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Interview mit Prof. Dr. phil. Ulrich Clement, systemischer Psychotherapeut und Supervisor: „Statt um Psychodynamiken geht es um Paardynamik“

PP 18, Ausgabe Januar 2019, Seite 18

Britten, Uwe

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Ob nur phasenweise oder von Beginn an als Paartherapie, hinzukommende Partner oder Angehörige verändern das an Einzeltherapien ausgerichtete psychotherapeutische Geschehen grundlegend. Von der Psychodynamik hin zur Beziehungsdynamik: Wo liegen die Tücken?

Herr Prof. Clement, Psychotherapeuten sind es vorrangig gewohnt, im Zweierkontakt zu arbeiten. Nun kommt es gelegentlich aber vor, dass doch zum Beispiel mal Ehepartner oder andere Familienmitglieder eingeladen werden. Wo liegt die Herausforderung?

Ulrich Clement: Die Herausforderung ist sicherlich, dass man sich das System genau anschauen muss, man darf nicht mehr so individuell wahrnehmen und denken. Das bedeutet auch, dass wir nicht in die Falle tappen dürfen, die Einzelnen zu bewerten, zum Beispiel einen der beiden für den „gestörteren“ zu halten oder dem einen eine Störung zu attestieren, dem anderen aber nicht. Das wäre sehr dysfunktional. Wir müssen uns die Kommunikationsstruktur ansehen.

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Dieser Wechsel ist ja nicht ganz einfach:

Ulrich Clement ist Leiter des Instituts für Sexualtherapie an der Universität Heidelberg. Er veröffentlichte unter anderem „Dynamik des Begehrens. Systemische Sexualtherapie in der Praxis“. Foto: Andreas Nestl
Ulrich Clement ist Leiter des Instituts für Sexualtherapie an der Universität Heidelberg. Er veröffentlichte unter anderem „Dynamik des Begehrens. Systemische Sexualtherapie in der Praxis“. Foto: Andreas Nestl

Clement: Ja, das ist sicher auch eine Erfahrungs- und Übungssache. Wichtig ist dieses Umschalten weg vom Individualisieren. Wenn man mit Paaren zu tun hat, ist einem der eine immer näher als der andere. Außerdem laden einen beide Seiten unentwegt zur Parteilichkeit ein. Das ist ein großes Problem. Die Kunst besteht darin, sich eben nicht zur Parteilichkeit und Vereinnahmung verführen zu lassen. Es braucht einen empathischen, aber distanzierten Blick, um das hinzubekommen.

Manchmal werden Partner zu einer Einzeltherapie hinzugeladen. Nun hat man mit dem ursprünglichen Klienten eine Art Vorsprung, den kennt man schon länger und ist in der Empathieentwicklung weiter.

Clement: Stimmt, deshalb mache ich das auch nie und empfehle das auch nicht. Für mich ist das eine Entweder-oder-Geschichte: Entweder ich arbeite einzeln mit einem Klienten oder aber mit einem Paar. Durch das, was Sie jetzt „Vorsprung“ genannt haben, ist der Hinzukommende immer im Nachteil. Und der fühlt sich auch so. Der spürt die größere Distanz, fühlt sich fremder, weniger angekommen und so weiter.

Dazu kommt noch ein Problem: Ich als Therapeut habe vielleicht vom ursprünglichen Klienten Informationen erhalten, bei denen er von mir erwartet, dass ich die für mich behalte. Das muss ich dann auch einhalten, um nicht in die Loyalitätsfalle zu geraten.

Sollte ich in einem Paarsetting das Gefühl haben, eine Einzeltherapie für einen der beiden sei sinnvoll, dann empfehle ich immer, zu Kollegen zu gehen. Nie beides parallel machen!

Trotzdem werden ja in Therapien öfter mal Familienangehörige oder Ehepartner hinzugezogen.

Clement: Es gibt natürlich Therapeuten, die das anders machen, aber ich persönlich würde das nicht empfehlen. Man darf das auch nicht damit verwechseln, was in psychiatrischen Einrichtungen die „Angehörigenarbeit“ genannt wird. Dort geht es um Informationsvermittlung, um Unterstützungsmöglichkeiten, vielleicht auch um Deeskalationsstrategien und so etwas. Das ist aber nicht Paartherapie.

Nun gibt es die Situation, dass nicht beide Teile gleich von einer Psychotherapie überzeugt sind. Sagen wir, die Frau will unbedingt eine Therapie, der Mann fühlt sich aber eher hineingenötigt. Wie gewinnen Sie den Mann?

Clement: Na ja, wenn er schon mal mitgekommen ist, muss er ja eine minimale Motivation haben. Da muss man ansetzen. Es handelt sich oft um eine doppelte Botschaft: Eigentlich will ich hier nicht sitzen, ich weiß gar nicht, was das bringen soll. Das ist die verbale Seite. Aber er sitzt ja da und ist mitgekommen. Ich frage also etwa: „Jetzt sind Sie schon mal hier und haben den Weg auf sich genommen, wie müsste denn die Sitzung verlaufen, damit sich das alles trotzdem für Sie gelohnt hat?“ Wir müssen den Widerstand ernst nehmen. Es muss ja auch nicht jeder Mensch davon überzeugt sein, dass Psychotherapie etwas Gutes ist. Gerade die „mitgenommenen“ Partner brauchen gute Argumente, damit sie dabeibleiben.

Und wenn nun einer der Partner aus der Therapie aussteigt, machen Sie mit dem anderen weiter?

