ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2019Physiologische Frühgeburtlichkeit: Hervorragende Zusammenschau kultureller Evolution

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Physiologische Frühgeburtlichkeit: Hervorragende Zusammenschau kultureller Evolution

PP 18, Ausgabe Januar 2019, Seite 42

Egloff, Götz

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Nicht nur die existenzielle Dimension der vorgeburtlichen Lebenszeit, sondern die evolutionäre Dimension der menschlichen Entwicklung nimmt der Autor in den Blick. Und zwar in der Breite onto- und phylogenetischer Perspektiven, um der menschlichen Psyche samt ihrer Projektionsbereitschaft einen gebührenden Rahmen zu geben. Die physiologische Frühgeburtlichkeit des Menschen haben nicht nur Freud und Rank, sondern in den 1960er-Jahren auch so unterschiedliche Forscher wie Adolf Portmann und Jacques Lacan in den Blick genommen. Die später folgenden Befunde eines Stanislav Grof wurden überlagert von den Drogenexzessen der Epoche und kamen zu Unrecht aus der Mode. Umso erstaunlicher, dass in den letzten Jahren über Fetal Programing, Barker-Hypothese und pränatale Psychologie Forschungsergebnisse zutage treten, die viele der früheren Annahmen zu bestätigen scheinen. Bei aller Kompetenz des Säuglings muss ebenso von menschlicher Unfertigkeit gesprochen werden.

Janus gliedert seinen Band in vier Hauptabschnitte – Grundlagen, Ritual, Literaturbeispiele, Psychodynamik – die das Wechselspiel zwischen Gefühl und Verstand in den jeweiligen Bereichen beleuchten. Hierbei wird Psychisches auf verschiedenen Ebenen deutlich. So liest Janus nicht nur Kulturschöpfungen auf pränataler Ebene, sondern Literatur und Kunst auf onto- und phylogenetische Aspekte hin. Die Freudsche Metapsychologie aus „Totem und Tabu“ von 1913, die auf James George Frazers „Der goldene Zweig“ aus dem Jahr 1890 zurückgreift, wird in pränatalen Kontext gestellt und einer Neubewertung unterzogen. Dieser eindrucksvolle Rahmen ist geeignet, um Affektivität und Kognition wieder zusammenzubringen. Für die therapeutische Praxis heißt das auch, überindividuelles Verstehen nutzbar zu machen.

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So wie es lohnenswert ist, die Kuppel einer Moschee einmal von innen zu betrachten, um dort die Plazenta wiederzuentdecken, oder die Nabelschnursymbolik in fernöstlichen Kulturschöpfungen zu erkennen, kann für manch psychotherapeutischen Prozess die Lektüre des Bandes hilfreich sein. Auch sonst stellt er eine knappe, doch hervorragende Zusammenschau kultureller Evolution dar, wie diese psychischen Niederschlag im Menschen findet. Joel Whitebook hat einmal das vorsoziale Selbst als subsozial beschrieben, um die Dynamik des Subjektivierungsprozesses zu verdeutlichen; wer dies nachvollziehen will, dem kann der Band anempfohlen werden. Götz Egloff

Ludwig Janus: Homo foetalis et sapiens. Das Wechselspiel des fötalen Erlebens mit den Primateninstinkten und dem Verstand als Wesenskern des Menschen. Mattes Verlag, Heidelberg 2018, 193 Seiten, kartoniert, 24,00 Euro

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