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Nachdem über einen langen Zeitraum jede Geburt eines nicht erkannten Trisomie-21-Kindes juristisch als Schaden gehandelt wurde, entstand parallel eine Gegenbewegung, die sich gegen das sogenannte „Down-Hunting“ massiv zur Wehr setzte.

Diese vergleichsweise harmlose und mit einem normalen Familienleben gut zu vereinbarende Chromosomenaberration – so war in vielen Publikationen zu lesen – dürfe keinesfalls gezielt ausgemerzt werden.

Mit dem Inkrafttreten des GenDiagnostikGesetzes zum 1. Februar 2010 wurde darüber hinaus dem individuellen Recht auf Nichtwissen besonderer Ausdruck verliehen und die Entscheidung für oder gegen die Beantwortung genetischer Fragestellungen in die Privatsphäre verwiesen.

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Damit ist dem Gesetzgeber ähnlich wie bei der Abtreibungsdebatte ein halbwegs akzeptabler Kompromiss zwischen zwei Rechtsgütern (Selbstbestimmung der Mutter versus Lebensrecht des Kindes) mehr oder weniger gut gelungen ... .

Dass mit der Einführung der NIPD im Jahr 2012 diese labile Gemengelage empfindlich aufgemischt werden würde, war nur eine Frage der Zeit. An einer neuen Methode, die mit einer Detektionsrate von 99 Prozent bei einer sensationell niedrigen Falsch-positiv-Rate von 0,1 Prozent die Erkennung einer Trisomie 21 de facto garantiert, würde auch der Bundes­aus­schuss Ärzte- und Krankenkassen nicht vorbeikommen. So viel war allen Insidern klar.

Inzwischen hat sich diese Befürchtung bewahrheitet und die NIPD (= nichtinvasive pränatale Diagnostik) wurde in den GKV-Leistungskatalog aufgenommen. Für wen genau dieses Angebot gilt, ist noch nicht entschieden. Mit einer dynamischen Kontroverse ist insofern noch zu rechnen.

Nunmehr stellen sich mehrere dringende Fragen: Gehört ein Test auf eine Chromosomenanomalie, deren gezielte Ausmerzung von Teilen der Bevölkerung bekämpft wird, tatsächlich zu den vornehmsten Aufgaben einer solidarisch finanzierten Kran­ken­ver­siche­rung? Sollen wesentliche Anteile des ohnehin gedeckelten Honorarbudgets ausgerechnet in ein industriell gefertigtes Produkt fließen, für das die Produzenten keinerlei Haftung übernehmen, sondern diese unauffällig an die verordnenden Ärzte übertragen? Wo bleibt die notwendige Neutralität unserer staatlichen Institutionen, wenn mittels NIPD-Angebotes eine Art diskreter Empfehlung ergeht? Wie sollen sich Frauen fühlen, die bereits ein Trisomie-21-Kind haben?

Dass in den jetzt gerade beginnenden Auseinandersetzungen zuallererst wieder einmal die unsägliche „Armut“ im reichen Deutschland würde herhalten müssen, um von vornherein jede Idee privater Zuständigkeit im Keim zu ersticken, war zu erwarten. Hierdurch rückt aber eine halbwegs pragmatische Umsetzung des oben erwähnten staatlichen Kompromisses in weite Ferne.

Wenn also bereits in der Titelzeile eines Pro-und-kontra-Beitrages zur GKV-Finanzierung neuer pränataler Tests der zarte Hinweis ergeht, dass diese „nicht nur Selbstzahlern zugutekommen sollten“, ist die politische Richtung schon fast entschieden. ...

Dr. med. Gerda Enderer-Steinfort, 50931 Köln

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