ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2018Folgen des Ersten Weltkrieges: Trauma und Theater

KULTUR

Folgen des Ersten Weltkrieges: Trauma und Theater

PP 17, Ausgabe Dezember 2018, Seite 572

Kattermann, Vera

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Die sogenannten „Kriegszitterer“ kehrten nach dem Ersten Weltkrieg in eine aus den Fugen geratene Gesellschaft zurück. Einzelne verarbeiteten die Kriegstraumatisierungen auf eigene Weise. Der Regisseur Erwin Piscator wandelte die inneren Schrecken in eine totale Reform des Theaters.

Erschöpfter Soldat an der Westfront um 1918, Archiv Gerstenberg. Fotos: picture alliance
Erschöpfter Soldat an der Westfront um 1918, Archiv Gerstenberg. Fotos: picture alliance

Ypern – die westflämische Stadt mit dem exotischen Namen steht bis heute als Begriff für besonders erbittert ausgetragene Kriegsgefechte des Ersten Weltkrieges. Hier fielen fast eine halbe Million Soldaten. Die Niederlage des deutschen Heeres in Ypern im Herbst 1918 läutete das Ende des Ersten Weltkrieges ein. Und die Kriegstraumatisierungen? Wie wurden sie damals eigentlich erlebt, besprochen, verarbeitet?

Das Ende des Weltkrieges, das Ende der Monarchie bedeutete eine Gesellschaft in Auflösung, die sich nur noch qua Spaltung in Traditionalisten und Revolutionäre im Gleichgewicht zu halten schien. In diese aus ihren Fugen geratene Gesellschaft kehrten sie heim, die „Kriegszitterer“, wie man sie aufgrund ihrer Symptome nannte. Die Kategorie einer psychischen Traumatisierung gab es da noch nicht. Die Posttraumatische Belastungsstörung wurde erst 1980 in den psychiatrischen Diagnoseschlüssel DSM III aufgenommen. Man sprach von „Granatschock“, vom „Flattermann“, sachlicher von „Kriegsneurose“. Schwere Verwundungen durch Granaten, der Anblick zerfetzter Leichen in den Schützengräben, Giftgasattacken – der Horror war allumfassend, für die Beteiligten wurde er zu einer unaufhörlich quälenden Erinnerung. So beschreibt etwa der Berliner Theaterregisseur in seiner Autobiografie vom „Grauen im Rücken, das mich seit Ypern nicht verlassen (hat) und das bisher Antrieb von allem war, was ich gedacht und getan habe“. Die „Kriegsneurose“ als Energiefeld für politische Kunst? Piscator wandelte die inneren Schrecken in eine totale Reform des Theaters – es scheint, als habe er die Kriegstraumatisierung in eine Art Kraftquelle für politisches und künstlerisches Wirken gewandelt. Sein Manifest „Das politische Theater“ von 1929 bildet bis heute einen wesentlichen Referenzpunkt für politisch-kritisches Theaterschaffen. Kernvorhaben für Piscator war, „die gesellschaftliche Diskrepanz zu einem Element der Anklage, des Umsturzes und der Neuordnung zu steigern“. War seine politische Radikalität auch Ausdruck des Entsetzens darüber, unkritisch Teil einer derart verheerenden Kriegsmaschinerie geworden zu sein?

