ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2018Soziales Engagement: Hilfe ohne Wenn und Aber

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Soziales Engagement: Hilfe ohne Wenn und Aber

Dtsch Arztebl 2018; 115(51-52): A-2408 / B-1968 / C-1938

Schmitt-Sausen, Nora

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Versicherungsstatus? Zählt hier nicht. Über den Berliner Verein „Medizin Hilft“ bekommt jeder Patient eine Behandlung, der eine Behandlung braucht. Ärzte geben Herz und Zeit. Unentgeltlich.

Fotos: axentis.de/Georg J. Lopata
Fotos: axentis.de/Georg J. Lopata

Was Dr. med. Burkhard Schütte da gerade macht, gefällt Yousef gar nicht. Mit Händen und Füßen wehrt sich der Dreijährige gegen die Untersuchung. Weder seine Mutter noch die Familienhelferin, die zu dem Termin als Übersetzerin mitgekommen ist, können den Jungen beruhigen. Es fließen Krokodilstränen, das Geschrei ist groß. Pfleger Jens-Peter Boeck-Schmidt fährt sein ganzes Repertoire auf: Macht Faxen. Zieht Grimassen. Lenkt Yousef ab. Auch der pensionierte Kinderarzt selbst muss seine ganze Erfahrung ausspielen. „Komm, Mama nimmt Dich auf den Schoß“, sagt er und geht geduldig auf das unruhige Kind ein. „Super machst Du das“, muntert er auf. Und dann kehrt doch noch Ruhe ein: Gemeinsam gelingt es den Erwachsenen, den Jungen zum Mitmachen zu bewegen. Abhören klappt. In Ohren, Nase und Rachen gucken auch. Selbst das Wiegen irgendwann. Nur beim Messen streikt der Kleine. Da zieht er partout nicht mit. Schütte nimmts gelassen. „Dann halt nicht.“

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Die Familienhelferin übersetzt

Yousefs Mutter, die ohne Papiere in Deutschland lebt, ist mit ihrem Sohn zur Kindersprechstunde in die Praxisräume von Medizin Hilft gekommen, weil er sich auffällig verhält. Das glauben zumindest die Erzieherinnen im Kindergarten. Der Kleine ist dort weitestgehend isoliert. Schreit und kratzt, befolgt keine Anweisungen. Entwicklungsverzögerung, Autismus. So lauten die Laieneinschätzungen, die im Raum stehen. Oder Schwerhörigkeit. Morgen geht es noch zum Hörtest.

Schütte glaubt nicht, dass dabei etwas rauskommt. „Der Junge hört gut“, erläutert der Arzt der Familienhelferin, als alle nach der nervenaufreibenden Untersuchung wieder am großen weißen Schreibtisch am Kopf des großen Behandlungszimmers Platz nehmen. Die Familienhelferin übersetzt diese Einschätzung für die aus Tunesien stammende Mutter sogleich ins Arabische.

Der erfahrene Mediziner glaubt grundsätzlich nicht, dass dem Jungen wirklich etwas fehlt, der in seinen bunten Gummistiefeln fröhlich und neugierig den Behandlungsraum erkundet, während die Erwachsenen sprechen. „Der Junge hat nichts Schlimmes“, sagt Schütte. „Auf ihn prasseln einfach zu viele Dinge ein.“

Aus dem ausführlichen Anamnesegespräch weiß der Kinderarzt: Yousef lebt mit seiner Mutter und seinem kaum anwesenden Vater in Berlin in einer Einzimmerwohnung. Die Tunesierin, die vor drei Jahren als Flüchtling über Italien nach Deutschland gekommen ist, spricht mit ihm vier Sprachen. Französisch. Englisch. Italienisch. Und Arabisch, ihre Muttersprache. Im Kindergarten soll der Junge, der in Deutschland geboren ist, Deutsch sprechen – was er aber kaum beherrscht. Noch dazu haben die Eltern keine klare Linie in der Erziehung. Die Mutter, übersetzt die Familienhelferin, versuche Regeln aufzustellen und konsequent zu sein, der Vater, sofern er denn mal anwesend sei, lasse dem Kind alles durchgehen. „Tja, da kann ich wenig machen“, sagt der Arzt zur Übersetzerin gewandt. „Aber ich sage Ihnen deutlich: Der Junge braucht eine konsequente Ansprache und klare Regeln.“

