ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2018Missbrauch und Misshandlung: Gewalterfahrungen lassen Kinder schneller altern

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Missbrauch und Misshandlung: Gewalterfahrungen lassen Kinder schneller altern

PP 17, Ausgabe Dezember 2018, Seite 565

Meyer, Rüdiger

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Körperliche, seelische oder sexuelle Misshandlungen können bei Kindern eine frühzeitige Pubertät auslösen, während Entbehrungen, etwa ein Nahrungsmangel, die körperliche Entwicklung verzögern. Dies zeigen Untersuchungen in Biological Psychiatry. Gewalterfahrungen können die Gesundheit von Kindern nachhaltig schädigen. Eine zunächst paradox erscheinende Folge ist die beschleunigte körperliche Entwicklung. Die Psychologin Katie McLaughlin von der Universität des US-Staates Washington in Seattle erklärt dies mit der „Life-history“-Theorie von Evolutionsbiologen. Die frühzeitige Reifung sei der Versuch, sich in einer lebensfeindlichen Umwelt möglichst rasch fortzupflanzen. Nahrungsmangel habe dagegen eine gegenteilige Wirkung. Der Körper versuche dann, Energie zu sparen und verschiebe das Projekt der Fortpflanzung auf einen späteren Zeitpunkt.

Die Untersuchungen, die McLaughlin an einer Gruppe von 247 Kindern im Alter von 8 bis 17 Jahren durchgeführt hat, bestätigen diese Theorie. Etwa ein Viertel der Befragten hatte angegeben, sexuellen Missbrauch erlebt zu haben, und 42 % hatten andere körperliche Qualen erlitten. Das andere Extrem hatten 16 % der Kinder erfahren: Bei ihnen hatte es Phasen gegeben, in denen sie nicht genug zu essen hatten. Wie McLaughlin berichtet, hatten Gewalterlebnisse bei den Kindern die Entwicklung beschleunigt. Sie befanden sich in einem fortgeschritteneren Stadium der Pubertät als die Kinder, die unter Entbehrungen gelitten hatten. Die Untersuchung der Chromosomen zeigte ein erhöhtes Ausmaß an Methylierungen der DNA. Die epigenetische „Lebenszeituhr“ der Kinder war schneller vorangeschritten. Die Gewalterlebnisse in der Kindheit könnten ihnen damit lebenslang geschadet haben, befürchtet McLaughlin.

Studien bei Erwachsenen hätten die beschleunigte epigenetische Alterung mit einer erhöhten Anfälligkeit auf Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Adipositas und einem vorzeitigen kognitivem Abbau im Alter in Verbindung gebracht. Erste Folgen der epigenetischen Alterung könnten laut McLaughlin die bei den Kindern beobachteten depressiven Symptome sein. rme

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McLaughlin KA, Sumner JA, Colich NL, Uddin M, Armstrong D: Early Experiences of Threat, but Not Deprivation, Are Associated With Accelerated Biological Aging in Children and Adolescents. Biological Psychiatry, DOI: https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2018.09.008.

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