ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2018Subklinische Hypothyreose: Die Therapie mit Thyroxin hat keinen positiven Einfluss auf die Lebensqualität

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Subklinische Hypothyreose: Die Therapie mit Thyroxin hat keinen positiven Einfluss auf die Lebensqualität

Dtsch Arztebl 2018; 115(51-52): A-2421 / B-1978 / C-1948

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: Andrea Danti/stock.adobe.com
Foto: Andrea Danti/stock.adobe.com

Eine Schilddrüsenunterfunktion von Grad 1A/B ist eine Erhöhung des Thyreoidea-stimulierenden Hormons (TSH) von > 4,0 bis ≥ 10 mE/L bei normalen Werten der freien Schilddrüsenhormone Trijodthyronin (fT3) und Thyroxin (fT4). Die Definition basiert auf biochemischen Parametern, nicht auf klinischen. Die Hypothyreose Grad 1 wird als subklinisch bezeichnet, obwohl sie Symptome hervorrufen kann (1). Die meisten Leitlinien empfehlen, bei einem basalen TSH-Wert von < 10 mE/L mit einer Thyroxingabe zurückhaltend zu sein. Dennoch werde bei bis zu 90 % der Patienten Bedarf gesehen, erläutern die Autoren einer Metaanalyse (2). Die Frage war: Verbessert die Behandlung einer subklinischen Hypothyreose mit Thyroxin die Lebensqualität?

Eingeschlossen wurden 21 kontrollierte Studien mit 2 192 Erwachsenen und der Diagnose einer subklinischen Hypothyreose. Es musste eine Randomisierung erfolgt sein in Gruppen mit mindestens 1-monatiger Behandlung (fT3, Thyroxin oder beides) oder in Kontrollgruppen mit Placebo oder keiner Therapie. In den Studien musste die allgemeine Lebensqualität (LQ) zu Beginn und im Verlauf erhoben worden sein, außerdem die auf die Schilddrüse bezogene LQ.

Die TSH-Werte lagen vor Beginn zwischen 4,4–12,8 mE/L. Bei Therapie für 3–18 Monate sank der TSH-Spiegel in den Referenzbereich von 0,5–3,7 mE/L, in den Kontrollarmen blieb er bei 4,6–14.7 mE/L. Dennoch kam es unter Behandlung im Vergleich zu den Kontrollen zu keiner klinisch bedeutenden oder statistisch signifikanten Verbesserung der Lebensqualität: weder der allgemeinen, noch der auf die Schilddrüse bezogenen LQ. Auch auf den systolischen Blutdruck hatte die Therapie keinen relevanten Einfluss: Er verminderte sich um durchschnittlich 0,7 mmHg. Ebenso fast unbeeinflusst blieb der Body-Mass-Index: In den Gruppe mit Therapie war die Differenz +0,2 kg/m2 zur Kontrolle.

Fazit: „Die Studie greift ein relevantes klinisches Problem auf: Es kommt häufig vor, dass sich Patienten mit unspezifischen Symptomen vorstellen und ein möglicher kausaler Bezug zu einer latenten Hypothyreose im Raum steht“, erläutert Prof. Dr. med. Sven Schinner, Leiter einer Schwerpunktpraxis Endokrinologie/Diabetologie in Bonn. „Aus der Metaanalyse ergibt sich kein Nutzen einer L-Thyroxin-Therapie bei latenter Hypothyreose für den Endpunkt ‚Lebensqualität‘. Andere Endpunkte wie eine Verbesserung des Lipidprofils waren nicht Teil der Studie.“ Zum Lipidstatus gebe es aber Belege für den Nutzen der L-Thyroxin-Therapie (3). Beschrieben sei auch ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko bei latenter Hypothyreose (4).

Auch seien in der aktuellen Metaanalyse ältere Patienten, die tendenziell weniger Symptome hätten als jüngere, mit relativ niedrigem TSH überrepräsentiert. Nur in
2 von 21 Studien lag der TSH-Wert > 10 mIE/L). Die Höhe des TSH werde in der Metaanalyse nicht gesondert berücksichtigt, ebensowenig der TPO-Antikörper-Status. Auch seien in mehr als der Hälfte der Studien Patienten eingeschlossen worden, die bei Studienbeginn keine hypothyreoten Symptome hatten. „Die Metaanalyse liefert einen interessanten Beitrag zum Endpunkt ‚Lebensqualität‘, aber es lassen sich keine prinzipiellen Therapieentscheidungen ableiten“, so Schinner. „Diese bleiben weiterhin individuell.“ Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

  1. Wiersinga WM: Guidance in subclinical
    hyperthyroidism and subclinical hypothyroidism: Are we making progress?
    Eur Thyroid J 2015; 4:143–8.
  2. Feller M, Snel M, Moutzour EM, et al.:
    Association of thyroid hormone therapy with quality of life and thyroid-related symptoms
    in patients with subclinical hypothyroidism.
    A systematic review and meta-analysis.
    JAMA 2018; 320: 1349–59.
  3. Zhao T, et al.: A worthy finding: decrease in total cholesterol and low-density lipoprotein cholesterol in treated mild subclinical hypothyroidism.Thyroid 2016; 8: 1019–29.
  4. Rodondi N, et al.: Subclinical hypothyroidism and the risk of coronary heart disease and mortality. JAMA 2010; 304: 1365–74.

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