ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2019Cannabis: Abschreckung funktioniert nicht
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Das Bemühen der deutschen Ärzteschaft, die Gesellschaft vor den Gefahren von Cannabis zu schützen, ausgedrückt durch das Vorstandsmitglied der Bundes­ärzte­kammer, Dr. Mischo, ist sicherlich hoch zu schätzen. Beachtung verdienen aber Erkenntnisse der Forschung, wie sie insbesondere in der aktuellen drogenpolitischen Wende der WHO zum Ausdruck kommen. Die WHO hat die von ihren Expertenkomitees aufgrund eines umfassenden Reviews aller wissenschaftlichen Studien nachgewiesene geringe Gefährlichkeit von Cannabis nun zum Gegenstand einer auf der Generalversammlung im Frühjahr 2019 anstehenden Revision der UNO-Drogenkonventionen gemacht.

Der WHO-Forschungsstand zeigt zum einen, dass Abschreckung in diesem von vielfältigen psychischen, sozialen und gruppendynamischen Determinanten bestimmten und grundsätzlich nicht fremdschädigenden Verhalten nicht funktioniert. Er zeigt zum anderen, dass lediglich circa 5 % der Konsumenten Cannabis mit Abhängigkeitsrisiko missbrauchen. Dass der Wegfall von Kriminalisierung keine Erhöhung des Gebrauchs durch Jugendliche nach sich zieht, haben nicht nur Untersuchungen der Europäischen Beobachtungsstelle gezeigt, sondern vor allem auch die seit 9/2017 vorliegenden Ergebnisse der gesetzlich vorgeschriebenen Monitoring-Studien zur 2013 eingeführten „Legalisierung“ in den US-Staaten Colorado und Washington. Sie zeigen: In Fortsetzung einer langjährigen Tendenz hat sich der Cannabis-Konsum in der US-Bevölkerung wie auch in den Legalisierungsstaaten insgesamt zwar geringfügig erhöht (Lebenszeit und 30-Tage-Prävalenz), so auch unter Highschool-Studenten. Unter Jungerwachsenen (18–25) hat er jedoch dort abgenommen, ebenfalls einem allgemeinen Trend folgend und nicht vom nationalen Durchschnitt abweichend. Lediglich die 26–70-Jährigen konsumieren in Colorado und Washington signifikant mehr, möglicherweise weil sie die Chance nutzen, Erfahrungen nachzuholen. Es bestätigt sich auch hier, dass die legale Verfügbarkeit einer psychoaktiven Substanz nur einer von vielen Faktoren mit Einfluss auf die Verbreitung des Konsums ist.

Prof. em. Dr. jur. Dipl.-Psych. Lorenz Böllinger, 28209 Bremen

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