ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2019Traumatisierung in der DDR: Zeugnis der Aufarbeitung von erlittenem Unrecht

BÜCHER

Traumatisierung in der DDR: Zeugnis der Aufarbeitung von erlittenem Unrecht

Steger, Florian

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die politisierten Akteure der DDR haben sich im Dienst der SED-Diktatur zu gravierenden Grenzüberschreitungen gegenüber Menschen verleiten lassen. Gleich zu Beginn dieser Monografie geht der Psychotherapeut Karl-Heinz Bomberg darauf näher ein, dass je nach Resilienz dieses erlittene Unrecht bei Betroffenen mehr oder weniger zu unmittelbaren Traumatisierungen und daraus resultierend zu psychischen Folgestörungen geführt hat. Auch den Zusammenhang zwischen politischer Traumatisierung und Psychotraumatologie thematisiert der heute in Berlin arbeitende Autor näher.

„Verborgene Wunden“ sind auch heute Merkmal vieler Betroffener. Bomberg, der selbst in politischer Haft war, schildert, welche unterschiedlichen Wege der Traumabewältigung oder Näherung hieran hier zur Verfügung stehen. Dabei spannt er für die „heilenden Wunden“ den Bogen von psychotherapeutischen Ansätzen bis zur Aktivierung kreativ-künstlerischer Ressourcen. Ob eine Heilung wirklich möglich ist, greift der Autor selbst kritisch auf. Künstlerisches Schaffen – Bomberg selbst textet und singt eindrucksvoll Lieder – und der Humor können dabei eine tragende Rolle einnehmen.

Besonders wertvoll ist Bombergs Ansatz, die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen. Dabei tritt er selbst in doppelter Rolle als Betroffener und als mutiger Bewältiger auf. Auch die Perspektive der Transgeneration, hier erneut sehr persönlich, nimmt der Arzt in den Blick. So stehen im Zentrum des Buches zahlreiche Fallbeispiele, die jedes für sich sehr berühren und zugleich beeindruckend sind; auch Bilder, Gedichte und Liedtexte finden sich hier. Damit stehen die Ausdrücke, die Stimme der Betroffenen im Mittelpunkt, von Bomberg sorgsam kommentierend begleitet, werden öffentlich sichtbar und bekommen einen Ort der Erinnerung zugestanden.

Bombergs „Heilende Wunden“ haben bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Denn es ist ein sehr persönliches Buch von ihm, seiner Familie, von Wegbegleitern sowie Patientinnen und Patienten. Dieser Mut sollte im positiven Sinn infizieren, mich hat er einmal mehr gestärkt, mit der Aufarbeitung des in der DDR begangenen Unrechts, gerade auch in der Medizin, weiterzumachen. Es liegt hier ein wertvolles Zeugnis der Aufarbeitung diesen Unrechts und des Umgehens mit den gravierenden Folgen der SED-Diktatur vor. Durch die Einbindung von künstlerischen Reaktionen auf das erlittene Unrecht – und dies sowohl schriftlich als auch bildlich – bekommt dieser Weg der Aufarbeitung politischer Traumatisierung in der DDR einen eigenen Stil und unterstreicht noch einmal mehr den sehr persönlichen Charakter des bedeutenden Werks. Florian Steger

Karl-Heinz Bomberg: Heilende Wunden. Wege der Aufarbeitung politischer Traumatisierung in der DDR. Psychosozial-Verlag, Gießen 2018, 245 Seiten, kartoniert, 24,90 Euro

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote