ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2019Bindungstraumata: Bereicherndes für die vielfältigen Herausforderungen

BÜCHER

Bindungstraumata: Bereicherndes für die vielfältigen Herausforderungen

PP 18, Ausgabe Januar 2019, Seite 38

Kattermann, Vera

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Behandlung von Traumatisierungen ist und bleibt im psychotherapeutischen Alltag eine der herausforderndsten Aufgaben – und die Herangehensweisen hierfür sind äußerst vielfältig. Das ist auch gut so, denn chronische Beziehungstraumatisierungen in der frühen Kindheit etwa können ganz andere Behandlungszugänge erfordern als etwa ein einmaliger sexueller Übergriff in der frühen Adoleszenz. Gerade erstere können in ihren Auswirkungen in psychoanalytischen Langzeittherapien gut behandelt werden und dann sind klare theoretische Erklärungsmodelle notwendig. Denn es erfordert ein feines Gespür und seelische Präzision für den richtigen Zeitpunkt von Interventionen und Deutungen.

In dem Aufsatzband wird die spezifische Qualität der seelischen Verwüstungen diskutiert, die durch Bindungstraumata angerichtet werden. Es gilt, die brüchige, teilweise sogar verwüstete Qualität der seelischen Innenwelten zu verstehen, in denen sich Hoffnung, Vertrauen und Ich-Strukturen erst wieder herstellen und stärken müssen, bevor das Ich seine integrative und steuernde Aufgabe übernehmen kann. Die Beiträge der insgesamt sieben Psychoanalytiker des Bandes diskutieren unter anderem die rigide Spaltung von Opfer- und Täterrepräsentanzen, die bei Traumatisierten meist anzutreffen ist. Die Erfahrung als Opfer von physischer oder seelischer Gewalt konfrontiert mit Hilflosigkeit, Ohnmacht und Wut. Doch wie wird diese Erfahrung nun innerseelisch aufgenommen und verarbeitet? Gibt es bereits Fantasien über ein bösartig-verfolgendes Gegenüber? Wie verhalten sich dann äußere Realität und innerseelische Fantasie zueinander? Die einzelnen Autorinnen und Autoren divergieren in der Meinung darüber, in welches Verhältnis äußere Realität und innere Fantasiewelt zu bringen sind – jeweils mit eindrücklichen Fallbeispielen und nachvollziehbaren Argumenten. Vielleicht lässt sich ihre Kontroverse dahingehend auflösen, dass es vor allem eine Frage des richtigen Zeitpunkts in der Behandlung ist, inwiefern eher die äußere Realität als Opfer oder damit verbundenen inneren Fantasien zu klären, zu konfrontieren und zu bearbeiten sind. Wichtiger als diese Frage erscheint aber – und darin scheinen sich alle Beiträge einig –, dass wir von einer Beschädigung der inneren Objektwelt der Traumatisierten durch Hass und Lebensfeindlichkeit ausgehen müssen. In Behandlungen erfahren wir immer wieder, wie hartnäckig innere Anteile oder Repräsentanzen darin sein können, den aus dem Trauma resultierenden Hass gegen die Welt und ebenso gegen das Selbst zu konservieren und diesen Hass masochistisch gegen sich und sadistisch gegen andere zu richten. Solange diese Dimension der seelischen Beschädigung nicht erkannt, benannt und bearbeitet wurde, dürfte die Integration der traumatischen Erfahrung unvollständig bleiben.

Anzeige

Perspektivisch geht es also darum, dass der Patient Schuld gegen den Täter zuschreiben kann, zugleich aber auch eigene Aspekte schuldhafter Wiederholungen von Lebensfeindlichkeit auszuhalten und anzuerkennen vermag. Erst dann wird möglich, was analytisch auch „Fähigkeit zur Wiedergutmachung“ genannt wird. Und dafür braucht es die Erfahrung eines beteiligten, liebevoll-warmherzigen therapeutischen Gegenübers, das sich nicht fürchtet, auch die schwierigen Beziehungsfolgen traumatischer Bindungserfahrungen zu fokussieren.

Der Band zeigt ein breites Spektrum möglicher Verständnis- und Bearbeitungszugänge auf und ist damit eine wertvolle Bereicherung im Nachdenken über die spezifischen Herausforderungen in der Behandlung von bindungstraumatisierten Menschen. Vera Kattermann

Esther Horn, Heinz Weiß (Hrsg.): Trauma und unbewusste Phantasie. Brandes & Apsel, Frankfurt a. M. 2018, 168 Seiten, kartoniert, 19,90 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema