ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2018Traumatisierung: Wege in Therapie und Selbsthilfe

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Traumatisierung: Wege in Therapie und Selbsthilfe

PP 17, Ausgabe Dezember 2018, Seite 569

Hambrecht, Martin

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Kliniken und Therapeuten mit dem Schwerpunkt „Trauma“ haben die höchste Nachfrage und die längsten Wartezeiten. Anhaltende Traumatisierungen in der Kindheit werden zunehmend mit schweren psychischen Beeinträchtigungen im späteren Leben in Verbindung gebracht. Darauf fokussiert dieses kompakte Sachbuch und weist Wege der Therapie und Selbsthilfe.

Belegt mit vielen Daten und Fakten und illustriert durch plastische Fallbeispiele begründet Christian Firus die Relevanz des Themas. Der Oberarzt einer psychosomatischen Fachklinik bei Freiburg zeigt auf, in welchen Formen, mit welcher Häufigkeit, durch welche Mechanismen und mit welchen Folgen Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung in der Kindheit auftreten und ihren „langen Schatten“ auf das gesamte Leben werfen. In einem kompakten Exkurs fasst er die verschiedenen Aspekte der Weitergabe traumatisierender Erfahrungen in der Folge des Zweiten Weltkriegs zusammen. Ein weiterer, wiederum sehr lesenswerter Exkurs befasst sich mit dem Phänomen der Dissoziation, einem archaischen Abwehrmechanismus gegen unerträgliche Belastungen.

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Die beiden zentralen Kapitel handeln von den Verhaltensgrundsätzen und den Techniken, mit denen eine Überwindung traumatischer Erfahrungen gelingen kann. Firus begründet nicht nur, warum bestimmte Prinzipien wichtig und wirksam sind, sondern motiviert auch zu deren Anwendung: das Schweigen brechen, Unrecht benennen und anerkennen, Verlust und Leid bedauern und betrauern, die eigenen Kompetenzen erkennen und nutzen, die Opferrolle verlassen und Verantwortung für das eigene Leben übernehmen. Diese aus der Resilienzförderung bekannten Strategien setzen im Kontext der Traumaüberwindung überzeugende Akzente.

An die prägnante Ausarbeitung der Prinzipien schließt sich die anschauliche Vermittlung von therapeutischen und Selbsthilfe-Techniken an, mit denen traumatische Erfahrungen und deren Folgen überwunden werden können. Explizit geht es dabei nicht „nur“ um das Reden, sondern auch um praktische Methoden. Achtsamkeit, Selbstfürsorge und Selbstmitgefühl sollen verbessert und Grenzen gesetzt werden. Die Selbstberuhigungskompetenz kann man steigern und zum Beispiel schlechtes Gewissen als Indikator für kritische Fehleinstellungen nutzen. Schließlich macht der Autor deutlich, wie zwischenmenschliche Bindung und die Erfahrung von Gemeinschaft seelische Verletzungen unwichtig werden lassen.

Ein informativer Abriss zu den Spezifika von Traumatherapie gegenüber anderer Psychotherapie rundet das Buch ab. Man spürt, dass hier jahrzehntelange Erfahrung, hohes Engagement und kluge Reduktion auf das Wesentliche eine gelungene Synthese eingegangen sind. Fachleuten aus dem psychiatrisch-psychotherapeutischen und dem psychosozialen Feld, aber auch jenen Betroffenen, die ihre Situation zu reflektieren gelernt und professionelle Begleitung haben, kann dieses lebendige, gut lesbare Werk sehr empfohlen werden. Martin Hambrecht

Christian Firus: Der lange Schatten der Kindheit. Seelische Verletzungen und Traumata überwinden. Patmos Verlag, Ostfildern 2018, 172 Seiten, kartoniert, 17,00 Euro

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