ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2018Balintgruppen: Arzt-Patient-Beziehung gestalten

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Balintgruppen: Arzt-Patient-Beziehung gestalten

Dtsch Arztebl 2018; 115(50): A-2348 / B-1922 / C-1894

Flatten, Guido; Bergmann, Günther; Tschuschke, Volker

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Die Erfahrung in Balintgruppen geht mit einer reflektierten Selbstwirksamkeit in der Gesprächsführung, verbesserter Psychohygiene und Burn-out-Prophylaxe einher. Eine aktuelle Studie zeigt, das gerade Ärzte aus somatischen Fachdisziplinen besonders von Balintgruppenarbeit profitieren.

Foto: Photographee.eu/stock.adobe.com
Foto: Photographee.eu/stock.adobe.com

Die Teilnahme an Balintgruppen gehört in Deutschland seit mehr als 40 Jahren zum verpflichtenden Bestandteil ärztlicher und psychotherapeutischer Aus- und Weiterbildungen. Nach der vom ungarischen Psychoanalytiker Michael Balint entwickelten Methodik stellen Ärztinnen und Ärzte in einem moderierten Gruppenprozess eigene Fallvignetten aus ihren Behandlungen vor, um Aspekte der Arzt-Patient-Beziehung besser verstehen zu lernen und diese im Sinne einer zielorientierten Diagnostik und Therapie nutzbar machen zu können.

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Gemäß der aktuellen Weiter­bildungs­ordnung wird für die fachärztliche Weiterbildung auf den Gebieten Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychiatrie und Psychotherapie sowie Kinder-/Jugendpsychiatrie und -psychotherapie die Teilnahme an mindestens 35 Doppelstunden einer kontinuierlich laufenden Balintgruppe gefordert. Für die fachärztliche Weiterbildung auf den Gebieten Allgemeinmedizin und Gynäkologie/Geburtshilfe ist eine Teilnahme an Balintgruppen im Umfang von mindestens 30 Stunden erforderlich. Gleiches gilt für die Abrechnung von Leistungen der psychosomatischen Grundversorgung sowie für die Ausbildung in Schmerztherapie und Akupunktur.

Erwerb emotionaler Kompetenz

Vor dem Hintergrund steigender Burn-out-Zahlen bei Helferberufen zielt die Balintarbeit auch auf den Erwerb emotionaler Kompetenz und auf die Frage, in welcher „Dosierung“ sich Ärzte in der Behandlungsbeziehung zur Verfügung stellen können und sollten. Die gut dokumentierte Zunahme der psychischen Morbidität in der Gesamtbevölkerung und die umfangreichen und fachübergreifend vorliegenden Forschungsbefunde zu somatopsychischen und psychosomatischen Wechselwirkungen verstärken die Forderung nach einer allgemeinen Kompetenzentwicklung in der ärztlichen professionellen Beziehungsgestaltung und Gesprächsführung. Für eine erweiterte Implementierung der Balintgruppenarbeit in die ärztliche Aus- und Weiterbildung ist zu fordern, dass eine empirie- und evidenzbasierte Wirksamkeit der Methode auch für somatisch tätige Ärzte nachgewiesen werden kann (3).

Mit Unterstützung der Deutschen Balint-Gesellschaft wurde aktuell eine Studie bei 1 400 ärztlichen Teilnehmern aus 352 unterschiedlichen Balintgruppen durchgeführt, die von 107 zertifizierten Balintgruppenleiterinnen und -leitern geleitet wurden. Diese wiesen im Durchschnitt eine sehr große Erfahrung als psychiatrische, psychosomatisch oder psychotherapeutisch tätige Fachärzte (MW = 32,1 Jahre) und im Mittel auch eine große Erfahrung mit der Leitung von Balintgruppen auf (MW = 16,5 Jahre). 798 (57 Prozent) der insgesamt 1 400 Teilnehmer der Stichprobe hatten keine oder maximal bis zu einem Jahr Teilnahmeerfahrung an Balintgruppen; 602 (43 Prozent) wiesen Balintgruppenerfahrung von durchschnittlich 9,9 Jahren auf. 486 Allgemeinärzte und 462 Fachärzte aus 17 Fachdisziplinen wurden mit 452 psychiatrischen, psychosomatischen und psychotherapeutischen Fachärzten verglichen. Zwei Drittel der Stichprobe waren Ärztinnen und ein Drittel Ärzte. Alle Teilnehmer füllten den mehrstufig validierten Balintgruppenfragebogen (BG-F) aus (5). Mit den drei Skalen „Emotionales und kognitives Lernen“, „Reflexion der Übertragungsdynamiken der Arzt-Patient-Beziehung“ und „Fallspiegelung in der Gruppendynamik“ konnte eine differenzierte Wirksamkeit der Balintgruppenarbeit auf unterschiedliche Teilnehmergruppen abgebildet werden (6).