Drei von 17 Medizinern, die zum ärztlichen Stammpersonal gehören: Medizin-Hilft- Gründerin Pia Skarabis-Querfeld, Burkhard Schütte und Marieluise Linderer (von oben)
Drei von 17 Medizinern, die zum ärztlichen Stammpersonal gehören: Medizin-Hilft- Gründerin Pia Skarabis-Querfeld, Burkhard Schütte und Marieluise Linderer (von oben)

Kinder mit normalen Problemen

Schütte, blaue Jeans, blauer Pullover, weißes Hemd, schüttelt den Kopf als das Trio den Behandlungsraum verlässt. „Dieser Sprachenmix ist natürlich schwierig für das Kind.“ Ansonsten aber, betont er, kämpfe der Junge mit den gleichen Problemen wie andere Kinder in seinem Alter. „Die Kinder, die ich hier behandele, unterscheiden sich in keiner Weise von denen, die ich aus meiner Praxis kenne. Weder in ihrer Entwicklung, noch bei den medizinischen Problemen, die ich sehe“, sagt der Pensionär, der seit anderthalb Jahren jeden Dienstag um 13 Uhr für zwei Stunden in die Praxis von Medizin Hilft im West-berliner Stadtteil Zehlendorf kommt, um Kinder wie Yousef zu betreuen.

Der Mediziner hat seine eigene Praxis im Jahr 2012 geschlossen und zog im Ruhestand gemeinsam mit seiner Frau aus dem beschaulichen Südbaden nach Berlin. Als er über einen privaten Kontakt im Tennisverein auf Medizin Hilft und deren Praxisräume open.med aufmerksam gemacht wurde, hat er nicht lange gezögert und zugesagt.

„Jeden Tag müsste ich nicht mehr praktizieren“, sagt der Arzt. „Aber einmal in der Woche ist die Belastung überschaubar und ich bin froh, dass ich in meinem Metier bleiben und helfen kann. Der Kontakt zu Eltern und Kindern ist mir sehr wichtig.“

Dass es in Berlin so viele Menschen gebe, die außerhalb des Versorgungsnetzes lebten, selbst Kinder, sei ihm vor Beginn seines Ehrenamtes nicht bewusst gewesen – und es habe ihn schockiert. Wie nötig viele die unbürokratische Hilfe hätten, erfährt Schütte jede Woche aufs Neue. „Die Eltern nehmen sehr weite Wege in Kauf, kommen aus entfernten Stadtteilen. Darüber bin ich immer wieder erstaunt.“

Viele der Kinder, die Schütte in der Sprechstunde behandelt, sind nicht versichert, weil die Berliner Bürokratie langsam mahlt und es Monate dauert, bis die Kleinen ins deutsche Gesundheitssystem kommen. Andere Fälle sind Eltern, die ohne Papiere teils bereits seit vielen Jahren in Deutschland leben, und deshalb den Gang zur Behörde scheuen. Behandlungen im System der Regelversorgung können sie aus eigener Tasche aber meist nicht bezahlen – selbst für ihre Kinder nicht.

Ein eigenes Ultraschallgerät

Die Tür geht auf. Studentin Alexandra Kimel, die in dieser besonderen Praxis ein Praktikum macht, bringt eine Frau herein, die einen Säugling auf dem Arm trägt. Es ist Dustin, drei Monate alt. Das Gesundheitsamt hat seine aus Nordafrika stammende Mutter mit ihm zu open.med für die U3 geschickt, weil die Praxis – anders als das Gesundheitsamt – über ein eigenes Ultraschallgerät verfügt. Darüber sind hier alle sehr stolz. Denn es ist noch dazu ein sehr gutes. Eine Firmenspende.

