ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2018Versorgung psychisch Kranker: Der Patient im Mittelpunkt

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Versorgung psychisch Kranker: Der Patient im Mittelpunkt

PP 17, Ausgabe Dezember 2018, Seite 540

Bühring, Petra

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Die Hilfen für psychisch kranke Menschen sollen in den kommenden zwei Jahren hin zu einer personenzentrierten Versorgung weiterentwickelt werden. Gefordert wird eine koordinierte sektorenübergreifende Versorgung und die Reduzierung der Wartezeiten.

Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) will zusammen mit der Aktion Psychisch Kranke e.V. (APK) die Hilfen für psychisch kranke Menschen weiterentwickeln. Eine Auftaktveranstaltung in diesem auf zwei Jahre angelegten Prozess, der als „Verbändedialog“ konzipiert ist, fand am 6. November in Berlin statt. „Die zunehmende Akzeptanz psychischer Erkrankungen und die verbesserte Diagnostik haben zu einer Verdichtung des Behandlungsgeschehens geführt mit langen Wartezeiten und nicht optimaler Koordination in der Folge – wir brauchen eine bessere Verzahnung der Versorgung und noch mehr Bemühen in Richtung sektorenübergreifender Ansätze“, sagte Heiko Rottmann-Großner vom BMG. Ziel sei ein personenzentrierter Ansatz. „Wir wollen herausfinden, welche Maßnahmen wirken und wo es noch Handlungsbedarf gibt.“

40 Jahre nach Psychiatriereform

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Am Ende dieser Legislaturperiode wird die Psychiatrie-Enquete 40 Jahre alt – wir haben viel erreicht, aber noch nicht genug“, betonte Prof. Dr. med. Jörg M. Fegert, stellvertretender Vorsitzender der APK. Das Konzept der personenzentrierten Hilfen, bei denen vom Patienten aus gedacht wird und nicht von der Einrichtung oder vom Leistungserbringer aus, sei bereits mit der Enquete 1971 entwickelt worden. Damals ging es auch darum, die Betroffenen im Sinne von Partizipation in die Behandlung mit einzubeziehen. Die Selbsthilfe organisiere sich seit 1985 und habe vielfältige Erfolge vorzuweisen. „Die flächendeckende Etablierung sektorenübergreifender Hilfen – auch eine Forderung der Psychiatrie-Enquete – ist aber immer noch nicht gelungen“, erklärte Fegert. Verbesserungsbedarf gebe es auch hinsichtlich der Stärkung der Patientenrechte. Ebenso optimierungsbedürftig seien die Übergänge in der Versorgung psychisch kranker Jugendlicher bis ins junge Erwachsenenalter (Transition). Gestärkt werden müsse auch die gerontopsychiatrische Versorgung.

„Die Wartezeiten auf Therapieplätze sind mit fünf Monaten im Durchschnitt viel zu lang“, kritisierte Prof. Dr. med. Wolfgang Greiner, Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR). Die meisten Gebiete in Deutschland würden in der Bedarfsplanung als überversorgt ausgewiesen. Grund dafür sei auch der Anstieg von Psych-Fachärzten und Psychotherapeuten zwischen 2002 und 2017 und insbesondere der Anstieg von ärztlichen und Psychologischen Psychotherapeuten seit 2013. „Der Sachverständigenrat empfiehlt daher unter anderem, die Bedarfsplanung genauer anzuschauen und insbesondere die Auslastung der Kassenarztsitze zu überprüfen“, sagte Greiner. Weiter habe das jüngste Gutachten des SVR empfohlen (siehe auch „Gefragt ist der Gesetzgeber“ in PP/Heft 8/2018), intensive ambulante Angebote zu schaffen, die die Lücke zwischen psychiatrisch/psychotherapeutischer Behandlung und teilstationären Angeboten abdecken. Die Koordinationsverantwortung in der Versorgung psychisch Kranker sollte klar verortet werden. Darüber hinaus sollten die Chancen digitaler Angebote verstärkt genutzt werden, forderte der SVR-Vertreter.

