ArchivDeutsches Ärzteblatt26/1996Psychosomatische Aspekte des chronischen komplexen Tinnitus

MEDIZIN: Zur Fortbildung

Psychosomatische Aspekte des chronischen komplexen Tinnitus

Fichter, Manfred; Goebel, Gerhard

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LNSLNS Bei Auftreten eines akuten Tinnitus sollte umgehend ein HNO-Arzt konsultiert werden. Ein chronischer Tinnitus erweist sich allerdings häufig als resistent gegenüber rein somatischen Therapieansätzen. Patienten mit einem chronischen komplexen Tinnitus können durch eine verhaltensmedizinische Behandlung eine Besserung erfahren. Dabei werden medizinische und psychologisch-therapeutische Verfahren kombiniert eingesetzt. Zahlreiche Patienten mit chronischem dekompensiertem Tinnitus haben einen hohen Leidensdruck, zumal wenn zusätzliche Belastungen auftreten oder zusätzliche psychiatrische Diagnosen (zum Beispiel Depression, Angsterkrankung) oder dysfunktionale Bewertungsmuster bestehen.


Das Symptom Tinnitus ist in der Bevölkerung von Industrienationen weit verbreitet. Epidemiologische Erhebungen zeigen, daß bis zu 45 Prozent der Menschen irgendwann im Leben Ohrgeräusche ohne äußere Ursache haben (34, 43); etwa 8 Prozent der Bevölkerung sind von dem chronischen Ohrgeräusch betroffen, und bei 0,5 bis 1 Prozent der Erwachsenen stellt der Tinnitus eine einschneidende, schwere und chronische Beeinträchtigung der Lebensqualität dar. Tinnitus findet sich vergleichsweise häufiger mit zunehmendem Alter, mehr links- als rechtsseitig und ist überwiegend mit einem Hörverlust mit ähnlichem Frequenzspektrum verbunden. Meist bestehen hochfrequente Geräusche (Pfeifen, Rauschen, Summen, Zischen). Es wird unterschieden zwischen akutem und chronischem, subjektivem (nur vom Patienten wahrnehmbar) und objektivem (medizinisch objektivierbar), sowie kompensiertem und dekompensiertem (auch komplexem) Tinnitus. In dieser Arbeit beschränken wir uns ausschließlich auf chronischen, komplexen, (dekompensierten) subjektiven Tinnitus und verweisen bezüglich des akuten Tinnitus auf Feldmann (1992), Preyer und Bootz (1995) und andere einschlägige Literatur (47). Mögliche Ursachen für die Entstehung eines Tinnitus sind sehr unterschiedlich. Tinnitus erfordert eine detaillierte HNO-ärztliche Abklärung mit spezifischer Tinnitusanamnese (Art, Dauer, Lautheit, Belästigungsgrad, Maskierbarkeit, Medikamentenanamnese), otologischer Diagnostik mit allgemeiner Ton- und Sprachaudiometrie, überschwelliger Hörprüfung, Tinnitusanalyse, Vestibulometrie und gegebenenfalls otologischer beziehungsweise neurologischer Diagnostik (Impedanz-Prüfung, Brainstem Electric Response Audiometry [BERA], otoakustische Emissionen [wie Ausschluß eines Akustikusneurinoms]). Gegebenenfalls müssen eine weiterführende internistische Diagnostik, Funktionsdiagnostik von Halswirbelsäule (HWS) und Kiefergelenken, Allergiediagnostik und psychiatrische Exploration erfolgen. Ein Tinnitus-Fragebogen (13) und ein strukturiertes Interview (15, 21) können die Informationserhebung erleichtern und vertiefen.


