ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2018Interview mit Thomas Auchter, Psychologischer Psychotherapeut und Psychoanalytiker: „Trauer muss zunächst einmal respektiert werden“

THEMEN DER ZEIT: Interview

Interview mit Thomas Auchter, Psychologischer Psychotherapeut und Psychoanalytiker: „Trauer muss zunächst einmal respektiert werden“

PP 17, Ausgabe Dezember 2018, Seite 554

Britten, Uwe

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Der Umgang mit Trauer aufgrund von Verlust- und Trennungserfahrungen spielt in vielen Psychotherapien eine wichtige Rolle. Therapeuten müssen die Trauer ihrer Patienten und ihre eigene annehmen können.

Herr Auchter, in fast allen Psychotherapien geht es irgendwann auch um den Umgang mit Verlusten, also um Trauer – die meisten Klientinnen und Klienten wollen diese Gefühle vermutlich schnell wieder loswerden . . .

Thomas Auchter: Wie auch bei den meisten anderen leidvollen Symptomen wollen die Patientinnen und Patienten möglichst umgehend davon freiwerden. Es ist dann die erste Aufgabe des Therapeuten, verständlich zu machen, dass es in der Psychotherapie gewöhnlich nicht einen geradlinigen und schnellen Prozess geben kann. Manchmal sind Umwege nötig, bis eine Befreiung von solchen unlustvollen Gefühlen eintreten kann.

Anzeige

Welche Menschen tun sich denn besonders schwer, Abschied von etwas zu nehmen und ihre Trauer zu überwinden?

Thomas Auchter ist Psychologischer Psychotherapeut in Aachen. In Kürze erscheint sein Buch „Trauer“ im Psychosozialverlag. Foto: arbeiterfotografie.com
Thomas Auchter ist Psychologischer Psychotherapeut in Aachen. In Kürze erscheint sein Buch „Trauer“ im Psychosozialverlag. Foto: arbeiterfotografie.com

Auchter: Wenn jemand schon früh in seinem Leben gravierende oder gar traumatisierende Trauererfahrungen gemacht hat, die nicht in einer angemessenen und hilfreichen Art bewältigt werden konnten, dann tut der sich deutlich schwerer mit einer akuten schweren Verlusterfahrung. Diese Menschen kommen dann häufig auch mit dem ausdrücklichen Wunsch in die Therapie, sich mithilfe eines anderen Menschen mit ihren Trauergefühlen auseinandersetzen zu wollen.

Und was bewirkt das Reden über die Trauer?

Auchter Im therapeutischen Diskurs geht es darum, gemeinsam die lebensgeschichtlichen Hintergründe zu erarbeiten, die es dem Betroffenen schwermachen, seine Trauer zu bewältigen. Den Menschen ist oft vieles daran ja gar nicht bewusst. Das-zur-Sprache-bringen, die Verwörterung von Gefühlen, erlaubt dann eine erste Distanzierung aus dem unbewussten Verstricktsein in die Trauer. Das Wiederbeleben ungelöster Konflikte im Sprechen und Fühlen führt langfristig zu einer Befreiung, indem der Patient lernt, seine Vergangenheit und seine Gegenwart besser zu unterscheiden.

Nun gibt es aber auch jene, die sich geradezu in der eigenen Trauer zu aalen scheinen – worum handelt es sich hier psychodynamisch?

Auchter: Unbewusste Reinszenierungen leidvoller Erfahrungen haben primär die Funktion, durch die Wiederholung unerledigte Probleme und unbewältigte Traumatisierungen einer Lösung zuzuführen. Einige Menschen scheinen als Trauerabwehr neben anderem gelernt zu haben, „aus Leiden Lust“ zu entwickeln, wie es Theodor Reik einmal formuliert hat. Solche Bewältigungsversuche, diese Notlösungen bringen aber keine wirkliche Befreiung, sondern führen nur in ein fortwährendes selbstzerstörerisches Wiederholen. Von außen kann das dann erscheinen wie ein Sich-Aalen.

Manchmal geben Klienten als Grund für ihre Trauer oder für depressive Stimmungen an, die Welt sei einfach so furchtbar, das würde sie „runterziehen“. Warum die Projektion auf Äußerliches?

Auchter: Wer sich aus welchen Gründen auch immer damit schwertut, sich mit seinen inneren Trauerempfindungen auseinanderzusetzen, kann dazu neigen, die Trauer ins Äußere zu verlagern. Dabei handelt es sich dann oft um gesellschaftliche Zustände, die persönlich von einem einzelnen Menschen gar nicht zu verändern sind. Das weitgehend unveränderbar Äußerliche erlaubt ihnen zum einen, dass sie einer inneren Veränderung ausweichen können, zum anderen hindert es sie aber auch, sich den veränderbaren eigenen Anteilen zuzuwenden.

Worüber „darf“ man denn eigentlich trauern?

Auchter: Ein Grundsatz der Psychotherapie ist, sich möglichst der Bewertungen zu enthalten. Menschen hängen ihr Herz an alles Mögliche. Personen, die sozial isoliert sind, können vielleicht eine starke Bindung zu ihrem Haustier entwickeln. Stirbt dieses Tier, dann sind entsprechend intensive Trauergefühle damit verbunden. Auch materielle Dinge, die einem sehr wichtig geworden sind, können starke Verlustgefühle auslösen. Die Bewältigung solcher Probleme erfordert dann eine Trauerarbeit.

Ein solches Trauern ist von außen nicht immer leicht nachvollziehbar.

