ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2018Arzt-Dichter: Eine revolutionäre Mischung

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Arzt-Dichter: Eine revolutionäre Mischung

Dtsch Arztebl 2018; 115(50): A-2370 / B-1936 / C-1906

Jachertz, Norbert

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Mit Friedrich Schillers drei (!) medizinischen Dissertationen taten sich die Gutachter offenbar schwer. Sein Ansatz, Physiologie mit Philosophie und Psychologie zu verbinden, erschien zu gewagt, die Diktion zu „feurig“. Im Nachhinein aber erweist sich Schiller als ein früher Vertreter der Psychosomatik. Man muss seine Biografie und sein Werk nur in dieser Hinsicht fachkundig untersuchen. Und das tut der Nervenarzt Karl Friedrich Masuhr. Schiller habe „die Mittlerrolle der Emotionen“ thematisiert und so versucht, „die kartesianische Spaltung von Körper und Seele“ zu überwinden, schlussfolgert der Autor.

Zum großen Dichter freilich wurde Schiller nicht wegen seines theoretischen Ansatzes, sondern weil er das Körper-Seele-Geflecht sprachgewaltig und dramatisch darzustellen wusste. Ähnlich wie Schiller haben auch andere Arzt-Dichter ihr medizinisches Wissen eher selten direkt in Literatur umgesetzt, selbst dann nicht, wenn sie wie etwa Arthur Schnitzler, Alfred Döblin oder Gottfried Benn in einer Art Doppelleben Arztberuf und Schriftstellerei zugleich ausübten. Die ärztliche Berufserfahrung aber spielt im Hintergrund bei ihnen stets mit. Die „Synergie ärztlicher Erfahrung und dichterischer Kräfte“ macht nach Masuhr sogar das Besondere in ihrem Schaffen aus.

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Masuhr stellt in diesem ungewöhnlichen Buch mehr als fünfzig Arzt-Dichter (und einige dichtende Ärztinnen) vor. Er vergleicht ihre Biografien und entdeckt überraschende Gemeinsamkeiten (etwa zwischen Benn und Bulgakow). Dem Leser, dem mehr noch die Vielfalt der Protagonisten auffällt, begegnen bekannte oder inzwischen fast vergessene, beruflich erfolgreiche oder gescheiterte Arzt-Dichter. Sie alle eint laut Masuhr ein tertium comparationis, die Fähigkeit zum Widerstand, das „Rebellentum“. Die wechselnden Perspektiven der biografischen Medizin und der vergleichenden Biografik ließen laut Autor erkennen, „dass in der Heilkunde und in der Literatur Ideen angelegt sind, die bei der Analyse ihres Zusammenwirkens spürbaren Widerstand herausfordern“.

Manche Arzt-Dichter bezahlten für ihr Rebellentum mit dem Leben (wie José Rizal oder Che Guevara), wurden in den Tod getrieben (wie Bulgakow), zur Emigration gezwungen (wie Döblin), andere passten sich an und rebellierten nur im Stillen (etwa Benn oder Carossa). Auffallend viele Arzt-Dichter zeichneten Bilder einer untergehenden Gesellschaft: Tschechow zum Beispiel die Russlands, Schnitzler die des KuK-Reiches oder Tellkamp die der DDR. Wie auch immer, sie alle bewegen bis heute Kopf und Herz ihrer Leserinnen und Leser. Norbert Jachertz

Karl F. Masuhr: Ärzte, Dichter & Rebellen. Psychosomatische Aspekte ihres Wirkens. Königshausen & Neumann, Würzburg 2018, 301 Seiten, Paperback, 19,80 Euro

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