ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2019Kriegskinder: Pflichtlektüre für die Behandlung älterer Menschen

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Kriegskinder: Pflichtlektüre für die Behandlung älterer Menschen

PP 18, Ausgabe Januar 2019, Seite 38

Heuft, Gereon

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Meinolf Peters ist ein in der ambulanten und stationären Behandlung Älterer sehr erfahrener psychoanalytischer Psychotherapeut. Geboren 1952, gibt er sich und seinen Lesern einleitend Rechenschaft über seine Verbindungen zum Thema Flucht und Vertreibung. Sein lesenswertes Buch bietet fundiertes Zahlenmaterial, ein umfangreiches Literaturverzeichnis und eine Sammlung bewegender Lebens- und Behandlungsberichte von Menschen mit Flucht- und Vertreibungserfahrungen.

Zunächst waren es jüdische Mitbürger, Menschen aus Polen, der Ukraine, Weißrussland und Russland, die vertrieben wurden oder flüchten mussten, bevor Deutsche dieses Schicksal erlitten: historisches Wissen in der Psychotherapie Älterer ist unabdingbar. Bis 1948 wurden infolge der neuen politischen Verhältnisse weitere Millionen vertrieben, denen im Westen neben zum Teil unsäglichen Lebensbedingungen auch offener Fremdenhass entgegenschlug. Die Diktion mancher Parolen aus diesen ersten Nachkriegsjahren erinnern fatal an die fremdenfeindlichen Parolen von 2018.

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Stark sind die kritische Diskussion einer Ausweitung des Traumabegriffs und die differenzielle Sicht auf die komplexen Erfahrungen Geflüchteter und Vertriebener. Da die Flucht nach Studien im Schnitt 15 Monate dauerte und durchschnittlich fünf im engeren Sinne potenziell traumatische Ereignisse erlebt wurden, sind zum tieferen Verständnis der Betroffenen Konzepte wie das kumulative Trauma (M. Khan 1963), das sequenzielle Trauma (H. Keilson 1979), das die Lebensumstände im Anschluss an potenziell traumatische Ereignisse mit in den Blick nimmt, sowie das Konzept von Bindungssystemtraumata (F. Ruppert 2002) ebenso hilfreich wie die Diskussion von Resilienzfaktoren.

Neben zahlreichen Selbstzeugnissen und Behandlungsberichten Betroffener, wird eine Behandlungsgeschichte besonders intensiv dokumentiert. Aus ihr leitet der Autor viele auch praktisch-klinische Empfehlungen ab. So macht er den kreativen Vorschlag, bei der Anmeldung eines Patienten weniger auf dessen Alter als auf das Geburtsjahr zu sehen.

Das Buch ist für Ärzte und Psychologische Psychotherapeuten, die mit Älteren arbeiten, eine Pflichtlektüre, kann darüber hinaus aber auch jedem an der Thematik Interessierten und Betroffenen sowie den heute erwachsenen Kindern und Enkeln als „Lesebuch“ empfohlen werden, um sich selber oder die eigenen Eltern oder Großeltern besser verstehen zu können. Gereon Heuft

Meinolf Peters: Das Trauma von Flucht und Vertreibung. Psychotherapie älterer Menschen und der nachfolgenden Generationen. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2018, 224 Seiten, gebunden, 30,00 Euro

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