ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2018Von schräg unten: Überflüssige Frage

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Überflüssige Frage

Dtsch Arztebl 2018; 115(51-52): [60]

Böhmeke, Thomas

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Es gibt Fragen, deren Antworten von vornherein derart auf der Hand liegen, dass es sich kaum lohnt, sie überhaupt zu stellen. Beispielsweise die Frage, ob Männer mit Glatze als Erste bemerken, wenn es anfängt zu regnen. Den diesbezüglichen Zweiflern darf ich, falls gewünscht, aus einem großen Schatz an Selbsterfahrung berichten.

Solch eine redundante Frage stellte sich mir, als ich davon erfahren hatte, dass eine neue digitale Armbanduhr über einen Gyrosensor verfügt, der erkennt, wenn der Träger sich hinlegt. Sollte er stürzen oder synkopieren, so die Intention, wird der Notarzt alarmiert und per GPS zum hinfälligen Uhrologen dirigiert. Die sich daraus ableitende überflüssige Fragestellung lautet: Werden die stolzen Besitzer dieser Uhr diese Funktion ausprobieren, präziser: Kommt er oder kommt er nicht, der freundliche Notarzt, um mit dem stolzen Uhrenträger den Sieg der Technik über Sturz und Synkope zu feiern?

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Die Motivation zu diesem experimentellen Vorgehen ist nachvollziehbar: Einerseits dient es der Überprüfung der Funktionsfähigkeit, andererseits hebt es das Selbstwertgefühl des Technikaffinen, wenn er davon berichten kann, dass hochqualifizierte Rettungskräfte unter Missachtung der eigenen Unversehrtheit nichts Dringenderes zu tun haben, als sein Wohlbefinden zu erfragen.

Nun, die logische Antwort auf die gestellte Frage lautet: Ja, nein und nein. Ja, der Notarzt wird kommen, wenn die Uhr so programmiert ist. Nein, er wird nicht freundlich gesonnen sein, weil er schon Dutzende derartiger Fehlalarme zu ertragen hatte; und nein, er wird es nicht als Sieg der Technik feiern, sondern unseren Technikfreund eindringlichst vor weiteren Experimenten warnen. Denn diesem ist gar nicht bewusst, in welche Gefahr er sich begibt.

Wird er nämlich die Frage des Notarztes, ob er schwindeln tut, wahrheitsgemäß bejahen, so wird er sich sehr schnell in stationärer Obhut zwecks ausgiebiger Differenzialdiagnostik wiederfinden. Die Schnittbilddiagnostik seiner Hirnstrukturen wird zwar rein gar nichts nachweisen, doch dies genügt zur Verdachtsdiagnose eines Hirnstamminfarkts. Da unser Technophiler schon über eine digitale Krankenakte verfügt und sich genauso eifrig wie transparent in sozialen Netzwerken tummelt, wird er nach stationärer Behandlung keine Zeit mehr haben, sich mit Zusatzfunktionen moderner Uhren zu beschäftigen, sondern ist mit multiplen Komplikationen konfrontiert: Seine Freundin ist, nachdem sie sich bei Dr. Google über den Betreuungsaufwand von Schlaganfallpatienten kundig gemacht hat, nach unbekannt verzogen. Sein Vermieter reicht die fristgerechte Kündigung ein, weil er die Umbaukosten für eine behindertengerechte Wohnung scheut. Sein Arbeitgeber legt ihm den Wechsel seines Arbeitsplatzes nahe, der seinen Fähigkeiten entspricht, einschließlich Anpassung seines Gehaltes. Das Straßenverkehrsamt entzieht ihm den Führerschein, vorsorglich für ein Jahr. Summa summarum: Am Anfang war eine überflüssige Frage, deren Beantwortung eine völlig neue Lebensgestaltung mit sich bringt.

Wir, liebe Kolleginnen und Kollegen, sind für alle Menschen da. Und müssen, ganz im Sinne der Prophylaxe, sie vor ungesundem Verhalten warnen. Auch die Technikfreaks. Daher meine Bitte: Kopieren Sie diese Glosse, und wenn Sie unter Ihren Schutzbefohlenen jemanden ausmachen, der diese Uhr trägt, händigen Sie ihm oder ihr eine Kopie aus. In den AGBs der herstellenden Firma werden, so bin ich mir sicher, die Konsequenzen eines Ausprobierens der Synkopenfunktion nicht hinreichend genau erläutert. Wahrscheinlich, weil die Programmierer dies für überflüssig halten.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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