwand von 4,9 Millionen Nettoarbeitsstunden gezählt.

Der Bürokratieindex wurde von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in Auftrag gegeben. Aus den vorgelegten Daten folgert die KBV, dass es einen zügigen Bürokratieabbau geben müsse. Das verbindliche Abbauziel von 25 Prozent könne erreicht werden. „Das entspräche zwölf Millionen Stunden gewonnener Arztzeit pro Jahr für Ärzte und Psychotherapeuten“, erklärte KBV-Vorstandsmitglied Dr. rer. soc. Thomas Kriedel anlässlich der Veröffentlichung. „Bezogen auf den ärztlichen Anteil an dieser Arbeitszeit entspräche das rund 4 000 Arztstellen.“

Gemeinsames Bekenntnis fehlt

Ärgerlich für viele Arztpraxen seien die formlosen Nachfragen von Krankenkassen bei Menschen, die länger krankgeschrieben sind. Hier entstehe Aufwand, der nicht sein müsse, so die KBV. Man suche das Gespräch mit den Krankenkassen, um zu Entlastungen zu kommen. Bei einem KBV-Symposium Mitte September hatte Johann-Magnus von Stackelberg vom GKV-Spitzenverband bereits Gespräche über mehr Abbau zugesagt. „Um etwas zu ändern, brauchen wir immer die Zustimmung auch der Krankenkassen. Wollen wir etwas ändern, müssen die auch mitziehen“, sagte Kriedel. Daher sei der Bürokratieabbau im Gesundheitswesen nicht so einfach wie in anderen Bereichen der Wirtschaft und Verwaltung. Dem stimmt auch der Normenkontrollrat zu, unter dessen Regie 2015 das Projekt „Mehr Zeit für Behandlung“ abgeschlossen wurde. „Was im Bereich des Gesundheitswesens nach wie vor fehlt, ist ein übergreifendes Bekenntnis zu gemeinsamen Entlastungszielen und Vereinfachungsmaßnahmen, getragen durch alle Verantwortlichen“, erklärte Andrea Wernitz, Leiterin des Projektes beim Nationalen Normenkontrollrat auf Anfrage des Deutschen Ärzteblattes (siehe www.aerzteblatt.de/n99588).

Kriedel mahnte, dass der Bürokratieabbau nicht automatisch mit der fortschreitenden Digitalisierung im Gesundheitswesen funktionieren würde. Man müsse darauf achten, durch digitale Prozesse nicht mehr Bürokratie oder Zeitaufwand in den Praxen entstehen zu lassen. Als Beispiel nannte er das E-Rezept, bei dem er intelligente Systeme für die Signatur forderte.

Insgesamt erfasst der BIX 395 Informationspflichten, die aus dem Verantwortungsbereich des Gemeinsamen Bundes­aus­schuss, dem Bundesmantelvertrag-Ärzte, den Informationspflichten der Bundes­ärzte­kammer sowie aus Vereinbarungen der KBV mit Kostenträgern stammen. Dabei sind Verordnungen und Bescheinigungen der größte Teil, gefolgt von Informationen an die Kostenträger. Rebecca Beerheide

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