ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2018Marina Abramovic: Schmerz in der Performancekunst

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Marina Abramovic: Schmerz in der Performancekunst

PP 17, Ausgabe Dezember 2018, Seite 567

Kuck, Bernd

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Im Gespräch mit der Psychoanalytikerin wünscht sich die Künstlerin Klarheit darüber, was biografisch in ihre künstlerische Arbeit einfließt. Es geht im Werk immer wieder um Angst vor Selbstverlust, eigentlich um die Angst vor der inneren Leere aus Ermangelung eines Selbst. Denn Marina Abramović wurde von ihrer vermutlich schwer kranken Mutter als Selbstobjekt missbraucht. Durch den Schmerz, den sie sich nun in der Performance selbst zufügt, erfährt sie für die Dauer des Schmerzes ein Selbsterleben durch den Leib. Ferner wehrt sie in klassisch masochistischer Weise die Hilflosigkeit, das Benutztwerden, durch die Wendung von passiv in aktiv ab. In „Rhythm 0“ riskiert sie sogar ihre Tötung, indem sie den Besucher allerlei Quälwerkzeuge zur Auswahl stellt, darunter auch eine geladene Pistole, mit denen diese die Künstlerin aktiv quälen und verletzen können. Ausdrücklich übernimmt sie die Verantwortung für das Tun der anderen.

Hier ist man an die Untersuchungen von Pilgrim und dem Prisonexperiment erinnert, in dem die Teilnehmer bereit zu quälen sind, wenn ihnen die Verantwortung abgenommen wird. Insofern hält Abramović uns einen Spiegel vor, in dem die Bereitschaft zu sadistischen und voyeuristischen Handlungen thematisiert werden. Hier nur ist es „freiwillig“, dient der Erarbeitung eines Selbst, was sonst bei Patienten, die sich selbst verletzen, meist nicht gelingt. Nach 70 Jahren scheint dies Marina Abramović gelungen zu sein.

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Aber ist das Kunst? So wurde Abramović nicht nur von zweien ihrer Männer weiter missbraucht, indem sie ihren Erfolg für sich auszunutzen versuchten. Auch der Kurator des Museum of Modern Art hatte nicht das Wohl der Künstlerin im Blick, als er sie drei Wochen sich öffentlich selbst quälen ließ, dann aber acht Minuten vor der Zeit die Performance abbrach und „sich damit ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit“ sicherte.

Auch Cover und Titel des Buches lassen den Verdacht aufkommen, die Autorin sei Partizipandin am Ruhm der Künstlerin. Jedenfalls erfahren wir nichts von einer wahrscheinlichen Gegenüberübertragung. Bernd Kuck

Jeannette Fischer: Psychoanalytikerin trifft Marina Abramović. Künstlerin trifft Jeannette Fischer. Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2018, 176 Seiten, gebunden, 19,00 Euro

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