Ätiologische und pathophysiologische Modelle
In den meisten Veröffentlichungen dazu werden für die Tinnitusentstehung traumatische, toxische oder auf andere Weise hervorgerufene Schäden der Haarzellen in der Cochlea (diskrepantes Ausmaß des Schadens in äußeren beziehungsweise inneren Haarzellen der Cochlea, Elektrolytimbalance der Endolymphe et cetera) angenommen. Die Cochlea ist allerdings nur ein kleiner Teil unseres hochkomplexen Hörorgans. Jastreboff und Hazell (1993) hoben hervor, daß man sich "Tinnitus nicht vorstellen darf als eine Wahrnehmungsstörung von Signalen, die von einem einzigen, klar lokalisierbaren Generator stammen", und sie "weisen eine simplifizierte Klassifikation des Tinnitus, basierend auf dem mutmaßlichen Generator oder angenommener Ätiologie zurück".
Vergegenwärtigt man sich die neurophysiologische Differenziertheit des Hörorgans (29, 37, 10) sowie die äußerst komplexen, teils gekreuzten, teils ungekreuzten neuronalen Schaltungen auf den verschiedenen Ebenen sowie die Funktionen der beidseits vorhandenen neuronalen Kerne und Strukturen (Ncl. cochlearis, Olivenkerne, Ncl. corpus trapezoides, Ncl. lemnisci lateralis, Ncl. colliculi inferioris, Ncl. corporis geniculati medialis, primäre Hörregionen und weitere Kortex-Areale wie Wernickes Sprachzentrum, limbischer Kortex), so ist eine rein "periphere" Theorie des Tinnitus kaum haltbar. Grafik 1 zeigt lediglich die wesentlichen afferenten neuronalen Bahnen (blau); die efferenten Bahnen (gelb), die erst die komplizierten Rückkoppelungsmechanismen deutlich werden lassen, sind nur kursorisch angedeutet. Auch bei Patienten, bei denen ursprünglich eine klar lokalisierte, periphere (zum Beispiel cochleäre) Läsion vorlag, erfolgt im weiteren Verlauf eine komplexe Regulation auf diese Schädigung hin. Berichte über den mangelnden Erfolg von Operationen (4) an zunehmend zentralen Stellen (Zerstörung der Cochlea, Labyrinthektomie, Durchtrennung des Hörnerven) bestätigen die These, daß sowohl periphere als auch zentrale Stellen in enger Interaktion für Genese und Chronifizierung von Tinnitus relevant sind. Analog zum Phantomschmerz können zentrale Repräsentationen von peripheren Wahrnehmungen weiterbestehen, auch wenn die peripheren Rezeptoren ausgeschaltet sind. Für das Verständnis verhaltensmedizinischer Therapieansätze ist diese Grundkonzeption von wesentlicher Bedeutung. Auch das Gehirn eines erwachsenen Menschen hat eine beträchtliche Plastizität. Damit besteht bei lokalen Schädigungen durch entsprechende Therapie die Möglichkeit, daß zentrale Neurone neue Funktionen übernehmen. Entwicklungen zur Therapie chronischer Schmerzsyndrome haben die Konzepte der verhaltensmedizinischen Behandlung von chronischem Tinnitus befruchtet.
Nach dem neurophysiologischen Modell des Tinnitus von Jastreboff und Hazell lassen sich drei sequenzielle Stufen für die Tinnitusentstehung unterscheiden: 1. Generierung entsprechender akustischer beziehungsweise elektrischer oder chemischer Reize, 2. Detektion dieser neuronalen Signalaktivität und 3. Wahrnehmung und Evaluation. Eine bedeutsame Rolle für die Entwicklung von Maskierungs- und Habituierungs-Geräten spielen die Stufen der Generierung und Detektion. Neueren Ergebnissen zufolge scheint eine längerfristige Beschallung von tinnitusgeplagten Ohren mit weißem Rauschen günstig zu wirken. Weißes Rauschen interferiert mit den Mustererkennungsprozessen im Gehirn stärker als zum Beispiel ein Sinuston, und es macht es für das ZNS schwieriger, das Tinnitussignal von neuronaler Hintergrundaktivität zu separieren (20, 25, 26, 27, 28, 40). Die dritte Stufe der genannten Sequenz (Wahrnehmung und Evaluation) ist für kognitivverhaltenstherapeutische Interventionsstrategien von besonderer Bedeutung.
Grafik 2 stellt ein Modell für die Interaktion somatischer und psychologischer Faktoren für die Entstehung und Behandlung von chronischen komplexem Tinnitus dar. Verschiedene Faktoren wirken bei der Tinnitusentstehung von Fall zu Fall in unterschiedlicher Gewichtung zusammen: 1. somatische Faktoren, die zu einer otologischen Schädigung führen, 2. externe Belastungen und 3. psychologische Belastungen und Grundhaltungen, die eine Symptomverarbeitung erschweren. Bei Weiterbestehen der für die Entstehung des chronischen dekompensierten Tinnitus relevanten Faktoren kann sich ein Circulus vitiosus ergeben, der eine Besserung erschwert oder verunmöglicht. Am Rand der Grafik 2 sind therapeutische Ansatzmöglichkeiten angegeben.


