ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2018Interview: Zu vieles unberücksichtigt
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Leichsenring zeichnet (1) ein Bild erschreckender Zustände unseres Faches, indem er einen Mangel an Innovation beklagt und kritisiert, dass nur etwa die Hälfte der Patienten von Psychopharmako- beziehungsweise Psychotherapie profitieren würden. Diesen Aussagen möchten wir in ihrer Pauschalität entschieden entgegentreten. Seine Aussagen stützen sich auf Studien mit einer sehr begrenzten Behandlungsdauer. Wie er zu Recht anmerkt, steigt die Zahl erfolgreicher Behandlungen mit ihrer Länge. Hieraus schlussfolgert er, dass vermehrt auf Langzeittherapien gesetzt werden sollte und kritisiert, dass die Verhaltenstherapie (VT) mit dem Versprechen angetreten sei, „bereits mit kürzeren Behandlungen Erfolge erzielen zu können“. Eine aktuelle Studie zur psychoanalytischen (PA) und VT- Langzeittherapie bei chronischer Depression bestätigt genau diese Aussage. Nach drei Jahren sind die Ergebnisse absolut vergleichbar, wobei die Patienten unter PA in dieser Zeit durchschnittlich 234, unter VT 57 Sitzungen erhielten (2). Es stellt sich also die Frage, welcher Patient spezifisch mit dem aufwendigeren Verfahren behandelt beziehungsweise wie die PA weiterentwickelt werden sollte.

Bezüglich der fehlenden Innovation sei auf die Verfahren der „dritten Welle“ der VT verwiesen. Beispielsweise konnte in einer aktuellen Arbeit mithilfe der Metakognitiven Therapie für Patienten mit Generalisierter Angststörung ein deutlich besseres Ergebnis erreicht werden, als mit VT (Recovery: 65 Prozent vs. 38 Prozent) (3). Zudem gibt es eine deutliche Öffnung hin zu anderen Ansätzen. So integrieren etwa die Schematherapie oder auch das Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP) VT- und PA-Ansätze. Von einer „Monokultur“ kann deshalb keine Rede sein.

Auch bezüglich der Psychopharmakotherapie erscheint die Kritik sehr einseitig, wenn man die Effekte mit Effekten somatischer Indikationen vergleicht. So erreicht eine ausschließliche Behandlung mit Psychopharmaka Effektstärken (Mittelwert 0.49) in ähnlicher Höhe wie medikamentöse Behandlungen bei vielen internistischen Erkrankungen (Mittelwert 0.45) (4). Von Leichsenring unberücksichtigt bleibt zudem, dass gerade mit der Kombination aus Psycho- und Pharmakotherapie das therapeutische Ergebnis bei vielen Patienten verbessert werden kann (5). Zudem steht für Patienten, die ambulant nicht ausreichend ansprechen, noch immer die Option einer intensiven multimodalen stationären Behandlung zur Verfügung, mit der auch bei dieser schwierigen Patientengruppe Effektstärken über 2 erzielt werden (6).

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Dr. phil, Lars Hölzel, 79104 Freiburg,
Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Matthias J. Müller, 10117 Berlin,
Dr. med. Andreas Jähne, 79713 Bad Säckingen

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp/lit1218

1.
Interview mit Prof. Dr. rer. nat. Falk Leichsenring, Professor für Psychotherapieforschung an der Universitätsklinik Gießen: „Wir brauchen eine Vielfalt an evidenzbasierter Psychotherapie“; PP 17, Ausgabe Oktober 2018, 449.
2.
Leuzinger-Bohleber M, Hautzinger M, Fiedler G, et al.: Outcome of Psychoanalytic and Cognitive-Behavioural Long-Term Therapy with Chronically Depressed Patients: A Controlled Trial with Preferential and Randomized Allocation. Can J Psychiatry, 2018; 1–12.
3.
Nordahl HM, Borkovec TD, Hagen R, et al.: Metacognitive therapy versus cognitive–behavioural therapy in adults with generalised anxiety disorder. BJPsych open, 2018; 4, 393–400.
4.
Leucht S, Hierl S, Kissling W, et al.: Putting the efficacy of psychiatric and general medicine medication into perspective: review of meta-analyses. Br J Psychiatry, 2012; 200, 97–106.
5.
DGPPN, BÄK, KBV, et al. (Hrsg.): S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression – Langfassung, 2. Auflage. Version 5. 2015.
6.
Härter M, Sitta P, Keller F, et al.: Externe Qualitätssicherung bei stationärer Depressionsbehandlung – Modellprojekt der Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg. Dtsch Arztebl, 2004; 101, A 1970–4.
1. Interview mit Prof. Dr. rer. nat. Falk Leichsenring, Professor für Psychotherapieforschung an der Universitätsklinik Gießen: „Wir brauchen eine Vielfalt an evidenzbasierter Psychotherapie“; PP 17, Ausgabe Oktober 2018, 449.
2.Leuzinger-Bohleber M, Hautzinger M, Fiedler G, et al.: Outcome of Psychoanalytic and Cognitive-Behavioural Long-Term Therapy with Chronically Depressed Patients: A Controlled Trial with Preferential and Randomized Allocation. Can J Psychiatry, 2018; 1–12.
3. Nordahl HM, Borkovec TD, Hagen R, et al.: Metacognitive therapy versus cognitive–behavioural therapy in adults with generalised anxiety disorder. BJPsych open, 2018; 4, 393–400.
4. Leucht S, Hierl S, Kissling W, et al.: Putting the efficacy of psychiatric and general medicine medication into perspective: review of meta-analyses. Br J Psychiatry, 2012; 200, 97–106.
5.DGPPN, BÄK, KBV, et al. (Hrsg.): S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression – Langfassung, 2. Auflage. Version 5. 2015.
6.Härter M, Sitta P, Keller F, et al.: Externe Qualitätssicherung bei stationärer Depressionsbehandlung – Modellprojekt der Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg. Dtsch Arztebl, 2004; 101, A 1970–4.

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