ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2018Gedenkfeier: Gegen Hass und Diskriminierung

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Gedenkfeier: Gegen Hass und Diskriminierung

PP 17, Ausgabe Dezember 2018, Seite 556

Schmedt, Michael

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80 Jahre nach dem Beginn der Judenpogrome hat die Ärzteschaft zusammen mit israelischen Repräsentanten der Ermordung der jüdischen Ärzte im Nationalsozialismus gedacht. Am Standort der ärztlichen Spitzenorganisationen, dem Herbert-Lewin-Platz, wurde eine Gedenktafel eingeweiht.

Die Gedenktafel trägt folgende Inschrift: „Die Vergangenheit ist uns Verpflichtung für die Zukunft. Gegen Antisemitismus und Ausgrenzung. In Erinnerung an unsere jüdischen Kolleginnen und Kollegen und alle Opfer des menschenverachtenden NS-Regimes.“ Fotos: Lopata/axentis.de
Die Gedenktafel trägt folgende Inschrift: „Die Vergangenheit ist uns Verpflichtung für die Zukunft. Gegen Antisemitismus und Ausgrenzung. In Erinnerung an unsere jüdischen Kolleginnen und Kollegen und alle Opfer des menschenverachtenden NS-Regimes.“ Fotos: Lopata/axentis.de

Zum Gedenken an jüdische Ärzte, die während der Zeit des Nationalsozialismus aus dem Beruf gedrängt und verfolgt wurden, haben die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) gemeinsam mit dem Vizepräsidenten der Knesset, Yehiel Bar, der Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Petra Pau (Linke), Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) und dem Präsidenten des Weltärztebundes, Leonid Eidelman, am Herbert-Lewin-Platz in Berlin eine Gedenktafel eingeweiht.

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„Schon ab Sommer ̓33 wurden
jüdische und politisch andersdenkende Ärzte systematisch in die Ausreise getrieben“, sagte der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Andreas Gassen bei der Feier am 8. November in Berlin. Die komplette „Ausschaltung“ jüdischer und politisch andersdenkender Ärzte sei ein erklärtes und öffentlich benanntes Ziel des NS-Regimes gewesen.

1938 wurde sämtlichen jüdischen Ärzten die Approbation entzogen – damit einher ging automatisch die Kündigung der Praxisräume und der dazugehörenden Wohnungen. „Die Kollegen wurden gleichzeitig arbeits- und wohnungslos. Kassen, Kassenärztliche Vereinigungen und Kommunen beteiligten sich an dieser entwürdigenden Entrechtung, so mancher nichtjüdische Kollege profitierte von den zu Spottpreisen veräußerten Praxis-Inventaren“, erläuterte Gassen. „Das ist die Schmach, die wir als Ärzteschaft anerkennen müssen. Ärztliches Handeln und ärztlicher Ethos haben in diesen Jahren entsetzlich versagt“, betonte der KBV-Vorsitzende.

Mahnung und Auftrag zugleich

Die Ver­tre­ter­ver­samm­lung der KBV habe daher beschlossen, mit dem Projekt „KBV übernimmt Verantwortung“ die Akten der Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands (KVD) und deren Verstrickung mit dem Nationalsozialismus aufzuarbeiten, sagte Gassen (siehe DÄ 44/2018). Die KVD ist die Vorgängerorganisation der KBV. Gassen wies darauf hin, dass Rechtspopulismus und Rechtsextremismus sich in Deutschland in den öffentlichen Diskurs drängten. „Was vor 80 Jahren geschah, ist uns Mahnung und Auftrag zugleich. Wir werden Intoleranz und Ausgrenzung nicht dulden, wir werden Hass und Gewalt entschieden entgegentreten“, betonte der KBV-Chef.

An die Schuld der nichtjüdischen Ärzteschaft Deutschlands erinnerte auch die Vorsitzende der KBV-
Ver­tre­ter­ver­samm­lung, Petra Reis-Berkowicz. „Was damals geschah, geschah nicht im Verborgenen. Jeder, der ärztliche Publikationsmedien wie das Deutsche Ärzteblatt oder überhaupt nur Zeitung las, konnte es wissen“, sagte sie.

Der Barbarei der Vergangenheit stehe aber ein Hoffnungszeichen entgegen: „Die jüdischen Gemeinden wachsen langsam wieder“, sagte sie. Gesellschaftlicher Friede basiere darauf, dass sich alle Mitglieder dieser Gesellschaft auf Augenhöhe begegneten, erinnerte sie. Dies sei eine Verpflichtung für alle Bürger. „Die Würde des Menschen ist unantastbar. A̓ber diese Würde ist zerbrechlich, so wie jede zivilisierte Gesellschaft zerbrechlich ist“, so Reis-Berkowicz. Die Mehrheit der Deutschen sei sich dieser Verantwortung bewusst, sie dürfe zu Antisemitismus in der Welt nicht schweigen, forderte sie.