Aspekte zur Konzeptualisierung der Therapie
« Patienten mit chronischem komplexem Tinnitus stellen eine crux medicorum dar (7); es besteht das Problem, daß bei den chronisch beeinträchtigten Patienten das Symptom nur subjektiv (von anderen also nicht wahrnehmbar) besteht und der Betroffene sich schnell in seiner Glaubwürdigkeit hinterfragt sieht, unter Rechtfertigungsdruck kommt und sich Interaktionsprobleme mit Arzt, Bekannten und Freunden ergeben (14). Der empfindlich gewordene Patient fühlt sich von einem unter Zeitdruck stehenden Arzt, der mit gängigen medizinischen Verfahren das chronische und belastende Leiden nicht beheben kann, schnell unverstanden, abgewimmelt und im Stich gelassen. Nicht selten sucht er in seiner Enttäuschung und Verzweiflung zahlreiche Ärzte sowie unter Inkaufnahme erheblicher finanzieller Eigenbeteiligung auch Heilpraktiker und alternative Angebote auf.
Ein auf mechanistische Zusammenhänge reduziertes Bild von Körper und Psyche erschwert es für Arzt und Betroffenen, die im Einzelfall recht komplexen Zusammenhänge erfassen und verstehen zu können. Ein mehrdimensionales Entstehungs- und Behandlungskonzept ermöglicht eine konstruktive Aktivierung des Betroffenen und seine aktive Mitarbeit bei psychologischen Krankheitsbewältigungsansätzen. Für die Therapie bei chronischem komplexem Tinnitus ist nicht primär Ursachenforschung, sondern das Finden therapeutischer Zugangs- und Änderungsmöglichkeiten angesagt. Patienten mit chronischem Tinnitus haben sich vielerorts informiert, und der Arzt ist gut beraten, selbst präzises und aktuelles Wissen sowie Erfahrung zu haben (39).
­ Empirischen Belegen zufolge (41) haben Patienten mit chronischem Tinnitus ein höheres Maß an sozialer Belastung, ein vermindertes Maß an sozialer Unterstützung, ein häufigeres Vorliegen von funktionellen Beschwerden, und sie fühlen sich vergleichsweise gestreßt und lebensunzufrieden. So wie Menschen unterschiedlich auf das "Summen einer Mücke" reagieren, so unterscheiden sie sich auch in ihren Reaktionen auf eine körperliche Erkrankung oder ein Symptom wie Tinnitus. Hier spielen Grundhaltungen und Vorerfahrungen eine Rolle. Ein Gefühl des Ausgeliefertseins und der Hilflosigkeit gegenüber der Belästigung durch Tinnitus kann entstehen. Risikofaktoren für eine ungünstige Krankheitsverarbeitung dürften sein: ein hohes Ausmaß an eigenem Kontrollbedürfnis, "Kopf"-Bezogenheit im Umgang mit Problemen und Typ-Aähnliche Grundmuster (Ungeduld, Hektik, Zeitdruck, Perfektionismus, Anspruchsniveau). Auch können psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angsterkrankungen bestehen oder in der Folge auftreten und den weiteren Verlauf des Tinnitus ungünstig beeinflussen.
® Eigene Untersuchungen haben gezeigt, daß Patienten, die wegen eines chronischen komplexen Tinnitus Behandlung in einer psychosomatischen Klinik suchten, ein hohes Ausmaß an psychiatrischer Komorbidität aufwiesen. Für eine Stichprobe von 155 Patienten (65 Prozent Männer, 35 Prozent Frauen) mit einer mittleren Krankheitsdauer von 5,8 Jahren, die sich über eine Dauer von etwa acht Wochen einer Therapie in der Klinik Roseneck unterzogen, ergab sich folgendes Bild: 85,8 Prozent der Tinnituspatienten wiesen neben dem Tinnitus eine oder mehrere psychische Erkrankungen (inklusive chronischer Schmerzsyndrome) nach den operationalen amerikanischen Kriterien zur Klassifikation psychischer Erkrankungen (DSM-III-R) auf. Im wesentlichen handelt es sich um affektive Erkrankungen, Angststörungen, chronische Schmerzsyndrome. Nur 14,2 Prozent zeigten keine psychiatrische Komorbidität.


