ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2019Narzissmus: Alle relevanten psychodynamischen Theoriebildungen

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Narzissmus: Alle relevanten psychodynamischen Theoriebildungen

PP 18, Ausgabe Januar 2019, Seite 41

Maier, Christian

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Wenn man in irgendeinem klinischen Kontext davon sprechen hört, ein Patient habe eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, ist vorsichtige Zurückhaltung angesagt. Es handelt sich um eine Aussage, bei der man nicht weiß, welche Kriterien der Therapeut bemüht oder ob es sich bei dieser Diagnose möglicherweise um eine Gegenübertragungsreaktion handelt – bei einem Patienten, der sich dem vorgegebenen Setting nur widerwillig fügt, oder vielleicht um einen, der beim Diagnostiker nur geringe Sympathiewerte erzielen konnte. Letzteres fehlt selten. Weil also in der Diagnostik von narzisstischen Störungen der wissenschaftliche Ansatz nicht immer das letzte Wort hat, darf man dankbar sein, wenn in einem gut lesbaren Buch in kompakter Form alles Wesentliche zusammengefasst erscheint.

Hans-Peter Hartmann gelingt es in diesem schmalen Band, die relevanten psychodynamischen Theoriebildungen und die daraus ableitbaren therapeutischen Haltungen in sehr verständlicher Weise darzustellen. Es bleibt nicht bei Freud, Kohut, Klein oder Kernberg, sondern Béla Grunberger, Ferenczi, Balint und Winnicott kommen zu Wort. Auch der mit der psychoanalytischen Literatur vertraute Leser wird den einen oder anderen neuen Fakt entdecken. Und der Kliniker wird – auch in Abgleich mit ICD und DSM – die notwendigen Kriterien finden, um über die Phänomenologie seinen diagnostischen Ansatz überprüfen und vielleicht auch neu überdenken zu können. So wichtig nun auch die phänomenologische Darstellungsweise ist, so bietet sie selbstredend dem Psychodynamiker Anlass für Kritik, die sich erwartungsgemäß bei den wenigen Fallvignetten einstellt. Man kann sich nämlich schon fragen, inwieweit die narzisstisch daherkommende Problematik nicht sekundär (beispielsweise im Fall C. infolge von Verlustangst) durch eine Verwerfung aggressiver Regungen zustande kommt. Und generell: Affiziert nicht jede seelische Störung die Selbstwertregulation? Eine letzte Kritik, die sich an die gegenwärtige psychodynamische Psychologie richtet: Wenn von „männlichem“ und „weiblichem“ Narzissmus gesprochen wird, dann fordert eine solche Unterteilung geradezu den soziologischen Blick auf die gesellschaftlichen Bedingungen. Die immer weiter sich vertiefende entwicklungspsychologische Perspektive allein greift beim Thema Narzissmus notwendigerweise zu kurz. Christian Maier

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Hans-Peter Hartmann: Narzissmus und narzisstische Persönlichkeitsstörungen, Reihe: Psychodynamik kompakt. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018, 84 Seiten, kartoniert, 10,00 Euro

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