Auch Dustin lässt die Untersuchungsprozedur nicht ohne Abwehr über sich ergehen. Doch er reagiert seinem Alter angemessen: Beim Messen pinkelt er Schütte auf die Hose. Bei der Ultraschalluntersuchung weint er. Bei der Impfung brüllt er wie am Spieß. Doch das Summen und Liebkosen seiner Mutter, das Kitzeln der Haare ihres rot geflochtenen Rastakopfes und Schütte, der mit geübten Handgriffen das Kind untersucht, beruhigen den Säugling schnell.

„Good boy“, lobt der Kinderarzt, der in der Lage ist, Englisch oder Französisch mit den Besuchern der Sprechstunde zu reden, aber mittlerweile auch gewöhnt ist, in ein fremdes Handy zu sprechen, um etwa von einem Farsi-Übersetzer Antworten auf seine Fragen zu bekommen.

Medizin Hilft ist gut organisiert – nicht nur bei Übersetzungsproblemen. Dass hier Arbeit mit Köpfchen gemacht wird, ist für jeden ersichtlich, der die open.med-Praxisräume betritt, die der Verein Medizin Hilft in Kooperation mit der Organisation Ärzte der Welt seit 2016 betreibt.

Über eine Seitentreppe eines alten Gebäudes gelangen die Besucher nach wenigen Metern durch einen etwas abgeranzten Flur in die freundlichen Kellerräume der Praxis. Linker Hand erstreckt sich eine helle, offene Küchenzeile, rechts ein großer Empfangsthresen, dahinter, abgegrenzt durch Regale, befindet sich der einfach bestuhlte Wartebereich.

Patienten, die zum ersten Mal hier sind, verschwinden zunächst in der Tür, die rechts vom Kopf des Zimmers abgeht. Hier findet eine ausführliche Sozialanamnese und Beratung statt, außerdem werden anonymisiert die Daten der Patienten erhoben. Die Tür links führt zum Behandlungsraum. Von dort geht noch einmal eine Bürotür ab, im Raum dahinter tippt Geschäftsführerin Dorothea Herlemann in die Tasten; die einzige feste Vollzeitkraft im Haus.

Patientenzahlen steigen stetig

Die Vollzeitstelle ist nötig geworden. Denn es hat sich in Berlin inzwischen herumgesprochen, dass in Zehlendorf Menschen, die keinen oder nur einen erschwerten Zugang zum Gesundheitssystem haben, geholfen wird. Die Zahl der Bedürftigen ist groß. 60 000 Menschen ohne volle Kran­ken­ver­siche­rung sollen in der Hauptstadt leben, deutschlandweit sollen es mehrere Hunderttausend sein. Die Patientenzahlen in der open.med-Praxis steigen nach Angaben von Medizin Hilft stetig. Es kommen längst nicht nur Flüchtlinge, sondern auch Menschen, die bereits seit vielen Jahren ohne Papiere – und ohne Kran­ken­ver­siche­rung – in Deutschland leben. Auch unversicherte Selbstständige gehören zur Klientel. Ebenso Obdachlose. Und eben viele Kinder.

Die Bilanz der Kindersprechstunde heute: Das Duo Schütte/Boeck-Schmidt hat die Anlaufstelle an diesem kalten Novembertag drei statt zwei Stunden offen gehalten. Eher die Regel als die Ausnahme. Tunesien, Nordafrika, Afghanistan, Serbien. Die Hintergründe waren heute bunt gemischt. Das ist nicht immer so. „Viele Patienten, die ich sehe, kommen aus Vietnam“, sagt er. Warum? Das wisse er selbst nicht.

