ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2019Trauerreisen: Den Verlust verarbeiten

KULTUR

Trauerreisen: Den Verlust verarbeiten

PP 18, Ausgabe Januar 2019, Seite 43

Klinkhammer, Gisela

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Menschen, die einen schweren Schicksalsschlag erlitten haben, sollen auf einer gemeinsamen Reise lernen, ihre Trauer anzunehmen und sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Foto: JFL Photography/stock.adobe.com
Foto: JFL Photography/stock.adobe.com

Reisen war schon immer Martin Saes’ große Leidenschaft. „Bis heute habe ich mehr als 70 Länder besucht“, sagt der gebürtige Niederländer und Wahlkölner, der als professioneller Reisebegleiter sein Hobby zum Beruf gemacht hat. Sein ehrenamtliches Engagement in der Hospizarbeit und Sterbebegleitung brachte ihn auf die Idee, sein Reiseangebot auf Menschen auszuweiten, die um einen nahen Angehörigen trauern oder einen anderen herben Schicksalsschlag zu verwinden haben.

Zusammen mit seiner Geschäftspartnerin Sabine Wanner, einer ausgebildeten Trauerbegleiterin, bietet Saes einwöchige Reisen für kleine Gruppen von acht bis 16 Trauernden an. „Wir wollen es den Menschen ermöglichen, über ihre Gefühle zu sprechen, ihre Trauer vielleicht sogar zu verarbeiten und sich gleichzeitig geborgen zu fühlen“, erklärt Saes. Die Reiseziele sind jeweils in zwei bis drei Stunden von Köln aus zu erreichen.

Anzeige

Der Tag beginnt für die Reisenden mit einem Impuls, der sie dazu bewegen soll, sich mit ihrer Trauer auseinanderzusetzen. Wanner und Saes stellen dazu Fragen wie: „Lasse ich mir gern helfen? Fühle ich mich schuldig? Welche Gefühle trage ich noch mit mir herum?“ Im Vordergrund steht auch bei Ausflügen und Wanderungen nicht die Ablenkung, sondern die Beschäftigung mit der eigenen Trauer und der Verlusterfahrung. „Natürlich wird auf den Reisen auch gelacht“, sagt Saes. Wichtig sei jedoch, dass die Reisenden sich über ihre Erfahrungen austauschen und über alles reden könnten, ohne dass es von anderen kommentiert oder bewertet werde. Die Tage enden jeweils mit einer Abendreflexion, bei der die Teilnehmer erzählen, was der morgendliche Impuls bewirkt hat, wie sie den Tag empfunden haben und was ihnen möglicherweise klar geworden ist.

„Wichtig ist auch, dass die Teilnehmer verstehen, dass Trauern etwas ganz Normales ist. Trauern ist nicht krank und es kann dauern“, betont Wanner. Sie kritisiert in diesem Zusammenhang, dass in der Neuauflage der amtlichen Diagnosenklassifikation, der ICD 11, die voraussichtlich noch 2018 erscheint, zum ersten Mal die „Anhaltende Trauerstörung“ als psychische Erkrankung aufgeführt werden soll.

„Ich frage mich bei trauernden Menschen immer: Wo sind ihre Kraftquellen? Wie können sie ihre Trauer ausdrücken?“, sagt Wanner. Sie habe einmal eine Frau begleitet, die von sich sagte: „Die Trauer sitzt fest in mir. Ich finde keine Worte für sie.“ Jetzt suchten sie gemeinsam nach einer Ausdrucksform. Die Frau habe begonnen zu malen und versuche, sich mithilfe von Tai Chi zu öffnen. Schwierig sei es jedoch oft, Eltern in die Reisegruppen zu integrieren, die ein Kind verloren hätten. Um diesen besonderen Verlust aufzufangen, seien spezielle Angebote nötig. Doch mit ihren Reisen wenden sich Wenner und Saes nicht nur an trauernde Hinterbliebene. Dazu Saes: „Man kann ja auch trauern, wenn man vom Partner verlassen wird, seinen Arbeitsplatz verliert oder wenn das Haus abbrennt. Es geht dabei immer ums Abschiednehmen und ums Loslassen.“ Gisela Klinkhammer

Informationen: www.trauernundreisen.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema