ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2018Weiterbildung: Klinikärzte loben Reform

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Weiterbildung: Klinikärzte loben Reform

Dtsch Arztebl 2018; 115(50): A-2334 / B-1912 / C-1886

Osterloh, Falk

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Heute leidet die Weiterbildung vielfach unter dem Zeitdruck in den Krankenhäusern. Vier Ärzte berichten, wie mit einer klaren Strukturierung eine gute Weiterbildung auch in Zeiten des DRG-Systems gelingen kann und was sie sich von der Weiterbildungsreform erhoffen.

Foto: gpointstudio/stock.adobe.com
Foto: gpointstudio/stock.adobe.com

Wir alle kennen die alltägliche Situation, dass wir zeitlich knapp dran sind und die Arbeit uns aufzufressen scheint. In diesen Situationen ist man versucht, mit als erstes die Zeit für Weiterbildung zu reduzieren.“ Das sagt Prof. Dr. med. Henning Baberg, Ärztlicher Direktor des Helios Klinikums Berlin-Buch sowie Chefarzt der Kardiologie, Nephrologie und Pneumologie. Baberg weiß, wovon er spricht: Denn als Weiterbildungsbefugter gehört die Weiterbildung junger Ärztinnen und Ärzte zu seinen täglichen Aufgaben. Im Alltag Zeit für die Weiterbildung zu reduzieren, sei kurzfristig nachvollziehbar, fügt er an. Mittel- und langfristig werde es die Situation aber nicht verbessern, da gut weitergebildete Ärzte besser und schneller arbeiten könnten. „Auch ich muss mir das manchmal vor Augen halten“, so Baberg.

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Henning Baberg: „Die Bedeutung der Weiterbildung nimmt immer weiter zu.“ Foto: Thomas Oberländer, Helios Kliniken
Henning Baberg: „Die Bedeutung der Weiterbildung nimmt immer weiter zu.“ Foto: Thomas Oberländer, Helios Kliniken

Allen Beteiligten müsse klar sein, dass die Weiterbildung ein integraler Bestandteil der ärztlichen Arbeit sei und nur gut weitergebildete Mitarbeiter auch zum medizinischen wie wirtschaftlichen Erfolg beitrügen. Die Bedeutung der Weiterbildung nehme sogar immer weiter zu, meint Baberg. Die Gründe dafür seien der medizinische Fortschritt und die zunehmende Spezialisierung in der modernen Medizin. Seit Jahren mehren sich jedoch Stimmen, die vor einer Verschlechterung der Weiterbildung durch den hohen Zeitdruck im Klinikalltag warnen. Junge Ärzte im Marburger Bund sowie im Hartmannbund zum Beispiel machen seit Längerem auf diese Entwicklung aufmerksam.

Folgen für die Qualität

Auch Dr. med. Sophie Aschenberg teilt diese Ansicht. Die 31-Jährige arbeitet in der Klinik und Poliklinik für Neurologie am Universitätsklinikum Köln. Sie befindet sich im vierten Weiterbildungsjahr. „Ich sehe das Problem vor allem in den Rahmenbedingungen, die das DRG-System setzt“, sagt Aschenberg. „Bei uns am Klinikum sind die meisten Mitarbeiter motiviert, eine gute Weiterbildung zu ermöglichen. Aber durch die Arbeitsverdichtung und die Menge an administrativen Aufgaben steht für die Weiterbildung nicht mehr ausreichend Zeit zur Verfügung.“ Der Zeitdruck sei sowohl schlecht für die Weiterbildung als auch für die gesamte Patientenversorgung. „Es ist nicht schön, wenn man den ganzen Tag ohne Pause gearbeitet und am Ende dennoch das Gefühl hat, weder viel gelernt zu haben noch den Patienten wirklich in dem Maße geholfen zu haben, wie man es gerne getan hätte“, erzählt sie.

