ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2018Weiterbildungsreform: Alle werden sich mehr anstrengen müssen

POLITIK

Weiterbildungsreform: Alle werden sich mehr anstrengen müssen

Dtsch Arztebl 2018; 115(50): A-2332 / B-1910 / C-1884

Korzilius, Heike

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Inhalte statt Zeiten: Mit der neuen (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung will die Bundes­ärzte­kammer die Weiterbildungskultur verändern. Ob das gelingt, hängt von der Umsetzung in den Ländern ab.

Foto: mauritius images
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Die Kernfrage lautet nicht mehr, wie oft und in welcher Zeit wurden Inhalte erbracht, sondern wie und in welcher Form wurden Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten erlernt.“ So beschrieb Dr. med. Franz Bartmann, damals noch Weiterbildungsbeauftragter der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), das Ziel der geplanten grundlegenden Weiterbildungsreform, kurz bevor der Deutsche Ärztetag sie im Mai dieses Jahres in Erfurt einstimmig beschloss. Gemeinsam mit der BÄK hatten die Wissenschaftlich-Medizinischen Fachgesellschaften, Berufsverbände und Lan­des­ärz­te­kam­mern sechs Jahre lang darum gerungen, wie die fachärztliche Weiterbildung weiterentwickelt werden kann, damit junge Ärztinnen und Ärzte die Kompetenzen erwerben, die sie in ihrem Fachgebiet benötigen, um ihre Patienten angemessen versorgen zu können.

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Mitte November hat nun der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer die Novelle der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung (MWBO) in Gänze verabschiedet. Damit ist der Weg frei für eine Umsetzung in den Ländern. Denn das Weiterbildungsrecht ist Ländersache. Die MWBO mit ihren 51 Facharzt-, zehn Schwerpunkt- und 57 Zusatz-Weiterbildungen hat für die Länder nur empfehlenden Charakter. Die Regelungen auf Bundesebene sollen dafür sorgen, dass in der fachärztlichen Weiterbildung kein bundesweiter Flickenteppich entsteht. Letztlich entscheiden aber die Lan­des­ärz­te­kam­mern darüber, inwieweit sie den Empfehlungen der BÄK folgen und ihre Weiter­bildungs­ordnungen entsprechend anpassen (siehe „3 Fragen an ...“).

Es geht nicht ums Abrechnen

Nach der MWBO werden die Kompetenzen, die die angehenden Fachärzte erwerben, künftig in vier Kategorien bescheinigt: Inhalte, die der Weiterzubildende beschreiben kann, Inhalte, die er systematisch einordnen und erklären kann, sowie Fertigkeiten, die er unter Anleitung und solche, die er selbstverantwortlich durchführen kann. Dabei soll die neue Weiter­bildungs­ordnung nur noch das abbilden, was ein Arzt innerhalb einer fünf- oder sechsjährigen Weiterbildung realistischerweise erfüllen kann. „Es geht im Weiterbildungsrecht nicht darum, Fachkompetenz unter honorarrechtlichen Aspekten zu regeln“, erklärt BÄK-Weiterbildungsdezernentin Dr. med. Annette Güntert gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. „Die Frage darf nicht lauten: Was muss ich machen, damit ich es am Ende abrechnen kann? In der Weiterbildung muss es vielmehr darum gehen, die Inhalte zu vermitteln, die ein Arzt benötigt, um seine Patienten angemessen behandeln zu können.“

Herzstück der Weiterbildungsreform ist ein bundesweit einheitliches elektronisches Logbuch, das den Kompetenzerwerb der Weiterzubildenden kontinuierlich und auch für die Ärztekammern nachvollziehbar abbilden soll. Mit dem E-Logbuch steht und fällt nach Günterts Überzeugung das gesamte Reformprojekt. Denn nur dadurch werde Weiterbildung transparent. „Alle Einträge im E-Logbuch sind mit Datum belegt“, erläutert die Weiterbildungsdezernentin. Es werde deshalb künftig nicht mehr möglich sein, am Ende einer Weiterbildung im Nachhinein pauschal Inhalte zu bescheinigen, die der Weiterzubildende womöglich niemals erbracht habe. Günterts Dezernat arbeitet zurzeit gemeinsam mit einem externen Unternehmen mit Hochdruck an einem Prototypen des E-Logbuchs. Er soll dem Deutschen Ärztetag 2019 in Münster vorgelegt werden. Zum 1. Juli soll das E-Logbuch betriebsbereit sein.

Gespeichert werden die Daten der Weiterzubildenden auf einem zentralen Server, der aus Sicherheitsgründen in Deutschland steht, wie Güntert erläutert. Nach dem derzeitigen Stand des Projekts führen die Weiterzubildenden ihr E-Logbuch selbst, indem sie sich mit ihrem Benutzernamen und einem Passwort ins System einloggen und entsprechend ihrer Facharzt-, Schwerpunkt- oder Zusatz-Weiterbildungen ein oder mehrere Logbücher anlegen. Die im Laufe der Weiterbildung erworbenen Kompetenzen lassen sie sich von ihrem Weiterbilder kontinuierlich elektronisch bestätigen. Dabei bildet das E-Logbuch die Inhalte der MWBO ab, bietet aber auch Raum für regionale Abweichungen. Denn für die Weiterzubildenden gilt jeweils die Weiter­bildungs­ordnung der Kammer, in der sie die Weiterbildung absolvieren. Darüber hinaus soll das E-Logbuch die Möglichkeit bieten, Dokumente, Urkunden und Bescheinigungen abzulegen. Auch Orte und Zeiten der einzelnen Weiterbildungsabschnitte sollen dokumentiert werden, ebenso wie die mindestens einmal jährlich vorgeschriebenen Weiterbildungsgespräche mit dem Weiterbildungsbefugten.

