ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2019Kommunale Krankenhäuser: Gesamtarbeitslast reduzieren

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Kommunale Krankenhäuser: Gesamtarbeitslast reduzieren

Dtsch Arztebl 2019; 116(1-2): A-8 / B-8 / C-8

Osterloh, Falk

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Die Arbeitsdichte in den Kliniken steigt seit Jahren an. Viele Ärzte arbeiten heute am Rande der Erschöpfung. In der nun anstehenden Tarifrunde mit den kommunalen Arbeitgebern will der Marburger Bund deshalb weniger Überstunden und eine verlässlichere Arbeitsgestaltung erreichen.

Foto: wladimir1804/stock.adobe.com
Foto: wladimir1804/stock.adobe.com

Die Tarifrunde zwischen dem Marburger Bund (MB) und der Vereinigung kommunaler Arbeitgeberverbände (VKA) wird 2019 zu einer besonderen Runde gehören: Denn in dieser siebten Tarifrunde wird der Marburger Bund seinen Fokus auf die Arbeitsbedingungen der Ärzte legen. Das hat die Große Tarifkommission des Verbandes am 15. Dezember beschlossen. Ab dem 21. Januar 2019 werden MB und VKA dazu verhandeln. Für die Ärztegewerkschaft haben die Gespräche mit den kommunalen Arbeitgebern stets eine besondere Bedeutung – geht es dabei doch um einen Tarifvertrag (TV) für bundesweit 55 000 Ärztinnen und Ärzte an mehr als 500 Krankenhäusern. Zudem hat der TV-Ärzte/VKA Signalwirkung für weitere Verträge mit anderen Trägern.

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Grundlage des Forderungspakets seitens des MB ist ein tarifpolitisches Konzept, das die Kleine Tarifkommission der Ärztegewerkschaft erarbeitet hat und das ausführlich auf der vergangenen Haupt­ver­samm­lung des Verbandes im November diskutiert wurde (siehe , Heft 46/2018).

Völlige Überlastung

„Die Ärzte können nicht mehr. Im jetzigen System gefährden sie ihre eigene Gesundheit.“ Christoph Janke, Universitätsmedizin Mannheim. Foto: MB
„Die Ärzte können nicht mehr. Im jetzigen System gefährden sie ihre eigene Gesundheit.“ Christoph Janke, Universitätsmedizin Mannheim. Foto: MB

Dr. med. Christoph Janke ist Mitglied der Kleinen Tarifkommission. Zudem arbeitet er als Oberarzt in der Universitätsmedizin Mannheim, einem kommunalen Maximalversorger mit VKA-Tarifbindung. Janke weiß, weshalb Änderungen der ärztlichen Arbeitsbedingungen dringend notwendig sind. „Die Arbeitsverdichtung im Krankenhaus hat in den vergangenen Jahren extrem zugenommen“, sagt er zum Deutschen Ärzteblatt. Die Hauptursache dafür sei die Fehlsteuerung durch das DRG-System. „Das System setzt die Anreize, mehr Leistungen durchzuführen und zugleich am Personal zu sparen“, erklärt Janke. „Die Folge ist eine völlige Überlastung der Mitarbeiter.“ Manche Ärzte könnten diese Situation nicht mehr aushalten und reduzierten ihre Arbeitszeit auf 80 Prozent – auch, um zunehmend aufkommende Spannungen im privaten Umfeld zu verringern. „Das ist absolut verständlich“, sagt Janke. „Es führt aber in den Krankenhäusern zu einer noch stärkeren Arbeitsverdichtung.“

Der Facharzt für Anästhesie kritisiert, dass die Geschäftsführer bei der Erstellung der Dienstpläne häufig viel zu knapp rechneten. „Es gibt Statistiken darüber, wie häufig Ärztinnen und Ärzte krank werden und deshalb nicht zur Arbeit kommen können“, betont er. „Für solche Fälle müssen die Arbeitgeber ein Ausfallmanagement vorhalten. Das tun sie aber häufig nicht.“ Stattdessen müssten Ärzte oft kurzfristig einspringen, um krank gewordene Kollegen zu ersetzen. „Natürlich machen wir das dann auch“, sagt Janke. „Denn wir wollen unseren Patienten ja helfen.“