Sophie Aschenberg: „Mehr Transparenz zu erzeugen, ist ein sinnvoller Ansatz.“ Foto: Universitätsklinikum Köln
Sophie Aschenberg: „Mehr Transparenz zu erzeugen, ist ein sinnvoller Ansatz.“ Foto: Universitätsklinikum Köln

Aus ihrer Sicht hat das auch langfristige Folgen für die Qualität der Versorgung. „Die Neurologie ist ein sehr diagnostisches Fach“, sagt Aschenberg. „Hier ist gerade zu Beginn der Weiterbildung viel Zeit für die klinische Untersuchung am Patienten notwendig, bestenfalls unter oberärztlicher Supervision.“ Im Rahmen der Arbeitsverdichtung komme dies allerdings oft zu kurz, wodurch häufig eine unnötige apparative Diagnostik erfolge. „Langfristig geht auf diese Weise klinische Expertise zugunsten einer zunehmenden ‚apparativen Sicherheitsmedizin‘ verloren“, sagt Aschenberg, die auch Sprecherin der Jungen Neurologen ist.

Eine Umfrage der Jungen Neurologen unter neurologischen Weiterbildungsassistenten ergab 2017, dass viele der Befragten eine fehlende Supervision, ein mangelndes Feedback und eine geringe didaktische Kompetenz der Lehrenden beklagten. Auf der Grundlage dieser Umfrage fordern die Jungen Neurologen unter anderem das Erstellen von verbindlichen Rotationsplänen oder die Reduktion administrativer Tätigkeiten, um mehr Zeit für die Weiterbildung zu haben.

Zeit für Weiterbildung nehmen

Saban Elitok: „Man hat für die Dinge Zeit, für die man sich Zeit nehmen will.“ Foto: Klinikum Ernst von Bergmann
Saban Elitok: „Man hat für die Dinge Zeit, für die man sich Zeit nehmen will.“ Foto: Klinikum Ernst von Bergmann

Dr. med. Saban Elitok glaubt, dass es auch unter den Bedingungen des DRG-Systems möglich ist, eine gute Weiterbildung zu organisieren. „Man hat für die Dinge Zeit, für die man sich Zeit nehmen will“, meint Elitok, der seit 2017 Chefarzt der Nephrologie und Endokrinologie/Diabetologie am Ernst von Bergmann Klinikum Potsdam ist. „Ich nehme mir Zeit für die Weiterbildung, weil sie aus meiner Sicht einen wichtigen Stellenwert in der Patientenversorgung einnimmt.“

Konkret bedeutet das in Potsdam, dass mehrere Projekte auf den Weg gebracht wurden, um die Weiterbildung besser zu strukturieren. „Zum Beispiel finden zweimal wöchentlich Chefarztvisiten statt“, erzählt Elitok. „Wir räumen Zeit für die Lehre am Bett ein. Und einmal in der Woche gibt es eine Fortbildung durch das Max-Delbrück-Centrum mittels einer Liveübertragung. Dabei schalten wir uns zu
einem Journalclub zu, bei dem die aktuellen Hefte des New England Journal of Medicine und des The Lancet präsentiert werden.“ Dafür seien klare Termine in den Wochenplan integriert. „Das muss alles organisiert und vorbereitet werden“, so Elitok. „Das versuchen wir bei uns, auf breite Schultern zu verteilen. Jeder ist also innerhalb eines halben Jahres mal dran, so eine Fortbildung zu organisieren.“

Am Ernst von Bergmann Klinikum seien Pflichtrotationen bestimmt worden, erzählt der 43-jährige Chefarzt: auf der Intensivstation, in der Notaufnahme, in der Kardiologie und in der Gastroenterologie. Die Rotationen auf die Intensivstation werden zum Beispiel bis zu drei Jahre im Voraus organisiert. „Darum herum bauen wir Wunschrotationen der Weiterbildungsassistenten“, so Elitok. „So ist für jeden transparent, wann wer in den jeweiligen Abteilungen arbeitet.“ Das zu organisieren, sei am Anfang ein gewisser Aufwand. Aber es zahle sich aus, weil es dadurch später weniger Probleme gebe und die Weiterbildungsassistenten zufriedener seien.