Die Ergebnisse der Analysen belegen die Bedeutung der Teilnahme an Balintgruppen insbesondere für Ärzte aus überwiegend somatischen Fachdisziplinen. Ärzte ohne psychologische Hintergrundqualifikation weisen signifikant höhere Werte im Sinne einer stärkeren Wirksamkeit in der BG-F-Skala „Reflexion der Übertragungsdynamiken der Arzt-Patient-Beziehung“ und hochsignifikant höhere Werte in der Skala „Emotionales und kognitives Lernen“ auf als Psychiater, Psychosomatiker oder Psychotherapeuten (6). Dieser Effekt belegt den von der Balintgruppenarbeit intendierten Lernzuwachs und den Erwerb reflexiver Kompetenz insbesondere für Ärzte, die bislang kein psychodynamisches Fachwissen erworben hatten.

Der „Balinteffekt“ zeigt sich am deutlichsten im Vergleich zwischen Ärzten, die keine oder nur bis zu einem Jahr Balintgruppenerfahrung aufweisen und Ärzten, die bereits mehr als vier Jahre Erfahrungen durch ihre Teilnahme an Balintgruppen gesammelt haben. Die größten Zugewinne gibt es für die Ärzte mit nur geringen Balintgruppenerfahrungen in den Werten der Skala 2 „Emotionales und Kognitives Lernen“. Es wird deutlich, dass Ärzte mit mehrjähriger Balintgruppenerfahrung hochsignifikant höhere Werte auf der Skala „Fallspiegelung in der Gruppendynamik“ aufweisen (6). Inhaltlich bedeutet dies, dass Ärzte anhand der durch ihren Patientenfall in der Gruppe ausgelösten Interaktion und Dynamik lernen zu erkennen, wie die Arzt-Patient-Beziehung inhaltlich und szenisch durch die Besonderheiten des jeweiligen Patientenfalles mitgestaltet wird.

Hohe Lerneffekte

Der Lernzuwachs in allen drei Skalen zeigt sich am deutlichsten bei denjenigen Ärzten, die in der untersuchten Balintgruppe den anderen Teilnehmern der Gruppe einen eigenen Patientenfall vorstellen. Die sich durch die Fallschilderung des eigenen Patientenerlebnisses in der Gruppe entfaltende Dynamik an Einfällen und emotionalen Reaktionen seitens der anderen Kollegen führt bei diesen Ärzten zu hochsignifikant höheren Lerneffekten im Vergleich zu allen anderen Ärzten.

Der medizinische Behandlungserfolg im Praxisalltag basiert – in Übereinstimmung mit den Ergebnissen der Psychotherapieforschung (79) – stets auch auf einem geglückten Arzt-Patient-Kontakt. Dieser baut auf Verständnis und Vertrauen auf und bildet auch in schwierigen Situationen die Voraussetzung für eine optimierte medizinische Behandlung, gute Compliance und Vertrauen des Patienten mit der Behandlung.

Die Balintgruppe ermöglicht am eigenen „Leibe“ zu erleben, wie die Arzt-Patient-Beziehung sich in der Gruppe widerspiegelt. Ergänzend bestätigt die Studie auch unterschiedliche Lerneffekte durch die Balintarbeit in Abhängigkeit von der Person des Balintgruppenleiters (10, 11). Die Erfahrung in Balintgruppen kann mit einer reflektierten Selbstwirksamkeit in der Gesprächsführung, verbesserter Psychohygiene und Burn-out-Prophylaxe verbunden werden. Zu erwarten sind auch positive Effekte im Hinblick auf die biopsycho-soziale Diagnostik sowie auf eine patientenseitig verbesserte Compliance in den Behandlungsbeziehungen. Sowohl in der psychosomatischen Grundversorgung als auch in der ärztlichen Fort- und Weiterbildung steht mit der Balintgruppe eine Methode zur Verfügung, die effektiv auf die Arzt-Patient-Beziehung fokussiert und eine reflexive Kompetenzentwicklung zur professionellen Beziehungsgestaltung unterstützt. Zu diskutieren ist ebenso die Relevanz der Methode als integraler Bestandteil der medizinischen Grundausbildung im Studium (12).

Balintgruppen können somit als ein wesentlicher Beitrag angesehen werden, um medizinisches Handeln zu optimieren – im Sinne eines vertieften Verständnisses des von Krankheit und Leiden betroffenen Menschen, seiner Ängste, Nöte und Probleme als wesentliche Faktoren, die die Erkrankung und den Behandlungsprozess entscheidend mitbeeinflussen.