Auchter: Dazu müssen wir bedenken, dass jeder Mensch seine ganz individuelle Beziehung zu seiner Mitwelt hat. Gerade dann, wenn Verlusterfahrungen zu starken Trauergefühlen führen, die von außen zunächst nicht nachvollziehbar sind, müssen wir eine Wertung vermeiden. Trauer muss zunächst einmal respektiert werden. Jeder Mensch hat seine eigene Form der Trauer, der Trauerarbeit und der Trauerbewältigung. Wenn gewünscht, können wir dann gemeinsam in der Therapie überlegen, welche anderen Formen der Lösung es geben könnte.

Und wenn nun ein Therapeut doch spürt, dass ihn der Klient mit seiner Trauer zu „nerven“ beginnt?

Auchter: Ein solches „Nerven“ entsteht meist dann, wenn wir eine zu enge eigene Vorstellung davon haben, wie der Patient zu sein hat, wie er sich entwickeln sollte und wie sein Trauerprozess vonstattengehen soll. Wenn ich mich genervt fühle, dann fehlt mir der innere Raum, um den Menschen mir gegenüber in seinem So-Sein anzunehmen. Aber natürlich müssen wir auch akzeptieren, dass wir nicht mit jedem Patienten zusammenarbeiten und hilfreich sein können. Es gibt Begrenzungen unserer psychotherapeutischen Möglichkeiten und es gibt Widerstände auch in uns – und die sind nicht einfach aus der Welt zu schaffen. Sobald wir unsere Grenzen aber akzeptieren können, müssen wir auch nicht mehr so genervt vom anderen sein.

Trotzdem muss man als Therapeutin oder Therapeut Trauer annehmen und aushalten können.

Auchter: Die Trauer, die ja nicht immer offensichtlich ist, in der therapeutischen Beziehung erst einmal aufzuspüren und auszuhalten ist sogar sehr wichtig. Und wir dürfen manchmal nicht zu schnell mit einer Intervention darauf reagieren. Wenn ein Klient plötzlich verstummt, ihm das Wasser in die Augen tritt und die Tränen zu laufen beginnen, dann muss nicht nur er, sondern auch wir bisweilen zunächst erdulden und mitspüren. Ich habe das erst kürzlich bei einer früh traumatisierten Patientin erlebt. Sie schaute vor sich hin, schwieg sieben, acht Minuten lang, rang sichtbar mit sich und ein trauriger Glanz wurde in ihren Augen sichtbar. Schließlich sagte sie: „Jetzt ist es mir ganz, ganz schlecht gegangen. Ich habe mich sehr klein und völlig hilflos gefühlt. Ich habe sehnsüchtig gewünscht, dass jemand kommt, der mir hilft.“ Ich war im Nachhinein sehr froh, dass ich mitgeschwiegen hatte, statt vorschnell zu reagieren. Denn für diese Klientin war das lebendige Fühlen ihres frühkindlichen Alleingelassenseins und ihrer Hilflosigkeit von enormer Bedeutung. Nur durch dieses emotionale Wiedererleben in der therapeutischen Beziehung konnte sie einem Zugang zu ihrem Leid finden, über das wir anschließend sprechen konnten.

Welcher Besonderheiten bedarf es in der therapeutischen Beziehungsgestaltung, damit Patienten einen Weg aus ihrer steckengebliebenen Trauer finden?

Auchter: Bei einer lange anhaltenden Trauer muss man davon ausgehen, dass alle bisherigen Bewältigungsversuche noch nicht zu einer Besserung geführt haben. Wir müssen dann die Hintergründe aufklären, was ihn bislang daran gehindert hat, und uns gemeinsam auf die Suche danach machen, ob und wo Veränderungen möglich sind. Zur Vorsicht rate ich, dann vorschnell zu Medikamenten zu greifen, denn die können zwar bisweilen eine punktuelle Entlastung bringen, aber sie ändern natürlich nichts an den grundlegenden Problemen, die therapeutisch bearbeitet werden müssten. Die Beziehungsgestaltung bei chronisch trauernden Patienten ist deshalb eine besondere Herausforderung, weil auch für Therapeuten das Arbeiten an Trauerprozessen kein besonders lustvolles ist. Wir müssen dafür mit unseren eigenen Trauererfahrungen und Trauerprozessen einigermaßen im Reinen sein. Erst das erlaubt es uns, für die Trauer des Patienten empathisch zu sein, uns damit partiell zu identifizieren. Im nächsten Schritt ist eine therapeutische Distanzierung notwendig, die dann eine Reflexion und Einordnung möglich macht. Erst danach können wir hilfreiche Angebote machen, wie die Trauerbewältigung besser gelingen kann.

Woran erkennt ein Therapeut, wenn sich hinter Trauerreaktionen eine Suizidalität verbirgt?

Auchter: Hinter Trauer verbirgt sich nicht zwangsläufig eine Suizidalität, aber man muss im Einzelfall genau hinschauen. Überwiegend steht der Appellcharakter von Suizidäußerungen im Vordergrund. Der Mensch signalisiert damit anderen, dass er im Moment keine andere Möglichkeit für sich mehr sieht. Aber das ist ja auch eine Anfrage an uns Therapeuten, ob wir Alternativen anbieten können. Bei einigen Menschen kann hinter ihrer andauernden Trauer aber auch die Möglichkeit eines Bilanzsuizids stecken, weil jemand sein Leben als nicht mehr ertragbar betrachtet.

Was ist zu tun, wenn Therapeuten merken, dass bestimmte Trauerinhalte sie selbst auch anfluten und dass bei ihnen etwas getriggert wird?

Auchter: Zuerst einmal gilt es, diese Gefühle sehr ernst zu nehmen und sie sich bewusst zu machen. Wir können solche Empfindungen in der Gegenübertragung für den Patienten nutzbar machen. Im besten Fall können wir diese Situation dann gemeinsam ertragen und Wege daraus suchen.

Das Interview führte Uwe Britten

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Interviews