ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2019Masterplan Medizinstudium 2020: Auf in eine neue Runde

POLITIK

Masterplan Medizinstudium 2020: Auf in eine neue Runde

Dtsch Arztebl 2019; 116(1-2): A-10 / B-10 / C-10

Richter-Kuhlmann, Eva

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Eine Expertenkommission hat im Dezember 2018 Empfehlungen zur Umsetzung des Masterplans Medizinstudium 2020 sowie finanzielle Auswirkungen der geplanten Reform veröffentlicht. Um die Maßnahmen zu koordinieren, rät sie zur Gründung eines „Beirats Medizinstudium 2020“.

Mehr Wissenschaftlichkeit und Praxisorientierung: Der Großteil der Maßnahmen des Masterplans zielt auf eine kompetenzbasierte Neustrukturierung des Medizinstudiums. Foto: dpa
Mehr Wissenschaftlichkeit und Praxisorientierung: Der Großteil der Maßnahmen des Masterplans zielt auf eine kompetenzbasierte Neustrukturierung des Medizinstudiums. Foto: dpa

Noch vor Ablauf des Jahres 2018 – am 13. Dezember – veröffentlichte die unabhängige Expertenkommission des Wissenschaftsrates unter Leitung des Bildungsforschers Prof. Dr. Manfred Prenzel ihr lang erwartetes Gutachten zur Reform des Medizinstudiums entsprechend des Masterplans Medizinstudium 2020. Fazit: Die Maßnahmen des Masterplans Medizinstudium 2020 seien sinnvoll und knüpften an die in Modell- und Regelstudiengängen erprobten innovativen Konzepte zur Weiterentwicklung des Medizinstudiums an, meinen die Experten. Um sie umzusetzen, sei jedoch eine „Stabilisierung der finanziellen Rahmenbedingungen der Universitätsmedizin“ dringend erforderlich. Nach Ansicht der Kommission wird die Reform erhebliche kapazitäre und finanzielle Auswirkungen haben. Die zusätzlichen Kosten könnten im dreistelligen Millionenbereich liegen.

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Aber auch unabhängig von den erforderlichen Finanzmitteln wird die Reform des Medizinstudiums kein Pappenstiel: Es stellten sich „übergeordnete Fragen bei der Umsetzung des Masterplans“, wie die Koordinierung und Priorisierung der Maßnahmen – auch mit Blick auf die Reformen in der Zahnmedizin und in anderen Gesundheitsberufen –, konstatieren die Experten.

Beirat als neuer Dialogpartner

Die Kommission regt deshalb die zeitnahe Implementierung eines „Beirats Medizinstudium 2020“ durch Bund und Länder an. Dieser sollte mehrheitlich aus unabhängigen Expertinnen und Experten bestehen und der Politik während der Umsetzungsphase des Masterplans und der Novellierung der Ärztlichen Approbationsordnung als Beratungsgremium und als „Dialogpartner“ zur Verfügung stehen. Unter den maximal zwölf Mitgliedern sollte nach Ansicht der Kommission auch jeweils ein Vertreter des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums sowie der Wissenschaftsressorts der Länder sein.

Mit der Vorlage dieser Empfehlungen und der Gründung eines „Beirats Medizinstudium 2020“ in diesem Jahr geht die Reform des Medizinstudiums in eine neue Runde. Denn der 2014 im Koalitionsvertrag vereinbarte Masterplan Medizinstudium 2020 hat bereits seine eigene Geschichte. Zur Erinnerung: Nach fast drei Jahren Verhandlungen, Diskussionsrunden und Finanzierungsstreit hatten sich im März 2017 das Bundesministerium für Bildung und Forschung, das Bundesministerium für Gesundheit, die Kultusministerkonferenz (KMK) und die Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz (GMK) sowie Vertreterinnen und Vertreter der Koalitionsfraktionen des Deutschen Bundestags auf einen gemeinsamen 37-Punkte-Plan zur Reform des Medizinstudiums geeinigt. Seitdem lag der Masterplan allerdings auf Eis. Denn gleichzeitig hatten sie ihn unter Finanzierungsvorbehalt gestellt und die Expertenkommission beauftragt, die kapazitären und finanziellen Auswirkungen abzuschätzen und Empfehlungen zur Umsetzung der zentralen Maßnahmen des Plans zu erarbeiten.

Zu diesen gehören eine stärkere Praxis- und gleichzeitig Wissenschaftsorientierung der universitären Ausbildung, die fachübergreifend, kompetenzbasiert sowie interprofessionell erfolgen soll. Mit der Reform soll auf die Herausforderungen für die künftige ärztliche Versorgung reagiert werden. Dazu sollen theoretische Grundlagen im Medizinstudium von Beginn an konsequent mit klinisch-praktischen Inhalten verknüpft werden. Zudem soll die ambulante Versorgung vermehrt in das Medizinstudium einbezogen werden, insbesondere mehr Lehrinhalte aus der Allgemeinmedizin. Ein Netz aus Lehrpraxen soll verstärkt in die ärztliche Ausbildung einbezogen und von den Fakultäten aufgebaut werden. Zudem soll das Praktische Jahr (PJ) von drei Tertialen auf vier Quartale umgestellt werden, wobei mindestens ein Wahlfach „im ambulanten vertragsärztlichen Bereich“ absolviert werden soll.