Clement: Nein, damit ist die Paartherapie beendet. Gut ist es natürlich immer, wenn man zumindest noch eine Abschlusssitzung hinbekommt. Wünscht der verbleibende Partner eine Einzeltherapie, dann kann man das machen, aber das ist dann auch eine neue Therapie. Man sollte individuell klären, ob nicht doch ein Therapeutenwechsel sinnvoll ist.

In Paartherapien geht es oft nicht zuletzt um Sexualität. Dabei kann es dann auch schon mal um unterschiedliche Abneigungen oder um sehr besondere Vorlieben gehen. Wie gelingt es, zwischen beiden zu vermitteln?

Clement: Das gelingt nicht immer. Es gibt Menschen, die scheitern lieber, als ihre Position aufzugeben. Sie sind sehr festgelegt, vielleicht auch durch eine lange Kränkungsgeschichte. Die lassen eher die Paarbeziehung scheitern, als dass sie sich bewegen. Da kann man nichts machen. Ich als Therapeut darf ja nicht mehr wollen als die Klienten. Letztlich ist es so: Wenn jemand das Problem in einer Paartherapie nicht lösen will, habe ich als Therapeut im Grunde gar keinen Auftrag von ihm.

Die Kunst besteht darin: Wie können wir bei Partnern mit sehr unterschiedlichen Problem- und auch Zielvorstellungen das so besprechen, dass beide eine „Gewinnerwartung“ haben. Das geht vorrangig dann, wenn beide einen Leidensdruck haben. Wenn einer von beiden sagt, seine Welt sei völlig in Ordnung, dann wird es schwierig. Aber das müssen nicht wir als Therapeuten uns anlasten.

Wie gelingt es, bei speziellen sexuellen Vorlieben, die einen selbst vielleicht eher abstoßen, tolerant zu bleiben?

Clement Durch Neugierde. Die wichtigste Eigenschaft, die Therapeutinnen und Therapeuten brauchen, ist Neugierde, ganz egal, worum es geht. Wir müssen bei jeder einzelnen Sitzung neugierig darauf sein, wie die Klienten aufgelegt sind, was sie mitbringen. Damit kann man schon ganz viel erreichen, auch wenn es um ungewöhnliche sexuelle oder um moralisch anstößige Vorlieben geht.

Aber wie geht man mit seinen individuellen Grenzen dabei um?

Clement: Es gibt Therapeuten, die kommen schon an ihre Grenzen, wenn sich zwei Partner in der Therapie anschreien. Andere haben nicht mal eine Grenze, wenn sie mit Sexualstraftätern bis in die Details der Tat gehen. Je breiter die Basis ist, womit ein Therapeut noch umgehen kann, und je weniger jemand von der eigenen Affektwucht überwältigt wird, desto besser. Wir Therapeuten müssen die Affekte, die in der Therapie eine Rolle spielen, besser ertragen können als der Klient selbst. Ganz egal, ob das Trauer, Wut, Hass oder auch Geilheit ist.

Wichtig erscheint mir, dass wir als Therapeuten strikt darauf achten, die Veränderungsabsicht beim Klienten zu platzieren und nicht etwa bei uns. Die Veränderungsabsicht entsteht daraus, dass der Klient einen Zustand nicht mehr aushalten kann und will. Unser innerer Impuls sollte nicht sein: „So geht es aber nicht, da müssen wir doch etwas tun.“ Wir sollten auch ein Verhalten nicht pathologisieren. Tun wir das doch, ist der Weg hinein in den Misserfolg schon fast eingeschlagen.

Muss man sich manchmal auch selbst „in die Pflicht“ nehmen, um eigene Hürden zu nehmen und mit dem Klienten dranzubleiben?

Clement: Das ist ein wichtiger Punkt, der mit der Selbsterfahrung des Therapeuten zu tun hat. Ich muss hinsehen, ob ich zentriert bleiben kann, bei mir bleiben kann, oder allgemein gesagt: ob ich arbeitsfähig bin. Wenn ich nicht mehr arbeitsfähig bin, weil mich zum Beispiel ein Inhalt viel zu sehr berührt, dann müssen wir prüfen, ob wir die Therapie noch halten können oder nicht. Entweder merke ich dann, dass ich eine Supervision brauche, um mit dem anderen Blick neu hinzusehen. Oder ich komme zu dem Ergebnis, dass ich mit dem Klienten nicht weiterarbeiten kann. Dann ist es professionell, die Therapie an einen Kollegen abzugeben und sich eben nicht „in die Pflicht“ zu nehmen. Das Gefühl, nicht aufgeben zu dürfen, aber gleichzeitig emotional zu ertrinken, wäre unprofessionell. Wir müssen unsere Grenzen kennen und uns eingestehen können, dass es nicht mehr geht.

Gibt es eine Angst des Therapeuten vor dem Paar?

Clement: Die Sorge vor der „Komplexität“ höre ich häufig. Das Argument heißt dann, dass man mit doppelt so vielen Personen zu tun habe. Nein, es ist einfach nur die Konfliktdynamik eine andere. Bei Paaren muss man sich viel stärker auf Kommunikationsstrukturen konzentrieren. Es ist ein anderer Blick. Wir dürfen nicht „verdeckt“ zwei Einzeltherapien machen. Der Schwerpunkt einer Paartherapie sind nicht die beiden Psychodynamiken. Statt um die Psychodynamiken geht es um die Paardynamik. Ich persönlich finde Paartherapien sogar einfacher als Einzeltherapien, weil die Paare inhaltlich sehr viel selbst machen. In der Einzeltherapie sind wir als Therapeuten viel stärker mit den eigenen Anteilen gefordert. In der Paartherapie lassen sich die Ressourcen des Paares selbst gut nutzen.

Das Interview führte Uwe Britten

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