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Die von ihm gegründete Piscator-Bühne im Berliner Theater am Nollendorfplatz transformierte Unterhaltung in politische Agitation. Transformierte das Kriegstrauma in pazifistische Aktion. Dafür war mit neuen Mitteln zu experimentieren. Piscator versprühte sich im Ausreizen bühnentechnischer Möglichkeiten. Auch die Arbeitsbedingungen wurden revolutioniert: statt eines Dramaturgen wirkte ein dramaturgisches Kollektiv, in dem etwa auch Bert Brecht mit von der Partie war. Die Liste weiterer Mitarbeiter liest sich wie ein Kompendium bis heute bekannter Künstler: Wieland Herzfelde, Erich Mühsam, Egon Erwin Kisch, Heinrich Mann, László Moholy-Nagy, John Heartfield, George Grosz. Mit vielen von ihnen war Piscator schon seit Jahren als Dadaist verbunden. Und mit den meisten von ihnen teilte er die Erfahrung von Kriegstrauma und geballter Wut gegen das militärische und politische Establishment. So etwa auch mit dem Autor Ernst Toller. Sechs Jahre älter als Piscator, hatte er sich 1914 als Kriegsfreiwilliger gemeldet und wurde nach der Schlacht von Verdun seelisch gebrochen als „nicht mehr kriegsverwendungsfähig“ zurückgestellt. Sein Wirken für die Münchener Räterepublik brachte ihm fünf Jahre in Festungshaft. Hier schrieb er viele seiner politischen Dramen, in denen er das erlebte Kriegsgrauen verarbeitete. Piscator inszenierte Tollers kriegskritische Stücke in Berlin mit großem Erfolg – die Vorstellungen waren meist ausverkauft. Ins Bühnenbild wurden Zeichnungen von George Grosz, teilweise auch in Trickfilmsequenzen, projiziert. Darunter war das berühmte Bild Christus mit der Gasmaske, ebenso die Zeichnung „Maul halten und weiter dienen“. Auch George Grosz, gleich alt wie Toller, war mehrfach zum Krieg eingezogen und wieder beurlaubt worden. Als nervliches Wrack im Kriegslazarett sollte er eigentlich als Deserteur erschossen werden und überlebte auf Intervention von Harry Graf Kessler in einer „Anstalt für Kriegsirre“. Die Bühnenbilder von Grosz wurden jetzt Gegenstand eines Gotteslästerungsprozesses gegen den Künstler, der erst 1931 mit einem Freispruch endete.

George Grosz (links) transformierte die im Kriege erlittene Traumatisierung in die Kunst. Erwin Piscator (rechts) trug das Kriegstrauma in eine Revolutionierung des Theaters.
George Grosz (links) transformierte die im Kriege erlittene Traumatisierung in die Kunst. Erwin Piscator (rechts) trug das Kriegstrauma in eine Revolutionierung des Theaters.

Aber trotz aller Agitation der Kunstschaffenden wie etwa an der Piscator-Bühne war die politische Radikalisierung nationalistischer Kräfte nicht aufzuhalten. Die Kriegstraumatisierten des Ersten Weltkrieges zogen nur wenige Jahre später wieder in den Krieg. Die Nazis erkannten qua neuem Gesetz seelische Erkrankungen nicht mehr als Folge von Kriegstraumatisierungen an. Zwischen 4 000 und 5 000 „Kriegszitterer“ des Ersten Weltkrieges wurden im Kontext der NS-Euthanasie ermordet. Aber auch die Soldaten, die nicht augenfällig „irre“ wurden, trugen massive seelische Wunden davon und man könnte sich sogar fragen, ob die Brutalität vieler Nazischergen auch Ausdruck posttraumatischer Störungen nach dem Ersten Weltkrieg gewesen sein mögen. Erich Maria Remarque, berühmt für seinen kriegskritischen und autobiografisch inspirierten Roman zum Ersten Weltkrieg „Im Westen nichts Neues“, schreibt: „Die Generation von 1914 ist gestorben im Krieg, auch wenn sie seinen Granaten entkam.“ Räumliche Ironie der Geschichte: die Verfilmung seines Romans wurde 1931 abermals im Theater am Nollendorfplatz uraufgeführt – und von Nationalsozialisten mit massiven Aktionen verhindert. Remarques Satz erhält Brisanz, wenn man ihn erweitert um die Katastrophe von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg liest. Was waren das für Männer, die als „neue Herrenmenschen“ eine nie dagewesene Katastrophe über Europa brachten, die mordeten, als sei es das Alltäglichste der Welt? Gerade deswegen berührt die Lebensleistung von Piscator, wie auch Toller, Grosz und Remarque, die im Nationalsozialismus als Künstler verfolgt, deren Bücher und Werke verbrannt wurden. Sie stehen stellvertretend für viele andere Künstlerinnen und Künstler, die erlittene Traumatisierung in künstlerischen Ausdruck und politisches Tun transformierten. Wir als heute Erwachsene sind aus all jenen hervorgegangen: den Kriegszitterern, den Künstlern, den nationalsozialistischen Tätern, KZ-Wächtern und denen, die nach dem Zweiten Weltkrieg als nunmehr mehrfach Traumatisierte zurückkehrten. Unsere Gesellschaft ringt bis heute mit ihrer Geschichte. Vera Kattermann

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