ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2019Afghanistan: Oft kommt jede Hilfe zu spät

THEMEN DER ZEIT

Afghanistan: Oft kommt jede Hilfe zu spät

PP 18, Ausgabe Januar 2019, Seite 26

Seeliger, Stephan

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Afghanistan verzeichnet mit die höchste Kindersterblichkeit weltweit. Jedes 14. Kind erlebt seinen fünften Geburtstag nicht. Das liegt unter anderem an der mangelhaften medizinischen Versorgung, die sich durch Krieg und Gewalt systematisch weiter verschlechtert.

Trümmerwüste: Nach einem Talibanangriff im August 2018 stehen die Bewohner von Ghazni vor ihren zerstörten Häusern. Foto: picture alliance
Trümmerwüste: Nach einem Talibanangriff im August 2018 stehen die Bewohner von Ghazni vor ihren zerstörten Häusern. Foto: picture alliance

August 2018. Kurz nach meiner Ankunft in einem Kinderhospital in Kabul versuchen im nur 125 Kilometer entfernten Ghazni die Taliban mit Gewalt, die Macht in der 270 000 Einwohner zählenden Stadt an sich zu reißen. Für uns bedeutet das, dass Entlassungen aus humanitären Gründen auf später verschoben werden. Denn es wäre unverantwortlich Mütter und Kinder in die umkämpften Gebiete zurückzuschicken. Umgekehrt ist Kranken aus der Region wegen der Kämpfe der Weg ins Kinderkrankenhaus versperrt.

Anzeige

Im Jahr 2000 vereinbarten die 189 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen acht Millenniums-Entwicklungsziele, die sie bis 2015 erreichen wollten. Ziel Nummer vier gab vor, die Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren im Vergleich zu 1990 um zwei Drittel zu verringern. Der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) zufolge wurde dieses Ziel zwar noch nicht erreicht. Die Zahl der Todesfälle von Kindern unter fünf Jahren sank jedoch weltweit von 12,7 Millionen im Jahr 1990 auf 5,6 Millionen im Jahr 2016. Zu den Strategien für eine bessere Kindergesundheit zählt die WHO den Zugang zur medizinischen Versorgung und zu Impfungen ebenso wie eine ausreichende Ernährung.

In Afghanistan ist fast die Hälfte der Bevölkerung jünger als 17 Jahre. In Deutschland würden die Kinder und Jugendlichen wohl überwiegend von Pädiatern und in Kinderkliniken medizinisch versorgt. In Afghanistan sind sie auf die allgemeinen medizinischen Einrichtungen angewiesen. Vorsorgeuntersuchungen und Präventionsprogramme gibt es nicht. Krieg und Gewalt tun ihr Übriges. Das Land verzeichnet nach Angaben des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen, Unicef, mit die höchste Kindersterblichkeit weltweit. 2016 starben 70 von 1 000 Kindern vor ihrem fünften Geburtstag. Das war jedes 14. Kind. Zum Vergleich: In Deutschland ist es jedes 250. Kind.

Beispiel Ghazni: Direkt nach der Waffenruhe dort erreicht uns in Kabul der Anruf eines besorgten Vaters. Seine siebenjährige Tochter, an Leukämie erkrankt, benötige dringend unsere Hilfe. Die Familie habe sich während der Kämpfe nicht aus dem Haus getraut. Und nun habe man dem Vater im Krankenhaus von Ghazni mitgeteilt, es gebe keine Medikamente und Blutkonserven mehr. Voller Hoffnung macht sich der Mann nach unserem Telefonat mit seiner Tochter und einem Fahrer auf den Weg ins Kinderhospital.

Eine halbe Stunde vor der erwarteten Ankunft kommt ein zweiter Anruf des Vaters, diesmal aus dem Auto: Seine Tochter sei gerade in seinen Armen gestorben. Ob er trotzdem kommen könne. Ärzte und Pfleger kümmern sich um den verzweifelten Mann und seine tote Tochter.

Zwei Tage später trifft eine Großmutter mit ihrer Enkelin im Kinderkrankenhaus ein. Das Kind war erst drei Tage alt, als sich die Großmutter mit ihr und der Mutter im Bus auf eine 1 000 Kilometer weite Reise begeben hatte. Aufgrund der Talibanangriffe mussten die drei bei Temperaturen von über 35 °C tagelang warten, bis der Weg durch das umkämpfte Ghazni wieder frei war. Bei der Ankunft in der Kinderklinik hat der Säugling eine inzwischen rupturierte, nässende und infizierte Encephalozele am Hinterkopf – Ausgang ungewiss. Dazu kommt, dass medizinische Einrichtungen im ganzen Land zunehmend zum Ziel terroristischer Anschläge werden. Wie viele Kinder sterben, weil sie wegen des Terrors nicht die mögliche und erforderliche medizinische Versorgung bekommen, weiß man nicht. In Afghanistan wird kein Geburten- und Sterberegister geführt.

