ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2019Allergie gegen Erdnüsse: Orale Immuntherapie mildert die Symptome bei Allergenexposition deutlich

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Allergie gegen Erdnüsse: Orale Immuntherapie mildert die Symptome bei Allergenexposition deutlich

Dtsch Arztebl 2019; 116(1-2): A-30 / B-26 / C-26

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: Erdnuss uckyo/ stock.adobe.com
Foto: Erdnuss uckyo/ stock.adobe.com

Circa 0,5–1 % der Kinder in Deutschland haben eine Erdnussallergie, die Tendenz bei der Prävalenz ist steigend. Die Ausprägung ist unterschiedlich stark, grundsätzlich aber gehört die Erkrankung zu den schwersten Nahrungsmittelallergien überhaupt: Kleinste Mengen des Allergens können starke Reaktionen bis hin zum lebensbedrohlichen anaphylaktischen Schock auslösen. Nur bei circa 20 % bildet sich die Allergie spontan zurück. Noch gibt es keine etablierte wirksame und sichere Behandlung. In einer Studie mit mehr als 500 Patienten ist eine orale Immuntherapie geprüft worden.

An der prospektiv randomisierten, doppelblinden und placebokontrollierten Phase-3-Studie haben 66 Zentren in den USA und in 9 Ländern Europas inklusive Deutschland teilgenommen. 551 Patienten mit klinisch gesicherter und mithilfe von Laborparametern bestätigter Erdnussallergie (maximal vertragene Erdnussmenge: 100 mg) wurden 3 : 1 randomisiert in eine Verum- und eine Placebogruppe. Zu Studienbeginn waren 496 Patienten zwischen 4 und 17 Jahren und 55 Patienten zwischen 18 und 55 Jahren.

Die Immuntherapie bestand aus einer Eskalationsphase mit steigenden Dosierungen eines oralen Immuntherapeutikums aus Erdnüssen (AR101), beginnend mit 0,5 mg/Tag und eskalierend in 2-Wochen-Schritten um jeweils 3 mg bis zu 300 mg pro Tag (Äquivalent einer Erdnuss) oder jeweils Scheinpräparat (24 Wochen). Die Erhaltungsphase dauerte weitere 24 Wochen nach Beendigung der Eskalationsphase an mit 300 mg Verum täglich oder Placebo. Primärer Endpunkt war der Anteil der Probanden, die in einem Allergenprovokationstest ohne dosislimitierende Symptome mindestens 600 mg Erdnussallergen zu sich nehmen konnten.

Von den 496 Kindern und Jugendlichen konnten 67,2 % nach Verumbehandlung (250 von 372 Teilnehmern der Verumgruppe) mindestens 600 mg des Erdnussallergenpräparats essen ohne dosislimitierende Krankheitszeichen, in der Placebogruppe waren es nur 4 %. Die Differenz von 63,2 % war mit einem p-Wert < 0,001 hoch signifikant. 5 % der Teilnehmer der Verumgruppe hatten im Provokationstest starke Symptome und 25 % hatten milde, in der Placebogruppe waren es 59 % und 11 % (milde und schwere Symptome).

Allerdings funktionierte die Behandlung nicht bei allen. 14 % der Teilnehmer in der Verumgruppe erhielten während der Behandlungsphase eine Notfallmedikation (Epinephrin), darunter ein Kind mit Anaphylaxie. Bei den erwachsenen Teilnehmern wurde außerdem keine signifikante Wirkung gefunden.

Fazit: „Die Ergebnisse dieser wichtigen klinischen Studie unterstreichen eindrucksvoll das Potenzial einer oralen Immuntherapie bei Kindern und Jugendlichen mit Erdnussallergie“, erläutert Priv.-Doz. Dr. med. Hagen Ott, Chefarzt Pädiatrische Dermatologie und Allergologie am Kinder- und Jugendkrankenhaus „Auf der Bult“ in Hannover. „Allerdings wurden ausschließlich pädiatrische Patienten mit einer niedrigen Schwellendosis von maximal 100 mg Erdnuss untersucht. Sie machen, auch nach Angaben der Autoren, lediglich circa 50 % der von einer Erdnussallergie betroffenen Patienten aus. Die Ergebnisse können daher nicht ohne weiteres auf die erdnussallergische Gesamtpopulation übertragen werden. Zudem wurden die Daten in kinderallergologischen Referenzzentren unter strikten Studienbedingungen und in einer vermutlich hoch motivierten Risikopopulation über lediglich 6 Monate (Steigerungsphase) und 12 Monate (Steigerungs- und Erhaltungsphase) erhoben. Ob sich diese Ergebnisse unter ‚reallife‘-Bedingungen bestätigen lassen, müssen weitere Untersuchungen zeigen.“

 Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

The PALISADE Group of Clinical Investigators: AR101 Oral Immunotherapy for Peanut Allergy. N Engl J Med 2018; DOI: 10.1056/NEJMoa1812856

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