Kurz nach 16 Uhr. Bis auf den letzten Kinderwagen ist der helle Wartebereich nun nur noch in Erwachsenenhand. Hinter dem Thresen wuselt weiter emsig Sozialwissenschaftsstudentin Kimmel, unterstützt von Luzie Bremer, die in der Praxis einen Bundesfreiwilligendienst absolviert. Das Regiment im Behandlungszimmer hat nun nicht mehr Kinderarzt Schütte, sondern die Allgemeinmedizinerin Dr. med. Marieluise Linderer. Dazu ist noch Medizinstudent Marcel Heinrich gekommen, der heute die Dokumentation übernimmt. Boeck-Schmidt ist geblieben. Er ist bei open.med der Herr über die Medikamente und bei nahezu allen Sprechstunden an der Seite der Ärzte. Wie das gesamte medizinische Team arbeitet auch der frühverrentete Krankenpfleger ehrenamtlich.

Stammkunde Holger

Einer der ersten Patienten des Nachmittages ist Holger. Er gehört zu der Gruppe, von der die wenigsten wissen, dass sie in Deutschland durch das soziale Raster fallen. Holger, 49 Jahre, war einmal selbständig. Er hatte einen Werkzeuggroßhandel. Einst privatversichert gelinge es ihm nun nicht, in die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung zu kommen – trotz anerkanntem ALG-II-Status, erzählt er. „Die private Kran­ken­ver­siche­rung möchte, dass ich 13 500 Euro nachzahle, die gesetzliche nimmt mich nicht auf, weil ich einst privat versichert war“, so schildert es Holger. Ein Dilemma.

Holger kommt regelmäßig in die Sprechstunden der open.med-Praxis. Mit Boeck-Schmidt ist er per Du. Aktuell plagt den Mann ein diabetischer Fuß. Holger durchquert humpelnd den Raum und steuert die blaue Untersuchungsliege an. Verbandswechsel. Routiniert schneidet Linderer, 70, den Verband vom Fuß, Boeck-Schmidt assistiert. Medizinstudent Heinrich tippt derweil hinterm Schreibtisch relevante Angaben wie Diagnose und Medikation in die Datenbank. Der 21-Jährige hilft einmal im Monat in der Praxis, weil er hier „die andere Seite der Medizin“ sieht. „Sowas bekommt man im Studium nicht mit. Ich kann hier wirklich helfen und mich noch dazu weiterbilden.“

Heinrich, der sich wie eigentlich alle hier nicht zum ersten Mal ehrenamtlich engagiert, ist immer wieder von der tiefen Dankbarkeit der Patienten berührt. „Die Menschen gehen hier mit einem Lächeln raus und sind sehr dankbar für die Behandlung.“

In der Tat. Danke. Merci. Thank you. Es sind viel gebrauchte Wörter an diesem Nachmittag. Dazu gesellen sich eindeutige Gesten. Eine französisch sprechende Frau ohne Papiere, die nicht richtig sehen kann und von Linderer ein Rezept für eine kostenfreie Brille erhält, faltet beim Hinausgehen die Hände vor dem Körper zusammen und verbeugt vor der Ärztin den Kopf. Eine ältere Dame, in typisch afrikanisch-buntem Gewand, von Nervenschmerzen im Oberkörper sichtlich geplagt, murmelt „Merci, merci, merci“ im Hinausgehen, nachdem Linderer sie untersucht und ihr Schmerzmittel gegeben hat.

Allgemeinmedizinerin Linderer ist seit zweieinhalb Jahren im Ruhestand – und schon fast genauso lange für Medizin Hilft im Einsatz. Wie auch Kinderarzt Schütte, ist sie „froh“, dass sie ihr medizinisches Wissen weitergeben und helfen kann. „Wo sollen die Leute denn hin?“, wirft sie eine eher rhetorische Frage in den Raum. „Wir leben in einem Land, das unheimlich viel zu bieten hat. Hier zu helfen bedeutet für mich, etwas zurückgeben zu können.“ In Deutschland sei ein Loch in der Versorgung entstanden, das es zu schließen gelte.

Auf das eigene Ultraschallgerät ist man in der Praxis stolz. Es war eine Firmenspende.
Auf das eigene Ultraschallgerät ist man in der Praxis stolz. Es war eine Firmenspende.