„Wir werden wachsam sein, seien Sie versichert – gerade in Zeiten wie diesen“,

Die Redner warnten auch vor dem wieder zunehmenden Antisemitismus: Petra Reis-Berkowicz, Andreas Gassen, Frank Ulrich Montgomery, Jens Spahn, Leonid Eidelmann, Petra Pau und Yehiel Bar.
Die Redner warnten auch vor dem wieder zunehmenden Antisemitismus: Petra Reis-Berkowicz, Andreas Gassen, Frank Ulrich Montgomery, Jens Spahn, Leonid Eidelmann, Petra Pau und Yehiel Bar.
versprach der Präsident der BÄK, Prof. Dr. med Frank Ulrich Montgomery. Er kritisierte, die Ärzteschaft habe sich spät, „viel zu spät“, zu der Schuld von Ärzten im Nationalsozialismus bekannt. Bis in die 1970er-Jahre hinein habe es keine wirkliche Auseinandersetzung mit den von Ärzten begangenen Verbrechen und Verfehlungen gegeben, so der BÄK-Präsident. Seit 1987 hätten sich aber viele Deutsche Ärztetage intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt.

Besonders hervorzuheben sei die im Jahr 2012 vom 115. Deutschen Ärztetag gefasste sogenannte Nürnberger Erklärung zur Rolle der Ärzteschaft in der NS-Zeit. „Darin bekennt der Ärztetag die wesentliche Mitverantwortung von Ärzten an den Unrechtstaten der NS-Medizin. Er drückt sein tiefstes Bedauern darüber aus, dass Ärzte sich entgegen ihrem Heilauftrag durch vielfache Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht haben“, so Montgomery.

Gemeinsame Verantwortung

Der BÄK-Präsident wies darauf hin, dass die Kammer zusammen mit dem Bundesministerium für Gesundheit, der KBV sowie den Spitzenorganisationen der Zahnärzteschaft seit dem Jahr 2006 einen Forschungspreis zur Aufarbeitung der Geschichte der Ärzte in der NS-Zeit auslobe, den „Herbert-Lewin-Preis“. Ein ebenso wichtiger Bestandteil der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sei ein ehrlicher, regelmäßiger Austausch mit den Nachfahren der Verfolgung und mit ärztlichen Kollegen aus Israel. So seien im August 2015 Vertreter der BÄK und der Vorstand des Israelischen Ärzteverbandes in Berlin zusammengekommen. Der Austausch sei von der Erkenntnis getragen, dass deutsche und israelische Ärzte eine gemeinsame Verantwortung gegenüber den zukünftigen Ärztegenerationen haben, so Montgomery. „Gedanken und Gedenken sind wichtig. Sie halten uns wachsam, Unrecht und Unmenschlichkeit nicht einmal im Ansatz zuzulassen“, betonte der BÄK-Präsident.

Leonid Eidelman, der Präsident des Weltärztebundes und frühere Präsident der Israel Medical Association, betonte, die Achtung der Menschenrechte sei die Maßgabe für jeden Arzt, seine eigenen Wege zu gehen. Ärzte sollten niemals ihr Wissen dafür missbrauchen, Meschenrechte zu verletzen. Der Holocaust müsse Teil der täglichen Erinnerung bleiben, damit solch eine Periode des Hasses, der Angst und der Gewalt sich nicht wiederhole.

Eidelman erinnerte ebenfalls an die erste gemeinsame Tagung der Vorstände von Bundes­ärzte­kammer und Israel Medical Association im Jahr 2015. Dies sei ein klares Bekenntnis zur Wahrung der Menschenrechte der deutschen und israelischen Ärzteorganisationen gewesen.

Die Vizepräsidentin des Bundestages, Petra Pau, sagte, der Antisemitismus sei zwar jahrhundertealt, die Nationalsozialisten hätten ihn aber in den Exzess getrieben. Und das nicht plötzlich, sondern langsam geschehen. Vor diesem Hintergrund müsse man heute wachsam sein, denn die aktuellen rechtspopulistischen Bestrebungen machten deutlich, dass es gilt, die Demokratie immer wieder aufs Neue zu verteidigen.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn betonte, die Erinnerung an diese Vergangenheit sei bedrückend und sie werde es bleiben. Vor allem bleibe die Mahnung, es in Zukunft besser zu machen. Die Schuld müsse benannt werden, von Institutionen und von Personen. Man müsse sich wappnen gegen die Rückkehr von solchem schrecklichen Unrecht.

Antisemitismus bekämpfen

Spahn wies aber auch darauf hin, dass es ein großes Glück sei, dass inzwischen junge Israelis nach Deutschland kämen und Deutschland bereicherten. Das dürfe man nicht wieder aufs Spiel setzen. Antisemitismus müsse von allen Seiten bekämpft werden.

Die Gedenkveranstaltung am Tag vor der Reichskristallnacht sei ein wichtiges Zeichen für die jüdischen Ärzte, betonte der Vizepräsident der Knesset, Yehiel Bar. In Zeiten, in denen der Antisemitismus wieder an Kraft gewinne, müsse man klarmachen, dass es dafür keine Toleranz geben dürfe. Man müsse Zusammenstehen gegen Hass, Gewalt und Diskriminierung. Michael Schmedt

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