E-Logbuch für mehr Transparenz

„Das E-Logbuch gibt Aufschluss darüber, wie die Weiterbildung in einer Abteilung im Krankenhaus oder in einer Praxis abläuft“, sagt Güntert. Die Ärztekammern hätten damit die Möglichkeit, besser als bisher steuernd einzugreifen, wenn etwas im Argen liege. „Die Lan­des­ärz­te­kam­mern erhalten damit auch die Möglichkeit, ihre Verantwortung für das Weiterbildungsgeschehen besser wahrzunehmen“, meint Güntert. Dasselbe gelte für die Befugten. Sie müssten künftig kontinuierlich bescheinigen, welche Inhalte ihre Weiterzubildenden beherrschten und welche nicht. „Die Befugten müssen sich ständig mit dem Prozess der Weiterbildung auseinandersetzen. Und das ist gut so“, betont Güntert.

Auch für die Weiterzubildenden biete das E-Logbuch Vorteile. Sie könnten einfacher als bisher gegenüber ihren Weiterbildern geltend machen, was ihnen an Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten noch fehle. Außerdem zeichne sich dort eher ab, ob ein Befugter das gesamte Weiterbildungsspektrum abdecke und wenn nicht, wie man fehlende Inhalte beispielsweise durch Rotation in andere Abteilungen erlernen könne. „Die jungen Ärzte sind über die sozialen Medien extrem gut vernetzt. Es wird sich schnell herumsprechen, wo Weiterbildung gut und wo sie weniger gut ist“, meint Güntert. „Da werden sich alle mehr anstrengen müssen, auch die Ärztekammern.“ Günterts Optimismus, mit dem sie die Umsetzung der Weiterbildungsnovelle und des E-Logbuchs begleitet, dürfte auch der vielen Arbeit geschuldet sein, die sie zusammen mit der Bereichs- und Projektleiterin Dr. med. Kerstin Hoeft und dem gesamten Team in das Reformprojekt gesteckt hat.

Regionale Abweichungen drohen

Ärzteverbände haben dagegen bereits kritisiert, dass einzelne Lan­des­ärz­te­kam­mern Vorgaben der MWBO aufweichen und verändern wollten. Insbesondere die kleinen Kammern beabsichtigten, wohl auch aus Kostengründen, das E-Logbuch als eine bessere PDF-Datei zu gestalten, befürchtet der Hartmannbund. Dabei eröffne das E-Logbuch die Chance, die Unterstützungsprozesse der Kammern für Ärzte in Weiterbildung ganz neu aufzustellen und mehr Verbindlichkeit zu schaffen, heißt es aus dem Marburger Bund. Beide Verbände forderten die Kammern auf, die MWBO rasch und möglichst einheitlich umzusetzen. Heike Korzilius

3 Fragen an . . .

Max Kaplan, Vorsitzender der Weiterbildungsgremien der Bundes­ärzte­kammer

Wie stehen die Chancen für eine zügige und möglichst einheitliche Umsetzung der Weiterbildungsnovelle in den Lan­des­ärz­te­kam­mern?

Durch die frühzeitige Einbindung der Kammern sehe ich gute Chancen für eine zeitnahe Umsetzung bis 2020. Bezüglich der Bundeseinheitlichkeit bin ich vorsichtig optimistisch. Gerade durch die immer häufigere Arbeitsmigration der Weiterzubildenden führen regionale Abweichungen zu Missverständnissen und Unverständnis. Die demokratisch auf der Bundesebene konsentierten Ergebnisse stellen meines Erachtens eine tragfähige Basis für die einzelnen Weiter­bildungs­ordnungen dar.

Wie wird die kompetenzbasierte Weiterbildung den Alltag verändern?

Kompetenzbasierung heißt, dass die Weiterbildungsinhalte stärker in den Fokus rücken. Weiterbildungszeiten spielen weiterhin eine Rolle, jedoch wird bei den Facharzt- und Schwerpunktweiterbildungen größtenteils auf die Vorgabe von Pflichtzeiten im ambulanten und stationären Bereich verzichtet. Zukünftig sollen die zu erlernenden Kompetenzen das Herzstück der Weiterbildung sein. Bei fast der Hälfte der Zusatz-Weiterbildungen können Qualifikationen auch berufsbegleitend erworben werden.

Der ökonomische Druck auf Kliniken und Praxen nimmt zu. Wie wirkt sich das auf die Bereitschaft zur Weiterbildung aus?

Kliniken und Praxen haben inzwischen erkannt, dass in Zeiten von Personalmangel eine gute und strukturierte Weiterbildung einen Wettbewerbsvorteil darstellen kann. Je besser die Weiterbildung ist, desto effizienter kann die Abteilung auch arbeiten.

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