Verhaltensmedizinische Behandlung
In der Verhaltensmedizin werden Ansätze der Medizin und der Verhaltenswissenschaften in interdisziplinärem Zusammenwirken integriert und empirisch untersucht (18, 42). Bezüglich der Therapie von chronischem komplexem Tinnitus sind in der Tabelle und im folgenden Text vier teils mehr medizinisch, teils mehr psychologisch ausgerichtete Behandlungsbereiche dargestellt: 1. medizinischer Bereich, 2. psychophysiologischer Bereich, 3. kognitiv-emotionaler Bereich und 4. interaktionaler Bereich. Die in der Tabelle dargestellten therapeutischen Ansätze auf mehreren Ebenen für chronischen komplexen Tinnitus werden im folgenden kurz erläutert.


Medizinischer Bereich
Apparativ-akustische Maskierung: Mehrere Wege der Entwicklung von Möglichkeiten für eine externe Stimulation des äußeren Ohres, Mittelohres, Innenohres oder Hörnerven wurden entwickelt: 1. Hörgeräte zur Verbesserung der sprachlichen Kommunikation können zu einer Maskierung des Tinnitus beitragen; 2. Masker: Anders als das Hörgerät dient der Masker nicht der Verstärkung von Schallsignalen der Umwelt (zum Beispiel Sprache), sondern er generiert im Ohr selbst Töne oder Geräusche, die den Tinnitus gegebenenfalls verdecken können. Neueste Entwicklungen gehen nicht von dem Verdeckungsprinzip eines sogenannten Maskers aus, sondern vom Konzept der Habituierung relevanter neuronaler Strukturen auf den Tinnitus bei Anwesenheit von weißem Rauschen. Jastreboff in Baltimore, Hazell in London und andere wissenschaftliche Arbeitsgruppen zum chronischen Tinnitus empfehlen in jüngster Zeit den Einsatz von "white noise"Generatoren zur langfristigen Tinnitushabituation; 3. Tinnitusinstrument als eine Kombination von Hör- und Maskierungsgerät ("Kombi-Masker"); 4. Mit der Methode der transtympanalen Elektrostimulation (zum Beispiel Cochleaimplantat) können die Stimulationen innenohrnäher verabreicht werden. Letzteres sollte Patienten mit einer an Taubheit grenzenden Schwerhörigkeit vorbehalten sein. Medikamentöse Therapie des chronischen Tinnitus: Die verschiedenen pharmakologischen Substanzen haben nur kurzfristige Wirkung und sollten daher auch nur begrenzt (bis sechs Monate) eingesetzt werden. Antikonvulsiva (wie Carbamazepin) und Antidepressiva (Amitriptylin, Nortriptylin) wurden mit mäßigen Erfolgen – bisher allerdings kaum in größeren empirisch kontrollierten Studien – evaluiert (35). Manualtherapie und andere Ansätze: In mehreren Kasuistiken wurde ein Zusammenhang zwischen pathologischen HWS-Veränderungen und Tinnitus aufgezeigt; eine Beseitigung funktionaler Blockierungen einzelner HWS-Segmente durch Manualtherapie führte zumindest beim frischen Tinnitus zu einer Besserung (1, 2). Sonstiges: Eine Vielzahl von Therapien wurde versucht, die meisten davon nur bei akutem Tinnitus mit gewissem Erfolg, wie Hydroxy-ethylstärke(HES-)Infusionen oder eine hyperbare Sauerstofftherapie. Die Wirksamkeit von Akupunktur, naturheilkundlicher Verfahren, verschiedener Arten von Musik- oder Klangtherapie, diätetischer Verfahren und zahlreicher von Außenseitern empfohlener Medikamente sind hinsichtlich ihrer Wirksamkeit empirisch nicht ausreichend untersucht.