PD Dr. med. Guido Flatten,

PD Dr. med. Günther Bergmann,

Univ.-Prof. Dr. rer. biol. hum. Dipl.-Psych. Volker Tschuschke

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit5018
oder über QR-Code.

Balintgruppen und Organisation

In einer Balintgruppe sitzen acht bis zwölf ärztliche Teilnehmer unter der Moderation eines ausgebildeten Balintgruppenleiters zusammen, in der durch ein Gruppenmitglied in einer meist 90 Minuten dauernden Sitzung ein „Fall“ vorgestellt wird. Die Gruppenarbeit fokussiert auf die Arzt-Patient-Beziehung und deren Beeinflussung durch Dynamiken von Seite des Patienten und des Arztes. Als Teil der ärztlichen Fort- und Weiterbildung wird die Teilnahme an einer Balintgruppe durch die Ärztekammern mit zwei CME-Punkten zertifiziert. Kontinuierlich arbeitende Balintgruppen haben in der Regel ein bis zwei Gruppensitzungen pro Monat.

Die 1974 gegründete Deutsche Balint-Gesellschaft widmet sich als wissenschaftliche Fachgesellschaft der Ausbildung von Balintgruppenleitern, dem Aufbau regionaler Balintgruppen, der Ausbildung in psychosomatischer Grundversorgung, der Organisation von Balint-Studientagungen und der Verleihung des Deutschen Studenten-Balintpreises. Auf der Homepage (www.balintgesellschaft.de) kann über Suchfunktion mittels Postleitzahl das Angebot von Balintgruppen vor Ort und Kontaktinformationen abgerufen werden.

Die International Balint Federation organisiert als Dachorganisation von weltweit 23 nationalen Balintgesellschaften jährlich internationale Konferenzen und unterstützt den wissenschaftlichen Austausch. Mit dem international ausgeschriebenen Ascona-Preis werden studentische Arbeiten zur Reflexion und Gestaltung der Arzt-Patient-Beziehung ausgezeichnet.

1.
Balint M: The doctor, his patient and the illness. London: Pitnam 1957 PubMed Central
2.
Mattke D, Strauß B: Aus-, Fort- und Weiterbildung in der Gruppenpsychotherapie. In: Strauß, B., Mattke, D. (eds.): Gruppenpsychotherapie: Lehrbuch für die Praxis, Berlin: Springer 2012; 495–502 CrossRef
3.
Van Roy K, Vanheule S, Inslegers R: Research on Balint groups: A literature review. Patient Educ Couns 2015; 98: 685–94 CrossRef MEDLINE
4.
Balint M: The structure of the training cum research seminars. Its implications for medicine. J R Coll Gen Pract 1969; 17 (81): 201–11 MEDLINE PubMed Central
5.
Flatten G, Möller H, Aden J, Tschuschke V: Balintgruppen-Fragebogen. Instrument zur Prozesserfassung in Balintgruppen. Psychotherapeut 2017; 62: 450–461. http://dx.doi.org/10.1007/s00278-017–0182-z CrossRef
6.
Flatten G, Möller H, Aden J, Tschuschke V: Dia Arzt-Patient-Beziehung gestalten: Wie nützlich sind Balintgruppen und für wen? Z Psychosom Med Psychother 2017; 63: 267–279. http://dx.doi.org/10.13109/zptm.2017.63.3.267 CrossRef MEDLINE
7.
Baldwin S A, Imel Z E: Therapist effects. In M. J. Lambert (eds.), Bergin and Garfield’s handbook of psychotherapy and behavior change (6th ed., 258–298). New York, Wiley 2013.
8.
Berglar J, Crameri J, von Wyl A, et al.: Therapist effects on treatment outcome in psychotherapy: A multilevel modelling analysis. Int J Psychother 2016; 20: 61–80.
9.
Tschuschke V: Zur Bedeutung von Gruppenleitern in der gruppenpsychotherapeutischen Weiterbildung. Psychotherapeut 2002; 47: 204–13. http://dx.doi.org/10.1007/s00278–002–0233-x CrossRef
10.
Flatten G, Möller H, Tschuschke V: Wie wirksam sind Balintgruppenleiter? Z Psychosom Med Psychother 2018 (in Druck).
11.
Tschuschke V, Flatten G: The effect of leaders on doctors‘ learning in Balint groups. Br J Gen Pract 2018; DOI: 10.1177/0091217418791440 CrossRef
12.
Scholz M, Burger P, Paulsen F: Sollen, können – und aushalten. Deutsches Ärzteblatt 2018, 115, 41: 1799–800 VOLLTEXT
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