Ein weiteres Problem sei, dass durch die hohe Arbeitsverdichtung viele der Tätigkeiten, die eigentlich im Tagdienst erledigt werden sollten, in den Bereitschaftsdienst geschoben würden – sodass auch Ärzte im Bereitschaftsdienst heute oftmals völlig überlastet seien. Janke macht deutlich: „Die Ärzte können nicht mehr. Im jetzigen System gefährden sie ihre eigene Gesundheit. Und es ist unstrittig, dass es durch übermüdete und unkonzentrierte Ärzte zu einer höheren Komplikationsrate kommen kann. Durch den Personalmangel ist es heute teilweise überhaupt nicht mehr möglich, die ärztliche Versorgung zu gewährleisten. So, wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben.“

Zwei freie Wochenenden

Deshalb hat der Marburger Bund im September den Teil des Tarifvertrags mit der VKA gekündigt, der den Bereitschaftsdienst betrifft. In den Verhandlungen will die Ärztegewerkschaft verschiedene Maßnahmen durchsetzen, um die hohe Arbeitsbelastung zu mindern. So will der MB die Anordnung von Bereitschaftsdienst nur noch erlauben, wenn die Erfassung der Arbeitszeit automatisiert, manipulationsfrei und durch vom Marburger Bund lizensierte Systeme erfolgt. Die derzeitige, völlig unsystematische Praxis der Arbeitszeitdokumentation sei geprägt von pauschalen und nachträglichen Kappungen der geleisteten Arbeitszeit, sagte der Zweite Vorsitzende des MB und Vorsitzende der Kleinen Tarifkommission, Dr. med. Andreas Botzlar, bei der Vorstellung des Konzeptes Mitte Dezember in Berlin.

In den Geschäftsführungen vieler Krankenhäuser fehle es dabei weitgehend an Unrechtsbewusstsein. Die erfassten Arbeitszeiten würden im Nachgang „passend gemacht“, Überschreitungen von Höchstgrenzen blieben unberücksichtigt. Deshalb sei „die gesamte Anwesenheitszeit der Ärzte im Krankenhaus als Arbeitszeit zu werten“, forderte Botzlar.

Zudem will der MB durchsetzen, dass die Anordnung von Bereitschaftsdiensten künftig nur noch dann zulässig sein soll, wenn innerhalb eines Kalendermonats zwei Wochenenden in der Zeit von freitags 18 Uhr bis montags 7 Uhr komplett arbeitsfrei sind. Darüber hinaus soll die „endgültige Dienstplanung“ sechs Wochen vor Beginn des jeweiligen Planungszeitraumes bekannt gegeben werden. Die Verletzung dieser Frist soll, ebenso wie die kurzfristige Verpflichtung des Arztes zur Arbeitsaufnahme in Abweichung von der Dienstplanung, mit Sanktionen bewehrt werden.

Im Verlauf eines Kalendervierteljahres soll die Anordnung von Bereitschaftsdiensten nach dem Willen des MB zudem durchschnittlich nur viermal monatlich, maximal sechsmal monatlich und in der einzelnen Kalenderwoche maximal zweimal zulässig sein. Als ein Bereitschaftsdienst soll dabei unabhängig von seiner Gesamtdauer die Zeitspanne von Beginn bis Ende des jeweiligen Dienstes gelten.

„Wir treten an für einen neuen Umgang der Krankenhäuser mit der Arbeitszeit ihrer Ärzte“, sagte der Erste Vorsitzende des MB, Rudolf Henke. Denn „heute verstoßen etliche Krankenhäuser landauf, landab gegen die Regeln der Arbeitskunde und sorgen in einem gewaltigen Umfang für mehr Fluktuation in den ärztlichen Belegschaften, als der dort verlangten Teamleistung guttut.“ Die Forderungen des MB in der kommenden Tarifrunde seien deshalb darauf gerichtet, die Gesamtarbeitslast zu reduzieren und Überlastungen der Ärzte entgegenzuwirken. „Die kommunalen Arbeitgeber müssen nachsteuern, wenn sie im Wettbewerb wieder attraktiv werden wollen“, betonte Henke. „Unsere Mitglieder in den kommunalen Krankenhäusern erwarten mehr Planbarkeit und Verlässlichkeit bei der Gestaltung ihrer Arbeit und eine spürbare Verringerung der Gesamtarbeitslast.“