Patrick Eickenhorst: „Wir wollen Frustrationsmomente vermeiden.“ Foto: privat
Patrick Eickenhorst: „Wir wollen Frustrationsmomente vermeiden.“ Foto: privat

„Je ungeordneter und offener eine Rotation verläuft, desto höher ist das Frustrationspotenzial bei den Weiterbildungsassistenten“, sagt Dr. med. Patrick Eickenhorst, der sich derzeit in seinem fünften Weiterbildungsjahr befindet und der ebenfalls an der Neustrukturierung der Weiterbildung im Ernst von Bergmann Klinikum beteiligt war. „Durch den klaren Plan wollen wir bei uns solche Frustrationsmomente vermeiden.“ Das Ziel sei es, neue Weiterbildungsassistenten langfristig zu binden. „Dazu kann auch eine gute Weiterbildung ihren Beitrag leisten“, sagt der 30-Jährige. „Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels kann es einen Mehrwert darstellen, wenn Krankenhäuser ein gutes Weiterbildungskonzept anbieten.“

Auch Henning Baberg vom Helios Klinikum in Berlin glaubt, dass sich die Arbeitgeber bewegen müssen, um jungen Ärzten eine gute Weiterbildung anbieten zu können. „Letztendlich werden Arbeitgeber, die hier keine Lösungen finden, in Zukunft auch keine Ärzte in Weiterbildung mehr finden, denn durch die sozialen Medien werden ‚gute‘ und ‚schlechte‘ Weiterbildungsstätten rasch bekannt“, sagt er.

Die neue (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung wird von den vier Ärzten begrüßt. „Die nun gefundene Ausrichtung auf Kompetenzen statt auf Zeiten macht Sinn und entspricht viel mehr der heutigen Realität als das alte System“, sagt Baberg. „Hier müssen auch neue Möglichkeiten zum Kompetenzerwerb abgebildet werden, zum Beispiel Simulationstrainings.“ Von dem E-Logbuch erhofft er sich, dass es die Organisation der Weiterbildung erleichtert. „Das bisherige Logbuch war doch teilweise recht sperrig und für Ärzte, die im Rahmen ihrer Weiterbildung durch verschiedene Abteilungen oder Weiterbildungsstätten gegangen sind, kompliziert.“ Das gelte insbesondere bei einem Wechsel des Kammerbezirks. Insofern „wünsche ich mir dringend eine bundesweite Angleichung der Weiter­bildungs­ordnungen und Logbücher“, sagt Baberg.

Die Grundidee des E-Logbuchs, mehr Transparenz zu erzeugen, sei ein sinnvoller Ansatz, meint auch Sophie Aschenberg. Denn häufig werde heute am Ende der Weiterbildungszeit ein Großteil des Facharztkatalogs ohne genaue Prüfung dokumentiert. Dabei komme es gewiss auch vor, dass manche Kompetenzen nur auf dem Papier erlangt wurden. „Eine größere Transparenz durch ein E-Logbuch könnte Weiterbildungsbefugte motivieren, alle für den Facharzt benötigten Rotationen auch real anzubieten beziehungsweise eine Kooperation mit anderen Kliniken zu organisieren, in denen die Rotationen abgeleistet werden können“, sagt Aschenberg.

Zum Nachdenken gezwungen

„Von dieser Art der Weiterbildung geht ein ganz anderes Signal an die Weiterbildungsassistenten aus“, meint Saban Elitok. „Denn nun werden sie gezwungen, darüber nachzudenken, ob sie die jeweiligen Kompetenzen wirklich erworben haben. Und auch die Weiterbilder müssen sich überlegen, ob sie das entsprechende Wissen vermittelt haben.“ Ganz wichtig sei dabei ein Mitarbeitergespräch, in dem Weiterbilder und Weiterzubildender über den Stand der Weiterbildung sprechen.

„Es ist ganz klar an der Zeit für eine digitale Lösung“, sagt Patrick Eickenhorst. Zudem sei das E-Logbuch eine gute Vereinfachung, wenn man die Klinik wechsle. „Es kommt jetzt darauf an“, meint er, „wie die Ärztekammern es umsetzen.“ Falk Osterloh

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