ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2018Stigmatisierung: Psychische Störungen bei Psychotherapeuten

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Stigmatisierung: Psychische Störungen bei Psychotherapeuten

PP 17, Ausgabe Dezember 2018, Seite 565

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Klinische Psychologen und Psychotherapeuten helfen anderen bei psychischen Störungen. Dass viele von ihnen selbst psychisch erkrankt sind, brachte eine anonyme Umfrage unter 678 klinischen Psychologen in England ans Licht. Die britischen Psychologinnen Stacie Tay, Kat Alcock und Katrina Scior vom University College London, die die Umfrage online durchgeführt haben, kamen zum Ergebnis, dass 63 % der Befragten mindestens einmal im Leben unter psychischen Problemen gelitten haben oder aktuell noch leiden, manche von ihnen auch unter drei und mehr Erkrankungen. 70 % berichteten von moderaten und 13 % von schweren Depressionen, 42 % von Angststörungen und 11 % von Essstörungen. Darüber hinaus wurden Suchterkrankungen, Psychosen, bipolare Störungen und andere Erkrankungen genannt. Die Befragten stigmatisierten weder sich selbst noch andere psychisch Erkrankte, fürchteten aber die Stigmatisierung ihrer Person, wenn ihre Erkrankung bekannt würde. Trotz dieser Angst erzählten 89 % jemandem davon, bevorzugt einer Person aus dem privaten Umfeld, seltener hingegen Vorgesetzten und Kollegen. 84 % suchten sich professionelle Hilfe, 53 % davon bei einem Allgemeinarzt und 45 % bei einem Psychotherapeuten. 46 Befragte vertrauten sich allerdings niemandem an und suchten auch keine Hilfe. Gründe dafür waren negative Erfahrungen, Scham und Angst vor beruflichen Nachteilen.

„Von Psychologen und Psychotherapeuten wird erwartet, dass sie stets psychisch gesund und stabil sind“, sagen die Autorinnen. Dass Angehörige dieser Berufsgruppe selbst erkranken können, würde in der öffentlichen Wahrnehmung hingegen ausgeblendet. Daher mangele es an Hilfsangeboten und präventiven Trainings. Die Autorinnen fordern mehr Offenheit und Verständnis und verweisen darauf, dass psychische Erkrankungen bei Therapeuten kein Nachteil seien, sondern dazu beitragen können, die Situation der Patienten besser nachzuempfinden. ms

Tay S, Alcock K, Scior K: Mental health problems among clinical psychologists.
Journal of Clinical Psychology 2018; 74 (9): 1545–1555.

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