Stabile Finanzierung notwendig

Eine Aussage, die Dr. med. Pia Skarabis-Querfeld nur unterschreiben kann. Die Sportmedizinerin ist die Vorsitzende von Medizin Hilft und das Gesicht des Vereins. Sie hat Ende 2014 alles ins Rollen gebracht – und sieht nun, wie aus einem Hilfsprojekt für Flüchtlinge eine Anlaufstelle für Menschen geworden ist, die keinen oder kaum Zugang zum deutschen Gesundheitswesen haben (siehe Kasten). Manchmal, so sagt sie selbst, könne sie es kaum fassen, welche Dynamik das Hilfsprojekt in kurzer Zeit entwickelt habe.

Dies liegt ohne Zweifel auch an ihr selbst: Vom ersten Tag an hat sich Skarabis-Querfeld voll reingeschmissen in das „Baby“ Medizin Hilft: Kollegen angesprochen, für eine gute Logistik gesorgt, Kooperationen ans Laufen gebracht, Gelder reingeholt, Gespräche mit der Politik geführt – und sie tut dies bis heute unermüdlich.

Für die 51-Jährige stand und steht dabei eins im Vordergrund: der bedürftige Patient. „Ob Flüchtling, Obdachloser oder Selbstständiger, das ist mit egal. Deutschland ist so ein wohlhabendes Land, da sollte jeder, der hier lebt, eine Basisversorgung erhalten können“, sagt sie. Und genau nach dieser Philosophie arbeitet Medizin Hilft. Eine Gefahr des Ausnutzens? Sieht die Medizinerin, die trotz eigener Praxis und neben der vielen organisatorischen Arbeit selbst noch regelmäßig die Erwachsenensprechstunde betreut, nicht. Ausnahmen von ihrer Einstellung macht sie lediglich hier: bei Medizintourismus. Ansonsten heißt die Devise: Behandele die Patienten mit Wertschätzung. Nimm ihnen die Scham. Lass ihnen ihre Würde. Und vor allem: Hilf ihnen. Und das mit der bestmöglichen medizinischen Qualität, die ein Land wie Deutschland zu bieten hat.

Skarabis-Querfeld wird dabei nicht allein vom Gedanken des Helfens geleitet. Sie sieht auch das ökonomische Problem des löchrigen Versorgungsnetzes. „Patienten, die Krankheiten verschleppen, sind am Ende viel teurer. Es kostet das System weitaus weniger, einen zu hohen Blutdruck früh zu behandeln, als in der Notversorgung einen Schlaganfall zu versorgen.“ Und: Sie geht mit der Arbeit von Medizin Hilft eben noch einen Schritt weiter als „nur“ zu versorgen. „Wir wollen die Menschen zurück in die Regelversorgung bringen“, sagt sie. Deshalb setzt der Verein – mithilfe der Ressourcen von Ärzte der Welt – eben einen großen Teil seiner Arbeit für die Sozialanamnese und Beratung ein; die Lücken sollen sichtbar werden.

Es sind nicht nur die Ärzte der Welt, die Hilfe möglich machen. Die Liste der Partner ist lang: ein Labor, das kostenfrei untersucht. Firmen, die große und kleine Hilfsmittel stellen. Berliner Fachärzte, die unbürokratisch helfen. Kliniken, die – durch viel Zureden – zum Selbstkostenpreis behandeln. Apotheken, die Medikamente spenden. Die evangelische Kirche, von denen die Räumlichkeiten zu sehr günstigen Konditionen gemietet werden konnten. Und so weiter und so weiter. Der größte Förderer ist das Rotary-Netzwerk, in dem Skarabis-Querfeld selbst seit Jahren Mitglied ist. Elf Rotary Clubs aus vier Ländern gaben in einer Gemeinschaftsspende 150 000 Euro. Das Geld wurde vor allem verwendet, um die Praxisräume auszustatten.

