ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2018Eingeschränkte Arztwahl: Zuweisen innerhalb der Gruppe
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Ich begrüße den Vorstoß des Ärzteblattes, sich des Themas von Großinvestoren in der ambulanten Versorgung anzunehmen.

Etwas befremdlich fand ich, dass das Interview mit der Geschäftsführerin der Ober-Scharrer-Gruppe (OSG) nahezu unkommentiert und auch unreflektiert übernommen wurde. Sicher ist es richtig, dass die OSG Sitze im ländlichen Bereich übernommen hat ... . Dieses Vorgehen dient jedoch sicher keinem Selbstzweck, sondern ist ökonomisches Kalkül. Mehrere Aspekte sind in dem Artikel deutlich zu kurz gekommen und bedürfen der Klarstellung.

Die freie Arztwahl wird durch die Ausbreitung der MVZ-Netze unweigerlich eingeschränkt. Hierzu bedarf es keiner Weisung von oben, dies ist schlicht systembedingt. Es ist blauäugig zu glauben, dass zum Beispiel ein konservativer Augenarzt, angestellt von einer großen Gruppe, allzu viel Mühen darauf verwenden würde, einen Katarakt-Patienten über andere Anbieter (Operateure des Grauen Stars) außerhalb des eigenen Verbundes zu informieren; selbst wenn dies mit Vorteilen für den Patienten verbunden wäre. Die Qualität der Operation, deren tatsächliche Notwendigkeit oder alternative Strategien werden zweitrangig. Vorrangig ist das Zuweisen innerhalb der Gruppe.

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In manchen Landkreisen Bayerns ist es inzwischen für einen Augenpatienten alleine durch die schiere Ausdehnung der MVZ-Netze unmöglich, einen Augenarzt auszusuchen, der nicht diesem Netz angehört. Selbstverständlich werden dann auch sämtliche Operationen von den Ärzten des Netzes durchgeführt.

Konkurrenz wird gezielt und systematisch ausgeschaltet. Auf den Umstand, dass die MVZs teilweise protektiv hohe Preise für freie Sitze zahlen, wurde im Text hingewiesen. Darüber hinaus macht es auch häufig für Augenchirurgen keinen Sinn, sich in der Nähe von Netzen niederzulassen, da sie keine ausreichende Anzahl von Überweisungen von operativen Fällen mehr erreichen können.

Ein weiteres Vorgehen der Ketten ist es zu versuchen, die Hygienestandards oder die geforderte operative Ausstattung für Operationen stetig zu erhöhen. Das primäre Anliegen ist hier jedoch nicht, wie proklamiert, die Patientensicherheit zu erhöhen, sondern über die damit verbundenen höheren Investitionskosten weitere Konkurrenz auszuschalten (Pseudo-Exzellenz-Bildung).

Das Fazit ist: Die genannten Gruppen haben ein klares Monopolstreben; und dieses haben sie in manchen Landkreisen auch bereits erreicht. Monopole sind jedoch für alle schlecht, außer natürlich für den, der sie besitzt. Hierunter werden die Patienten leiden, aber auch die ärztlichen Organisationen und die ärztliche Selbstverwaltung. Anbieter, die ganze Landkreise oder Bundesländer dominieren, können Preise auch direkt mit Krankenkassen verhandeln. Und die Kassenärztlichen Vereinigungen, die diese Entwicklung einst angestoßen haben, werden dann überflüssig sein. Welch schöne Ironie!

Dr. med. Sebastian Briesen, 57076 Siegen

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