Neben den Änderungen der Arbeitsbedingungen fordert der MB auch eine Erhöhung der Gehälter. „Es versteht sich von selbst, dass auch die angestellten Ärztinnen und Ärzte in den kommunalen Krankenhäusern an der allgemeinen Tarifentwicklung teilhaben müssen“, erklärte Botzlar. Deshalb fordere der Marburger Bund in dieser Tarifrunde eine lineare Erhöhung der Ärztegehälter um fünf Prozent bei einer einjährigen Laufzeit. Zudem soll den Ärzten für jede Stunde, für die Bereitschaftsdienst angeordnet ist, ein nicht in Freizeit ausgleichbarer Bereitschaftsdienstzuschlag von 50 Prozent des auf die Stunde entfallenden Anteils des jeweiligen Entgeltes gezahlt werden.

Schließlich fordert der Marburger Bund einen Tarifvertrag für die im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) beschäftigten Ärzte. „Für den ÖGD gibt es kein tariflich geregeltes Arbeitsverhältnis“, kritisierte Botzlar. „Diesen Zustand wollen wir endlich überwinden.“

Rückkehr aus der Teilzeit

Die VKA bezeichnete die Forderungen des MB in einer ersten Stellungnahme als untragbar. Die kommunalen Krankenhäuser müssten an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung sicherstellen, erklärte der Verhandlungsführer der VKA, Dr. med. Dirk Tenzer: „Würde die Befugnis, Bereitschaftsdienste anzuordnen, wie gefordert eingegrenzt, könnte es hier zu erheblichen Einschnitten kommen.“ Denn insgesamt seien am Markt nicht ausreichend Ärzte vorhanden, um die dafür erforderlichen Kapazitäten abzudecken. „Insbesondere bei kleinen Krankenhäusern sowie kleinen Abteilungen wären deutliche Einschränkungen des Leistungsspektrums die Folge“, meinte Tenzer.

„Heute liegt die Teilzeitquote bei 25,1 Prozent“, betonte Henke. „Wir gehen davon aus, dass viele Ärzte, die heute in Teilzeit arbeiten, wieder in die Vollzeit zurückkehren werden, wenn ihre Arbeitsgestaltung kalkulierbarer wird.“ Falk Osterloh

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mizzelyn
am Mittwoch, 9. Januar 2019, 15:51

Endlich wird die Wahrheit kund!

Mir fällt mit diesem Artikel ein großer Stein von der Seele. Wir Assistenzärzte arbeiten wirklich an unserem Limit. Die Dienstbelastung ist egal in welchem Haus man arbeitet enorm. Ein normales Familienleben gar mit Kind wird zunehmend schwierig. Auch ich habe meinen Stelle daher reduzieren müssen, was zur Folge hat, dass der Facharzt noch länger dauert, und man somit noch länger an die einen ausbeutenden Kliniken gebunden ist.
Insgesamt ist es eine Schande, dass wir Gutmenschen Ärzte solange derart ausgebeutet werden dürfen, bis wir selber wirklich krank werden. Mit der Pflege sieht es leider nicht besser aus.
Insofern freue ich mich ungemein, dass unser Dilemma nun endlich Streitthema wird.
Aber solange es Großkonzernen wie Asklepios weiterhin erlaubt ist große Gewinne einzufahren, ohne dass es eine gesetzliche Pflicht gibt ab einem gewissen Prozentsatz diese an die Arbeitgeber auszuschütten und mehr Personal einzustellen, sehe ich aber insgesamt eher wenig Hoffnung auf Besserung.
Zum Schluss kann glaube ich nur der Gesetzgeber dieses Dilemma der Ausbeutung endgültig auflösen.
Und gäbe es in den Krankenhäusern wirklich bessere Arbeitsbedingungen, würden viele Ärzte und auch Pflegekräfte zurück in die Krankenhäuser kommen, welche bislang aus Verzweiflung andere Berufswege unter anderem auch in der Wirtschaft oder der Forschung gewählt haben.