Klingt ziemlich gut? Ist es auch. Doch um das Überleben des Vereins Medizin Hilft und den Fortbestand des zentralen Projektes open.med sicherstellen zu können, muss jedes Jahr neu gerechnet werden – und es müssen Mittel akquiriert werden. Und zwar keine geringen. Der Verein hat laufende Kosten von circa 70 000 Euro im Jahr. Allein mit Kleinspenden ist dies schwierig reinzuholen. „Die größte Herausforderung für mich ist es, das Projekt, nun da es einmal laufen gelernt hat, am Laufen zu halten“, sagt Skarabis-Querfeld. Sie lächelt dabei, wie sie es häufig tut, doch räumt sie ein, dass diese Verantwortung manchmal eine Last ist.

17 Mediziner als fester Stamm

Auch hier ist Bedarf: Es werden Menschen gesucht, die das Team um Skarabis-Querfeld unterstützen möchten. Denn: Der Verein arbeitet zwar mit mehr als 100 Ehrenamtlichen zusammen, aber die Anzahl der aktiven Köpfe im Kernteam ist überschaubar. Zum festen Stamm der Ärzte, die für den Verein in der Praxis im Einsatz sind, gehören 17 Mediziner. Fast alle davon sind im Ruhestand. „Wir könnten hier noch gut einige Ärzte gebrauchen. Besonders schön wäre es, wenn junge Kliniker den Weg zu uns nach Zehlendorf finden würden“, sagt Skarabis-Querfeld. Gesucht werden auch weitere Fachärzte, die sich bereit erklären, in Einzelfällen Unversicherte zur kostenfreien Untersuchung in ihrer Praxis aufzunehmen. Der Bedarf ist da. Gesundheitlich brenzlige Situationen, bei denen ein Handeln außerhalb der open.med-Praxis erforderlich ist, durchlebt das Team regelmäßig. Doch Skarabis-Querfeld, die viel Positives erlebt hat, seit ihr Engagement vor vier Jahren begonnen hat, hat inzwischen auch dies erfahren: „Viele waren bereit, Flüchtlingen zu helfen. Aber nicht anderen.“

Ein verantwortungsvolles Ehrenamt, eigene Praxis, dazu noch Mutter von zwei Kindern. Wie schafft sie das? Eine besondere Energiequelle sei der Spaß an der Arbeit im Team und das kollegiale, inzwischen freundschaftliche Miteinander bei Medizin Hilft, sagt Skarabis-Querfeld. „Das kenne ich aus meiner ärztlichen Tätigkeit so nicht. Es herrschte immer viel Konkurrenz und Druck. Das ist hier ganz anders.“

Wer für den Verein Medizin Hilft arbeitet, hat schon viel gesehen: Kinder mit blutig gelaufenen Füßen. Erwachsene, die vor lauter Scham einen Arzt erst aufsuchen, wenn es fast zu spät ist. Patienten, die so krank sind, dass nur ein Noteingriff sie retten kann. Frauen, die wochenlang Schmerzen leiden müssen, weil sie kein Geld für Medikamente haben.

Auch das ist Deutschland.

Nora Schmitt-Sausen

Vom Flüchtlingsprojekt zum breiten sozialen Auffangnetz

Weihnachten 2014 fuhr Dr. med. Pia Skarabis-Querfeld in eine Turnhalle, in der Flüchtlinge untergebracht waren, um eine Kleiderspende abzugeben. Dabei fiel ihr auf, dass viele der Kinder, die dort schliefen, krank waren. Die Ärztin erfuhr, dass eine schnelle medizinische Behandlung aus rechtlichen Gründen nicht so einfach war – und wurde aktiv. Gemeinsam mit ihrem Mann, einem Kliniker, verbrachte sie an den Weihnachtstagen viele Stunden mit medizinischer Erstversorgung. Der Grundstein für das medizinische Hilfsprojekt war gelegt.