Psychophysiologischer Bereich
In diesem psychophysiologischen Bereich können Entspannungsverfahren (wie Progressive Muskelentspannung oder Autogenes Training) und mit Biofeedback unterstützte gezielte Entspannungen einzelner Muskeln oder Muskelgruppen (zum Beispiel M. masseter bei Myoarthropathie der Kiefergelenke) nicht nur zu einem Abbau von pathologischen Muskelverkrampfungen und deren Folgen, sondern auch zu einer Entwicklung größerer seelischer Ruhe, Ausgeglichenheit und einer Verminderung des allgemeinen (oft streßbedingt erhöhten) "arousal" führen (5).
Kognitiv-emotionaler Bereich Informationsvermittlung über medizinisch-audiologische Grundlagen, Konzeptionen zur Entstehung von chronischem Tinnitus sowie Beratung über die Möglichkeiten und Grenzen therapeutischer Maßnahmen sind vertrauensbildend für das Arzt-Patient-Verhältnis. Dies kann auch zum Abbau katastrophierender Ängste ("Ich werde verrückt, wenn . . . ") beitragen und praktische Lebenshilfen für den Umgang mit dem chronischen Tinnitus geben (gezielter Einsatz von Aufmerksamkeitslenkung, natürliche Maskierung durch äußere Geräuschquellen). Hilfreich kann die Empfehlung eines Selbsthilfebuches wie das von Tönnies (1991) oder von Hallam (1994) sowie die Nennung der Adresse der seit 1986 sehr aktiven Selbsthilfeorganisation "Deutsche Tinnitus-Liga e. V.", (PF 349, 42353 Wuppertal) sein. Der Patient soll lernen, sich nicht als passives Opfer des Tinnitus, sondern als aktiv im Rahmen der Therapie Mitarbeitenden zu verstehen. Analyse und Änderung dysfunktionaler Kognitionen: Bei Bestehen dysfunktionaler oder irrationaler Werthaltungen und Überzeugungen (zum Beispiel bezüglich Themenbereichen, wie Recht versus Gerechtigkeit, Perfektionismus, "ein Indianer kennt keinen Schmerz", "Alles - Oder - Nichts - Denken") werden irrationale oder dysfunktionale Aspekte herausgearbeitet und für Alter und Lebenskontext sinnvolle Grundhaltungen entwickelt und bestärkt. Meist wird der Tinnitus als "Feind" gesehen, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt. Bei einer ingesamt chronischen Erkrankung ist als Ziel allerdings sinnvoller, den Tinnitus in das Leben zu integrieren (12).
Wenn eine Störung in Wahrnehmung und angemessenem Ausdruck eigener negativer wie positiver Gefühle besteht (wie übermäßig rational, "Kopfmensch", Unterdrückung eigener Bedürfnisse und Emotionen), ist es wichtig, Wahrnehmung und Ausdruck von Gefühlen gezielt in Einzel- oder Gruppensitzungen zu fördern. Die traditionellen Persönlichkeitstests (wie Minnesota Multiphasic Personality Inventory [MMPI], Freiburger Persönlichkeitsinventar [FPI]) sind zu allgemein, als daß damit eine "Tinnitus-Persönlichkeit" verifizierbar wäre. Allerdings zeigen klinische Erfahrungen in der stationären Psychotherapie von Patienten mit chronischem komplexen Tinnitus eine Häufung bestimmter Grundhaltungen, die einer empirischen Analyse bisher wenig zugänglich waren: 1. das Vorliegen eines relativ hohen Kontrollbedürfnisses über das, was mit einem selbst geschieht, 2. eine relativ ausgeprägte "Kopfbezogenheit", 3. eine Schwierigkeit, Verletzungen oder Kränkungen auch emotional und nicht nur über den Kopf zu verarbeiten, 4. Perfektionismus in bestimmten Bereichen, 5. hohe Verantwortungsbereitschaft, 6. Grundhaltung des "Durchhaltenmüssens" sowie 7. einige Typ A-ähnliche Grundmuster (Leben in innerer Unruhe, Hektik und unter Zeitdruck). Hier ist es Ziel, den aufgrund unangemessener Grund- und Werthaltungen erzeugten inneren "selbstgemachten" Streß durch "kognitiv-emotionale Umstrukturierung" zu vermindern. Nicht die Ereignisse selbst, sondern die Bewertung, die wir dazu vornehmen, ist für das Weitere relevant. Der Patient soll idealerweise die Gelassenheit finden, Dinge hinzunehmen, die er nicht ändern kann; den Mut finden, Dinge zu ändern, die er ändern kann, und die Weisheit finden, das eine vom anderen zu unterscheiden!