Hoffnung auf Hilfe: Das Kinderkrankenhaus in Kabul ist eine der wenigen pädiatrischen Einrichtungen in Afghanistan. Foto: GDWS Stiftung
Hoffnung auf Hilfe: Das Kinderkrankenhaus in Kabul ist eine der wenigen pädiatrischen Einrichtungen in Afghanistan. Foto: GDWS Stiftung

Kranke vor der Klinik abgelegt

Deutsche Medien berichten, dass bei den Kämpfen in Ghazni 100 Zivilisten, 70 Polizisten und 150 Taliban-kämpfer getötet wurden. Die Bewohner nennen andere Zahlen. Die wenigen, die es aus dem umkämpften Gebiet bis nach Kabul geschafft haben, berichten von unzähligen Toten und Verletzten. Während des fünf Tage andauernden Stadtkrieges gab es nach Augenzeugenberichten in dem einzigen Krankenhaus nur noch einen Arzt und eine Krankenschwester. Da diese den Ansturm von Verletzten, Erwachsenen wie Kindern, nicht mehr bewältigten konnten, wurden Patienten sich selbst überlassen und einfach vor dem Krankenhaus abgelegt. Mehr als 150 sollen es gewesen sein. Bilder in den afghanischen sozialen Medien zeigten die abgeschnittenen Füße von Regierungssoldaten, die man in die Bäume gehängt hatte. Mehr als 200 Regierungssoldaten kamen ums Leben, als ein zum Bersten voll besetzter Bus in die Luft gesprengt wurde. In der folgenden Militäroffensive sollen mehr als 800 Talibankämpfer getötet worden sein, viele davon Pakistani. Ob bei der „Befreiung“ der Stadt auch Kinder starben, weiß niemand.

Weltweit waren im vergangenen Jahr nach Angaben der Vereinten Nationen rund 60 Millionen Menschen auf der Flucht, die Hälfte von ihnen Kinder unter 18 Jahre. Allein aus Afghanistan flohen 2,6 Millionen Menschen vor Krieg und Verfolgung wie in Ghazni. Die Erfahrungen von Gewalt, Tod und Sterben, oft weil Hilfe fehlt oder zu spät kommt, traumatisiert die Menschen. Hinzu kommt die häufig traumatische Flucht aus der Heimat, die nicht selten in Todesangst erlebt wird (1). Ist die Flucht geglückt, drohen im Aufnahmeland Ablehnung und Fremdenfeindlichkeit, nicht zuletzt auch in Deutschland.

Für die betroffenen Flüchtlinge stellt das eine kontinuierliche Belastung dar. Derart langfristige Gewalterfahrungen im Heimatland, auf der Flucht und im Gastland münden nicht selten in einem aggressiv-dissozialen Verhalten der geflüchteten Kinder und Jugendlichen. Sie üben nun selbst Gewalt aus bis hin zum Tötungsdelikt. Neben der eigentlichen Traumabewältigung benötigen die betroffenen Kinder und Jugendlichen dringend eine evidenzbasierte Intervention, die ihnen hilft, das Erlebte zu verarbeiten und ihr Verhalten zu verändern (2).

Immer wieder Schüsse

Nachts, in meinem Gästezimmer in Kabul, höre ich immer wieder Schüsse und Salven, die vom Checkpoint an der großen Straßenkreuzung stammen. Einen Tag nach meiner Abreise, am ersten Tag des Opferfestes, startet der Islamische Staat einen Angriff auf den Präsidentenpalast in Kabul. Er liegt nicht weit vom Kinderhospital entfernt. Der Krieg rückt näher.

Priv.-Doz. Dr. med. Stephan Seeliger

1.
Sprung M: Krieg, Terrorismus und Flucht: Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. In: Riffer F, Kaiser E, Sprung M, Streibl L (eds.), Das Fremde: Flucht – Trauma – Resilienz. Psychosomatik im Zentrum, vol 2., Berlin, Heidelberg, Springer Verlag, 2018) CrossRef MEDLINE
2.
Vasileva M, Petermann F, Nitkowski D, Petermann U: Den transgenerationalen Kreislauf der Gewalt durchbrechen. Wie kann man aggressiven Jugendlichen mit Gewalterfahrungen helfen? In: Kindheit und Entwicklung, 2018, 27, 91–101, https://doi.org/10.1026/0942–5403/a000249 CrossRef
1.Sprung M: Krieg, Terrorismus und Flucht: Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. In: Riffer F, Kaiser E, Sprung M, Streibl L (eds.), Das Fremde: Flucht – Trauma – Resilienz. Psychosomatik im Zentrum, vol 2., Berlin, Heidelberg, Springer Verlag, 2018) CrossRef MEDLINE
2.Vasileva M, Petermann F, Nitkowski D, Petermann U: Den transgenerationalen Kreislauf der Gewalt durchbrechen. Wie kann man aggressiven Jugendlichen mit Gewalterfahrungen helfen? In: Kindheit und Entwicklung, 2018, 27, 91–101, https://doi.org/10.1026/0942–5403/a000249 CrossRef

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema