ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2019Sterbehilfe: Totschlagargument
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Die Formulierung „Wünsche und Überzeugungen von Laien“ ignoriert die Realität selbstbestimmungswilliger Bürger und die Authentizität Selbst-Leidens-Erfahrender. Durch den herabsetzenden Beiklang ist die Formulierung Ausdruck einer wohlfeilen Ethospropaganda. Es kann doch wohl nicht sein, dass sich die Medizinethik so weit von der Begegnung mit Menschen in lebensbedrohenden Leidenszuständen entfernt, dass sie sich dem ureigenen Interesse des Patienten an einer Therapiebeendigung und manchmal auch einer Suizidbeihilfe gar nicht mehr stellt. Das mögliche „Instrumentalisieren“ solcher Wünsche Betroffener für einen „organisierten Massenmord“ im Kontext heutiger Suizidbeihilfe ist ein übles Totschlagargument. Es ignoriert die Tatsache, dass die in Vereinsform organisierten Sterbehilfe-Gesellschaften wie Exit oder Dignitas in der Schweiz und auch Sterbehilfe Deutschland bis 2015 auf ausschließlich eigeninitiativ gesuchter, freiwilliger Mitgliedschaft beruhen. In der dort angebotenen Suizidbeihilfe sind eingehende Vorabklärungen der Begründungen möglich, können Verfahrensmängel aufgedeckt und vermieden werden. Die Verfahrensweise kann wissenschaftlich aufgearbeitet werden und hat in den Niederlanden in wenigen Fällen zu Beanstandungen, entgegen anderen Verlautbarungen aber nicht zur Aufdeckung von Missbrauch geführt. Dem Hufeland-Verdikt einer „jeder nach seiner subjektiven Überzeugung“-Rechtsauffassung ist uneingeschränkt zuzustimmen. Im Falle eines begründeten selbstbestimmten Suizids mit Beihilfe geht es um die Begegnung von zumindest zwei Menschen, in der organisierten – in Deutschland kriminalisierten – Beihilfe um ein Verfahren mit Grundsätzen, Richtlinien, überprüfenden Entscheidungsgremien und ermittlungsbehördlicher und strafrechtlicher Kontrolle. Dem wird sich die Ärzteschaft insgesamt nicht auf Dauer verweigern können. Diejenigen, die zu einer Beihilfe bereit sind, nehmen eine schwierige und belastende Entscheidung auf sich. Ihnen müssen ergebnisoffene medizinische, ethische und rechtliche Hilfen angeboten werden.

Vom Deutschen Ärzteblatt sollte man eine Differenzierung zwischen der Beihilfe zu einem eigeninitiativ gesuchten assistierten Suizid und der unrechtsstaatlich organisierten Tötung ohne Verlangen im Nationalsozialismus erwarten dürfen. Mit einer – sehr wohl geschichtsbewussten – Differenzierung wird sich die vielbeschworene Unausweichlichkeit einer schiefen Ebene als Phantom erweisen.

PD. Dr. med. Johann F. Spittler, 45711 Datteln

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