Interaktionaler Bereich
Streßbewältigung ist im Kontext der modernen Coping-Forschung (33) nicht merkmals-, sondern prozeßorientiert zu sehen. Für die gezielte Induzierung von Bewältigungsprozessen in der Therapie sind emotionale, kognitive, soziale, verhaltensorientierte und physiologische Faktoren zu beachten. Streßbewältigung ist das Ergebnis eines aktiven Wechselspiels (Transaktion) zwischen Betroffenen und Umwelt. Streßbewältigung sollte im Gesamtkontext beurteilt werden als angemessen oder weniger angemessen und nicht als "gut" oder "schlecht". In Therapiegruppen kann die kommunikative Kompetenz verbessert werden. Ein Patient mit sehr hoher sachlicher oder fachlicher Kompetenz kann in spezifischen Situationen (zum Beispiel, wenn es um den situationsangemessenen Ausdruck von Emotionen bei Kränkung oder Verletzung geht) "Kompetenzlücken" haben. Eine Therapie zur Verbesserung der kommunikativen Kompetenz würde dort (zumeist im emotionalen Bereich) ansetzen. Für einige Patienten stehen Entscheidungen an oder sind sozialarbeiterische Hilfen möglich (Belastungserprobung, Berentungsfragen, Umschulung).


Empirische Untersuchungen
Auf empirische Untersuchungen zum medizinischen Bereich wird im folgenden aus Platzgründen nicht
detaillierter eingegangen. Entspannung oder Biofeedback sind nach dem derzeitigen Stand für sich alleine in der Regel kaum ausreichend, aber als ein Therapieteil in einem umfangreicheren Gesamtbehandlungsangebot sinnvoll. Die statistisch signifikante Wirksamkeit ambulanter, kognitiv - verhaltenstherapeutischer Ansätze wurde in Studien aus Schweden (42, 36), in England (23) sowie in Deutschland (32) untersucht und belegt. Kognitiv-verhaltenstherapeutische Anteile spielen auch in unserem stationären Behandlungsprogramm eine bedeutsame Rolle (11, 17). Bis dato wurden etwa 1 200 Patienten mit einem chronischen Tinnitus in der psychosomatischen Klinik Roseneck behandelt. In einer noch laufenden Evaluationsstudie wurden 205 konsekutiv in der Klinik aufgenommene Patienten mit chronischem Tinnitus evaluiert. Grafik 3 zeigt Ergebnisse der Patienten für vier Meßzeitpunkte (1. Anmeldung zur stationären Therapie etwa sechs Monate vor Aufnahme, 2. Aufnahme, 3. Entlassung nach durchschnittlich acht Wochen Behandlung und 4. die ein-Jahres-Katamnese). In dem Eigenwartelisten-Kontrolldesign wurden visuelle Analogskalen (Tinnituslautheit, -unannehmlichkeit, Stimmung, Hilflosigkeit gegenüber dem Tinnitus, allgemeiner Streß), der obengenannte Tinnitus-Fragebogen (TF) sowie Fragebögen zur allgemeinen Psychopathologie (Hopkins Symptom Check-List SCL-90-R [3]) und zur Persönlichkeit (Freiburger Persönlichkeitsinventar [6]) verwandt. Im Verlauf zeigte sich 1. in der Eigenkontroll-Wartelistenphase A von Anmeldung bis Aufnahme eine leichte Verbesserung, 2. in Phase B von Aufnahme bis Entlassung (stationäre Therapiephase) eine für beide Variablen statistisch signifikante und klinisch relevante Verbesserung und 3. im weiteren poststationären Verlauf über ein Jahr eine Stabilität des im Verlauf der Therapie Erreichten insbesondere für "Tinnitusunannehmlichkeit". Ähnlich positive Effekte zeigten sich für Ergebnisse der mittels des Tinnitus-Fragebogens erfaßten "Tinnitusbelastung", die allgemeine Psychopathologie (Symptom CheckList SCL-90-R) und einige Skalen des Persönlichkeitsfragebogens FPI-R (11, 16, 17).


Resümee
Patienten mit akutem Tinnitus sollten umgehend einen HNO-Arzt konsultieren. Eine Indikation für verhaltensmedizinische Behandlung besteht bei einer Subgruppe von Patienten mit chronischem komplexem Tinnitus. Dies betrifft insbesondere Patienten mit zusätzlichen Belastungen und hoher psychiatrischer Komorbidität oder dysfunktionalen Bewertungsmustern und hohem Leidensdruck. Auch wenn eine Heilung für die meisten Patienten mit chronischem Tinnitus nicht möglich ist, kann eine verhaltensmedizinische Behandlung wirkungsvolle Hilfen geben mit dem Tinnitus deutlich besser im Leben zurechtzukommen. Der Tinnitus verliert seine Bedrohlichkeit.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1996; 93: A-1771–1776 [Heft 26]
Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis im Sonderdruck, anzufordern über die Verfasser.


Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Manfred Fichter
Klinik Roseneck
Am Roseneck 6 83209 Prien

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