„Die Weiterentwicklung der Psychotherapie hat in den letzten Jahren viel Energie gebunden – das System der ambulanten psychiatrischen Versorgung braucht jetzt wieder mehr Aufmerksamkeit“, forderte Dr. med. Frank Bergmann, Vertreter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) bei der Veranstaltung. Psychotherapeutisches Handeln sei von der psychiatrischen Tätigkeit nicht abzukoppeln. „Aber wir haben versäumt, die Strukturen anzupassen, Psychiater werden behandelt wie alle anderen Fachärzte auch, trotz anderer Bedingungen.“ Das müsse sich ändern, forderte der Psychiater und Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KV-NO).

Modellprojekt in Nordrhein

Den Ausbau einer koordinierten sektorenübergreifenden Behandlung für psychisch Kranke hält auch Bergmann für essenziell. „Wir üben mit dem NPPV-Modellprojekt in Nordrhein gerade, wie man mit einem Bezugsarzt oder -psychotherapeuten die Versorgung koordiniert.“ Auch der Anschluss an die Gemeindepsychiatrische Versorgung und an die Kliniken sei in dem Modell geregelt. Das NPPV-(Neurologisch-psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung-)Projekt erprobt eine gestufte, koordinierte Versorgung im Gebiet der KV-NO. Das Projekt wird seit Oktober 2017 vom Innovationsfonds gefördert und läuft über vier Jahre.

Die Ergebnisse des Modellprojekts ebenso wie eine Evaluation der im April 2017 initiierten Strukturreform der ambulanten Psychotherapie sollten nach Ansicht des KBV-Vertreters zunächst abgewartet werden, bevor neue Gesetzesänderungen beschlossen werden. „Eine zentrale Stelle, die alle Patienten durch das psychiatrisch/psychotherapeutische Versorgungssystem schleust, brauchen wir nicht – die psychotherapeutischen Sprechstunden und die Akutbehandlung funktionieren gut“, sagte Bergmann mit Bezug auf einen Passus im Kabinettsentwurf für ein Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG). Dort wird gefordert, dass die psychotherapeutische Behandlung „im Rahmen einer gestuften und gesteuerten Versorgung“ erfolgen solle. Die Kritik an diesem Passus (§ 92 Abs. 6 a Sozialgesetzbuch V) vonseiten vieler psychotherapeutischer und fachärztlicher Berufsverbände sowie der Bundes­psycho­therapeuten­kammer reißt nicht ab.

Der Vertreter des GKV-Spitzenverbands, Dr. Thomas Uhlemann, äußerte sich überwiegend kritisch insbesondere über die ambulante psychotherapeutische Versorgung. „Die Psychotherapeutensitze in Deutschland sind ungleich verteilt, die Wartezeiten für die Patienten zu lang, es gibt keine Qualitätssicherung und keine Transparenz.“ Zudem müssten Patienten mit schweren psychotischen Störungen oder Essstörungen deutlich länger auf einen Therapieplatz warten, als Patienten mit „leichten“ Beschwerden. „Die Psychotherapeuten können sich die Patienten aussuchen, sie verteilen die Plätze nach Indikation“, glaubt Uhlemann. Dagegen wandte sich explizit KBV-Vertreter Bergmann: „Diese Dichotomie aufrechtzuerhalten, bringt gar nichts“, sagte er.

Der Patientenvertreter im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA), Jurand Daszkowski, kritisierte die Strukturen in dem obersten Gremium der Selbstverwaltung, die es der Patientenvertretung oft nicht ermögliche, „mit den anderen Bänken mitzuhalten“. „Die Unterlagen zu den Sitzungen kommen oft sehr spät und wir sind nicht so professionell aufgestellt, um immer schnell darauf reagieren zu können“, berichtete er. Zudem wünschte er sich – im Einklang mit den anwesenden Vertretern der Selbsthilfe – ein Stimmrecht der Patientenvertretung im G-BA. Zurzeit haben sie nur ein Anhörungsrecht. Petra Bühring

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