In den kommenden Monaten und Jahren organsierte ein stetig wachsendes Team rund um Skarabis-Querfeld ehrenamtliche Sprechstunden in verschiedenen Berliner Notunterkünften, führte Impfaktionen durch, schuf eine mehrsprachige medizinische Anlaufstelle im Internet und begann, Obdachlose zu versorgen. 2016 wurde der gemeinnützige Verein Medizin Hilft offiziell gegründet und die feste Anlaufstelle open.med eröffnet.

Heute bietet Medizin Hilft in der open.med-Praxis in Berlin-Zehlendorf zweimal in der Woche eine Erwachsenensprechstunde und einmal wöchentlich eine Kindersprechstunde an. Regelmäßig sind außerdem ein Psychiater und ein Zahnarzt für kostenfreie Behandlungen vor Ort. Das Team führte jüngst pro Quartal 55 Sprechstunden, 325 persönliche Konsultationen und 100 telefonische Beratungen durch. Tendenz steigend.

Im vergangenen Jahr kamen acht Prozent der behandelten Menschen aus Deutschland. Knapp zwanzig Prozent stammten aus anderen EU-Ländern – vor allem Bulgarien, Rumänien und Polen -, die überwiegende Mehrheit der Patienten war aus Nicht-EU-Staaten.

Die Patienten sind Asylsuchende, die vorübergehend von Gesundheitsleistungen ausgeschlossen sind, oder Menschen ohne Papiere. Viele wohnungslose Patienten sind darunter und Menschen, die einer Krankenkasse Beiträge schulden wie Selbstständige und auch Studierende.

Warum Ärztinnen und Ärzte sich engagieren

„Ich empfinde es als sehr befriedigend, niedrigschwellig Menschen zu helfen, die das wirklich brauchen. Auch unser tolles Team ist eine starke Motivation. Viele Probleme werden bei uns im Team diskutiert und schwierige Entscheidungen gemeinsam getroffen.“

Barbara Grube, niedergelassene Allgemeinmedizinerin

„Während meiner Tätigkeit als niedergelassener Allgemeinmediziner habe ich immer wieder ehrenamtlich ärztliche Projekte aktiv unterstützt. Nun setze ich mich weiterhin mit großer Freude für Menschen ein, die keinen Zugang zum gesetzlichen Gesundheitssystem haben.“

Ekkehard Rähmer, Allgemeinmediziner im Ruhestand

„Vor allem die Dankbarkeit der Patienten und das Gefühl einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität dieser Menschen leisten zu können, motiviert mich, mich ehrenamtlich im Projekt open.med zu engagieren.“

Barbara Schöneich, Ärztin in Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin

„Mir macht diese Arbeit in einem Team, in dem sich auch sehr viele junge Menschen einbringen, Freude. Ich halte es heute für wichtiger denn je, durch solche Arbeit seine Einstellung zu zeigen. Es ist ein Versuch, unsere Gesellschaft etwas menschlicher zu machen.“

Hartmut Wollmann, Kinderarzt im Ruhestand

„Wir leben in einem reichen Land mit einem hoch angesiedelten Sozialsystem. Dennoch gibt es viele Menschen, die keinen Zugang zu unserem Gesundheitswesen haben, ob nun verschuldet oder nicht, spielt für mich keine Rolle. Ich finde es unerträglich und unverantwortlich, diesen Menschen, woher auch immer sie kommen, den Zugang zu einer ordentlichen Gesundheitsversorgung zu verschließen. Deshalb stelle ich meine Kenntnis und meine jahrelange berufliche Erfahrung diesen Benachteiligten zur Verfügung.“

Brigitte Kodsi, Anästhesistin im Ruhestand

„Ich halte es für sehr bedauerlich, dass man – auch als Bürger unseres Landes – relativ schnell an den Punkt kommen kann, an dem man durch Schulden, Alter, Vorerkrankungen oder Armut in keine Kran­ken­ver­siche­rung aufgenommen wird. Um dieser Schieflage entgegenzu- wirken, bin ich Ärztin bei open.med.“

Patricia Hübner-Gierlichs, Dermatologin, praktizierend

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