37 Maßnahmen stehen an

All diese zentralen Eckpunkte begrüßt die Kommission grundsätzlich. Der Masterplan stärke durch seine Reformziele und Strukturvorgaben die standortübergreifende Vergleichbarkeit des Medizinstudiums in Deutschland, ohne jedoch zu einer Vereinheitlichung in der curricularen Umsetzung zu führen, heißt es. Diese soll weiterhin in der Eigenverantwortung der Fakultäten bleiben. Damit diese jedoch die Qualitätsentwicklung der Lehre als Daueraufgabe wahrnehmen können, müssten sich sowohl die rechtlichen und strukturellen Rahmenbedingungen des Medizinstudiums als auch die finanziellen Rahmenbedingungen der Universitätsmedizin ändern.

Dem Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalog Medizin (NKLM) weisen die Experten eine zentrale Stellung bei der Neustrukturierung des Medizinstudiums zu. Er müsse aber als „lebendiges Dokument“ stetig weiterentwickelt werden. Essenziell für den Erfolg fächerübergreifender und vertikal integrierter Curricula sei zudem die Beteiligung der Fächer.

Besonderen Wert legt die Kommission ferner auf Praxisorientierung und Wissenschaftlichkeit des Studiums: Diese seien kein Antagonismus, sondern komplementäre Bestandteile einer modernen ärztlichen Ausbildung. Ein Kernaspekt müsse dabei auch die digitale Transformation in der Medizin sein.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Das Gutachten: http://t1p.de/mijo

Wie weiter nach dem Gutachten?

Foto: bvmd
Foto: bvmd

Für ein zukunftsfähiges Studium muss die interprofessionelle Ausbildung deutlich stärker im Studium verankert werden, als durch die Expertenkommission gefordert. Seit Jahren setzten wir Studierende uns zudem für die verpflichtende Kompetenzorientierung in der medizinischen Lehre ein. Die entsprechenden Empfehlungen des Gutachtens begrüßen wir und unterstützen die bereits stattfindende gemeinsame Weiterentwicklung des nationalen kompetenzbasierten Lernzielkatalogs Medizin und der Gegenstandskataloge. Die geforderte Ausweitung der Wahlpflichtanteile des Medizinstudiums ist dringend notwendig. Dies ermöglicht eine fundierte Ausbildung von wissenschaftlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Der Masterplan ist eine Chance, nicht nur symbolpolitisch das Studium zu verändern, sondern die medizinische Lehre deutschlandweit nachhaltig zu verbessern. Eine gemeinsame Plattform aller beteiligten Akteure, inklusive der Studierenden, muss die Umsetzung koordinieren.

Peter Jan Chabiera, Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland

Foto: privat
Foto: privat

Es ist gut, dass neben den praktischen auch wissenschaftliche Kompetenzen eine größere Rolle im Medizinstudium spielen sollen und die Expertenkommission für eine Stärkung der interprofessionellen Lehre eintritt. Große Erwartungen knüpfen wir an die Forderung, dem digitalen Wandel einen wesentlich höheren Stellenwert im Studium einzuräumen. Erfreulich ist auch, dass sich die Kommission dagegen ausspricht, die Ausbildung verstärkt an der Lösung von Strukturproblemen der Versorgung auszurichten, wie es von politischer Seite häufig gefordert wird. Das Medizinstudium ist der falsche Ort, versorgungspolitische Versäumnisse aufzuarbeiten. Wir Studierende fordern eine strukturierte Supervision mit festem Feedback in patientenorientierten Unterrichtsformen. Es freut uns, dass die Experten in die gleiche Richtung denken. Bei der Finanzierung bleibt nach wie vor vieles offen. Wir unterstützen, dass mehr Lehrpraxen eingebunden werden. Mehr Lehrpersonal gibt es aber nicht zum Nulltarif.

Victor Banas, Sprecher der Medizinstudierenden im Marburger Bund

Foto: privat
Foto: privat

Das Expertengutachten verdeutlicht, dass beim Masterplan Medizinstudium 2020 an vielen Stellen der Teufel im Detail liegt. Die Kommission hat klargemacht, dass die meisten Maßnahmen voneinander abhängen und im Konzert miteinander weitergedacht werden müssen. Auch für die Abschätzung der zu erwartenden Kosten und die möglichen Auswirkungen auf die Studienplatzzahlen müssen alle Maßnahmen frühzeitig gemeinsam in den Blick genommen werden. Viele dieser Themen werden innerhalb des Medizinischen Fakultätentages schon diskutiert, aber niemand kennt bislang die Planungen der Ministerien. Um eine übergreifende inhaltliche Betrachtung zu ermöglichen, muss deshalb der vorgeschlagene Beirat bald seine Arbeit aufnehmen. Neben den Gesundheits- und Wissenschaftsministerien von Bund und Ländern müssen auch die Medizinischen Fakultäten, das IMPP und die Studierenden im Beirat vertreten sein. Nur wenn wir zusammenarbeiten, kann die Umsetzung gelingen.

Dr. Frank Wissing, Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentages

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