ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2019Kognitionsstörungen: Schade
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„Verwirrt und vergesslich, aber nicht dement“: Unter dieser Überschrift konnten wir eine sehr gelungene Übersicht zum Problem kognitiver Nebenwirkungen von Arzneimitteln bei älteren Patienten lesen. Es wird ausführlich geschildert, wie Merk- und Denkstörungen durch die Einnahme ZNS-wirksamer Substanzen zustande kommen und wie man diesen Problemen z. B. durch den Einsatz der FORTA-Liste begegnet. Die wichtigste Botschaft sollte aber sein, dass diese funktionellen Defizite bei längerfristiger Einnahme von mehr als sechs Monaten sich nicht wesentlich von denen einer organisch begründeten Funktionsstörung z. B. durch eine Alzheimererkrankung unterscheidet. Während im amerikanischen Schrifttum schon seit mindestens 25 Jahren von „Arzneimittel-induzierter Demenz“ gesprochen wird, ist davon in der letzten S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie immer noch nicht die Rede. Da die funktionellen Defizite bei der auch medikamentöse Demenz genannten funktionellen Beeinträchtigung genauso schlimm für den alten Patienten sind wie bei einer „richtigen“ Demenz, sollte durch diese Bezeichnung die schlimme Belastung hervorgehoben werden. Die grundsätzliche Reversibilität ist dann ja auch in der Aussage beschrieben, dass diese Demenzform die häufigste der reversiblen Formen ist; dies ist ja dann als echte Chance für eine Verbesserung zu sehen. Ähnliche Anmerkungen zur Verhinderung des aber letztlich von der Redaktion gewählten Titels hatte ich erfolglos vor der Veröffentlichung angebracht: „… aber nicht dement“ nimmt der Intention, diese Ursache der Kognitionseinschränkung genauso ernst zu nehmen wie z. B. die Alzheimererkrankung, vollständig das Momentum. So wird diese Störung wieder als harmlos dargestellt („man ist ja zum Glück nicht dement“), mit einem Federstrich die Stoßrichtung des Artikels ins Gegenteil verkehrt. Sehr schade!

Prof. Dr. med. Martin Wehling, 68167 Mannheim

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