ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2019Psychisch kranke Menschen: Die Sprechstunde steuert die Versorgung

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Psychisch kranke Menschen: Die Sprechstunde steuert die Versorgung

PP 18, Ausgabe Januar 2019, Seite 14

Bühring, Petra

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Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer hat Abrechnungsdaten von Patienten analysiert, die eine psychotherapeutische Sprechstunde besucht haben. 58 Prozent begannen im Anschluss eine Psychotherapie. 42 Prozent wurden in andere Versorgungsangebote weitergeleitet.

Mit der psychotherapeutischen Sprechstunde wurde eine Möglichkeit geschaffen, die Versorgung von Menschen mit psychischen Beschwerden zu steuern. Dieses Fazit zieht die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) aufgrund einer Auswertung von rund 240 000 Abrechnungsdaten von Patientinnen und Patienten, die im zweiten Quartal 2017 erstmals in einer Sprechstunde waren.

„Die im April 2017 eingeführte psychotherapeutische Sprechstunde erfüllt ihren Zweck. Sie bietet flächendeckend eine diagnostische Abklärung und eine Beratung der Ratsuchenden, was notwendig ist – je nach Dringlichkeit und Schwere ihrer Beschwerden“, erklärte der Präsident der BPtK, Dr. rer. nat. Dietrich Munz, bei der Präsentation der Auswertungsdaten am 11. Dezember in Berlin.

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Verbesserung für sehr dringende Fälle

Eine psychotherapeutische Behandlung beginnen danach rund 58 Prozent der Ratsuchenden. 16,5 Prozent derjenigen befindet sich in einer so starken psychischen Krise, dass eine Akutbehandlung kurzfristig notwendig ist. 74 Prozent beginnen im Anschluss an die Sprechstunde eine Kurzzeittherapie; bei 9,5 Prozent ist eine Langzeittherapie indiziert. „Die größte Verbesserung konnte für diejenigen erreicht werden, die besonders dringend Hilfe benötigen, etwa bei eskalierender Borderline-Symptomatik oder Suizidgefahr. Sie erhalten jetzt mit der neu eingeführten Akutbehandlung sehr kurzfristig professionelle Hilfe“, erläuterte Munz.

Allerdings erhält jeder dritte Patient, der eine Richtlinienpsychotherapie benötigt, diese nach Angaben der BPtK erst zwei bis drei Quartale später. „Das sind zu viele Patienten, die viel zu lange auf eine Behandlung warten müssen“, kritisierte Munz. Die Sprechstunde habe zwar dazu geführt, dass psychisch Kranke schneller erfahren, dass sie krank sind. Auf einen freien Therapieplatz müssten sie trotzdem weiterhin monatelang warten. Die BPtK fordert deshalb „die sofortige Möglichkeit“ für 1 500 Psychotherapeuten, sich außerhalb von Großstädten niederzulassen.

Bei rund 42 Prozent der Ratsuchenden ergibt die diagnostische Abklärung in der Sprechstunde, dass keine Richtlinienpsychotherapie notwendig ist, weil keine krankheitswertige Störung besteht. Psychotherapeuten empfehlen dann Angebote zur Prävention und Selbsthilfe oder verweisen an eine Beratungsstelle. Je nach Art und Schwere der Erkrankung werden auch eine Krankenhausbehandlung, medizinische Rehabilitation, eine fachärztliche Behandlung oder eine Soziotherapie veranlasst.

„Die psychotherapeutische Sprechstunde wurde bereits direkt nach ihrer Einführung zum 1. April 2017 flächendeckend angeboten – die geforderten Mindestzeiten von zwei Stunden pro Woche wurden sogar deutlich übertroffen“, betonte der BPtK-Präsident. Erkennbar sei inzwischen auch, dass Patientengruppen, die aufgrund der langen Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz gar nicht erst versuchten, einen Termin zu bekommen, die Sprechstunden verstärkt aufsuchten. Dazu zählten arbeitsunfähige Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen und sozial Benachteiligte.

„Angesichts der differenzierten Versorgung durch die psychotherapeutische Sprechstunde waren wir sehr überrascht, dass Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) eine zusätzliche‚ gestufte und gesteuerte Versorgung einführen will“, sagte Munz. Dieser Passus, der erst im Kabinettsentwurf für ein Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) aufgenommen wurde, sei mit der BPtK nicht abgestimmt worden. Eine zusätzliche Hürde vor einer psychotherapeutischen Behandlung lehnt die Kammer ab.

Große Unterstützung für Petition gegen TSVG-Passus

Psychotherapeutenverbände haben einig eine Petition gegen den umstrittenen Passus im TSVG an den Deutschen Bundestag eingereicht, die mehr als 197 000 Menschen unterstützt haben. Sie wenden sich „gegen die Schaffung von neuen Hürden im Zugang zur Psychotherapie“ und fordern ein Einlenken der Politik. Bei der ersten Lesung des TSVG am 13. Dezember im Deutschen Bundestag sprachen sich Gesundheitspolitiker von Bündnis 90/Die Grünen und FDP einhellig gegen eine solche vorgeschaltete Prüfung des Behandlungsbedarfs psychisch Kranker aus. Die SPD forderte eine größere Reform hin zu einem „umfassenden sektorenübergreifenden Konzept“ für die Versorgung (siehe auch Editorial). Im Januar soll es einen strukturierten Dialog mit allen Fachverbänden geben, um diesem Ziel näher zu kommen. Petra Bühring

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