ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2019Digital Health: Ärzte wollen mehr gestalten

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Digital Health: Ärzte wollen mehr gestalten

PP 18, Ausgabe Januar 2019, Seite 17

Krüger-Brand, Heike E.

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Die Kassenärztliche Bundesvereinigung will Verantwortung für die Datenstandards der elektronischen Patientenakte übernehmen und sieht sich für eine zügige Umsetzung gut gerüstet.

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist ein Feld, in dem die Vertragsärzte und -psychotherapeuten zunehmend selbstbewusst agieren und die Rahmenbedingungen mitgestalten wollen. Das wurde bei der Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in Berlin deutlich. Ein Signal dafür ist die Position der KBV zur elektronischen Patientenakte (ePA). Nach einem kürzlich von KBV, Kassenzahnärztlicher Bundesvereinigung und GKV-Spitzenverband vereinbarten Letter of Intent soll die KBV die technischen und semantischen Anforderungen an die medizinischen Daten der ePA festlegen. Dies könne die KBV „zügig umsetzen“, betonte Dr. rer. soc. Thomas Kriedel, Mitglied des KBV-Vorstands, in seiner Rede vor der Ver­tre­ter­ver­samm­lung.

„Die KBV verfügt über Erfahrung in Standardisierung und Zertifizierung und würde sich selbstverständlich nach internationalen Standards richten und sich mit anderen Akteuren ins Benehmen setzen“, versicherte er. Zudem spielten bei der KBV wirtschaftliche Interessen keine Rolle, wies Kriedel Kritik an dieser Aufgabenverteilung zurück. Die KBV rechne mit einer entsprechenden Gesetzesinitiative spätestens bis zum Sommer 2019 und bereite sich bereits darauf vor.

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Schlanke E-Health-Struktur

Thomas Kriedel: „Wir, die Akteure im Gesundheitswesen, können die Digitalisierung am besten gestalten.“ Foto: Georg J. Lopata
Thomas Kriedel: „Wir, die Akteure im Gesundheitswesen, können die Digitalisierung am besten gestalten.“ Foto: Georg J. Lopata

Nachdem mit der Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) die Datenautobahn weitgehend steht, ist Kriedel zufolge jetzt eine Aufteilung der Zuständigkeiten bei den Anwendungen – und damit eine „schlanke E-Health-Struktur ohne Entscheidungsstau“ – sinnvoll: „Die gematik war vor allem notwendig für den Start und Aufbau der Infrastruktur. Jetzt kommt es auf die sinnvolle Arbeitsteilung zwischen denjenigen Akteuren an, die von den Konsequenzen betroffen sind.“ Als Beispiel dafür nannte er das elektronische Rezept. Es sei zu begrüßen, dass Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) hierbei nicht die gematik, sondern die Betroffenen, also Ärzte, Apotheker und Krankenkassen, in der Verantwortung sehe.

Erfolgreich war die KBV Kriedel zufolge zudem bei der vom Gesetzgeber geforderten Erarbeitung der Archivierungs- und Wechselschnittstelle für Praxisverwaltungssysteme (PVS), die Ärzten künftig die systemneutrale Archivierung der Patientendaten und den Wechsel ihrer PVS erleichtern soll. Dieses Projekt habe die KBV in Rekordzeit und unter Beifall der Industrie erledigt, berichtete Kriedel. Mit Aufnahme in das Interoperabilitätsverzeichnis vesta der gematik haben die Softwarehersteller zwei Jahre Zeit, um die Schnittstelle in ihren Systemen umzusetzen. Einem entsprechenden Antrag zur Festlegung dieser Schnittstelle stimmte die Ver­tre­ter­ver­samm­lung zu.

Ein ähnliches Erfolgsprojekt ist aus Sicht der KBV auch der ärztliche Kommunikationsdienst KV-Connect, der inzwischen nicht nur im KV-System, sondern auch von anderen Akteuren im Gesundheitswesen genutzt wird. So hat etwa die Techniker Krankenkasse (TK) ihre elektronische Gesundheitsakte an die neue Schnittstelle KV-Connect mobile angebunden, damit Ärzte ihren Patienten auf deren Wunsch hin die Behandlungsdaten auch elektronisch zur Verfügung stellen können. „Das heißt jedoch nicht, dass die KBV gemeinsam mit der TK eine Gesundheitsakte anbietet oder dass die KBV die Praxen an ein TK-Netz anschließt“, stellte Kriedel klar. Ebenso wenig sei die KBV an der Kooperation der TK mit der Diagnose-App ADA Health beteiligt. „Ob eine Diagnose-App sinnvoll ist, muss sich erst noch erweisen. Ich würde sagen: Wenn überhaupt, dann in den Händen der Ärzte“, meinte Kriedel.

Abgrenzung von ADA Health

Ähnlich kritisch hatte zuvor der stellvertretende KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Stephan Hofmeister die Kooperation von TK und ADA Health als „Vorzeichen einer problematischen Fehlentwicklung“ beurteilt. „Wenn Krankenversicherer beginnen, die Versorgung zu steuern, dann tun sie das nur aus einem Grund: um Kosten zu sparen. Um Versorgung geht es dabei bestenfalls sekundär“, erklärte er. Ein solches System könne kaum im Interesse des Patienten sein. Die Ärzte sollten diese Kooperation daher genau beobachten und „schon heute diskutieren, „wie weit wir uns an einem solchen System beteiligen oder uns davon abgrenzen wollen“, empfahl Hofmeister.

Auch bei der Verringerung der hohen Bürokratielast in den Arzt- und Psychotherapeutenpraxen kann die Digitalisierung aus Sicht der KBV hilfreich sein. Allerdings sei sie kein „Allheilmittel“ für Versorgungsprobleme und könne Ärzte nicht ersetzen, betonte der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Andreas Gassen. „Bevor die Digitalisierung überhaupt Effekte entfalten kann, muss die Politik erst ihre Hausaufgaben machen“, erklärte er. „Deutschland ist in puncto Digitalisierung ein Entwicklungsland.“ So habe die Europäische Kommission Deutschland 2016 in der Gruppe der am schlechtesten versorgten Länder in Europa verortet. Heike E. Krüger-Brand

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