ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2019Transsexuelle Menschen: In sich widersprüchlich
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Als langjähriger Behandler weiß ich um die fehlende Lobby von Transmenschen. In den Leitlinien wird auch völlig zu Recht darauf hingewiesen, dass zu wenige Behandler wirklich ausreichend Informationen besitzen, die den Ratsuchenden weiterhelfen können. Aber das, was da jetzt erarbeitet wurde, kann einfach nicht die Lösung sein. Die Leitlinie ist in sich widersprüchlich. Der Alltagstest von einem Jahr wäre hinfällig, aber man empfiehlt Alltagserfahrungen. Diese können schon zu Beginn mit der transitionsunterstützenden Behandlung einhergehen oder können gleich unterbleiben.

Aber: Hier handelt es sich um ein äußerst komplexes Bild, dass eben nicht einfach mal eben diagnostiziert werden kann. In etlichen Studien finden sich laut Leitlinien erhöhte Prävalenzen für das Auftreten von diversen psychischen Störungen. Dennoch wird gleichzeitig festgestellt, dass „ein bedeutsamer Anteil der Behandlungsuntersuchungen“ keine psychischen Störungen hat. Gleichzeitig wird aber von der Bundesvereinigung Trans* (BVT*) kritisiert, dass es überhaupt zu weiteren psychodiagnostischen Prozessen kommt. Ferner wird geschrieben: „Bei Auftreten einer schwerwiegenden psychischen Erkrankung wird dezidiert eine parallele Behandlung empfohlen, da eine Linderung der geschlechtsdysphorischen Symptomatik gleichermaßen wie die der psychischen und psychosomatischen Symptomatik zu erhoffen ist.“ Zu erhoffen! Überspitzt und provokant formuliert: Wir entfernen den Penis und schauen mal, was passiert, vielleicht geht es gut! Diese Behandlungen parallel zu schalten halte ich schlicht für falsch und fast schon fahrlässig!

Es wird explizit als Sondervotum der BVT* dargestellt, dass der Behandlungsplan bei der beratungssuchenden Person liegen soll, in welcher Reihenfolge und ob diese überhaupt notwendig sind.

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In der Leitlinie wird eine Studie zitiert, die Re-Transionen untersucht habe. Die ersten beiden Gründe dafür waren: 1. inadäquate Diagnostik, da begleitend eine schwere psychische Störung vorliegt und 2. fehlende oder unzureichende und/oder enttäuschende Alltagserfahrungen in der angestrebten Geschlechterrolle.

Dass jetzt die BVT* davon spricht, dass die bisherigen Praktiken zu massiver Diskriminierung und Leiden geführt haben und diese Leitlinie ein wichtiger Schritt in Richtung einer weiteren Entpathologisierung wäre, dann empfinde ich das als Schlag ins Gesicht für jeden gewissenhaften Behandler. Es geht um hochklassige, professionelle Arbeit, bei der es gilt, möglichst wenig Fehler im Sinne des Patienten zu machen! Bei vielen körperlichen Behandlungen im Rahmen der Problematik geht es um nur einmalig auszuprobierende Angelegenheiten! Der Patient sollte von uns als Behandlern möglichst davor bewahrt werden, in seinem eigenen Interesse. Und das ist sicher keine Diskriminierung, das ist schlicht professionelles Arbeiten.

Frank Deiter, 31137 Hildesheim

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