ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2019Von schräg unten: Tonart

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Tonart

Dtsch Arztebl 2019; 116(3): [88]

Böhmeke, Thomas

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Gleich ob Klassik oder Jazz, Rock oder Pop: Der Ton macht die Musik. Und wir, liebe Kolleginnen und Kollegen, können davon ein Lied singen, wie schwierig es ist, unseren Schutzbefohlenen beizubringen, auf ihren Körper zu hören. Dies ist unsere höchste Kunst, den entscheidenden Ton zu treffen, um die gesundheitlichen Dissonanzen zu einem harmonischen Finale zu geleiten.

Daher sei unsere Sprache so zauberhaft wie ein romantisches Streicherquartett, so sanft wie die Lanugohärchen des Säuglings, so zart wie Zotten des Duodenums. So stellen es sich Lehre und Forschung, Philosophen und Patientenvertreter vor: weg mit der Demut fordernden Doppeldominante und dem schrillen Sforzato, hin zur perlenden Pentatonik. Aber diese sphärischen Gesänge von besagten Elfenbeintürmen gestalten sich in der Praxis bisweilen scheppernd.

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Vor mir sitzt ein älterer Herr in Begleitung seiner unglücklich aussehenden Ehefrau, der sein Leid mit den Arterien klagt. „Herr Doktor, meinem Herz geht es gut, aber mein Fuß nekrotisiert vor sich hin.“ Die klinische Untersuchung bestätigt es: Zwei Zehen sind blauschwarz, am Außenrist habe ich freien Blick auf den Metatarsalknochen. Zahlreiche Narben zeugen vom intensiven chirurgischen Bemühen, die Durchblutung aufrechtzuerhalten. „Ja, das ist mein Unglück, die Bypässe gehen immer zu. Jetzt warte ich einfach ab, bis mir das Bein abfällt.“

Die Duplexuntersuchung zeigt einen Verschluss der Arteria profunda femoris sowie eine filiforme Stenose der Femoralis superficialis, das Blut quält sich mit über fünf Metern pro Sekunde durch die Engstelle. Ein Dopplersignal gleich dem Schrei der Verzweiflung. Diese Stenose könnte man doch dilatieren, oder? „Nein!“ blafft er mich an, „zu diesen Katheterleuten kriegen Sie mich nicht hin!“ Warum das denn? „Das letzte Mal, als ich da war, ging alles schief! An der Anmeldung, auf der Station, bei der Zimmervergabe, da musste ich warten, das hat mich geärgert, dann bin ich gegangen!“

Aha, nur weil es Schwierigkeiten bei der stationären Aufnahme gab, gibt er jetzt sein Bein auf? „Genau! Die Chirurgen haben mich nicht zum Kathetern gekriegt und Sie auch nicht!“ Hm. Ich glaube, ich muss mal die Tonart wechseln. Von mitfühlendem Melodisch-Moll in derbes Dominant-Dur. Nur wegen organisatorischen Problemen in der Klinik macht er sich das Leben zur Hölle?! „Ja!“ Wartet so lange, bis ein feindlich gesonnenes Bakterium ihn in die Sepsis zwingt?! „Ja!“ Sorgt dafür, dass aus einem Kranken­haus­auf­enthalt ganz viele werden? „Ja!“ Malträtiert er sich nicht nur selbst, sondern auch seine gesamte Umgebung, den Hausarzt, seine Kinder, vor allem seine verzweifelte Ehefrau?! „Äh... ja!“

Die Miene Letztgenannter hellt sich zunehmend auf. Ich drehe meinen Kopf zur Seite. Was sieht er, bitte schön? „Eine Glatze auf einem verfluchten Dickschädel!“ Sehr gut! Was noch? „Ein von arroganter Taubheit geschlagenes Ohr!“ Genau! Und wenn ich ihm jetzt befehle, sich unverzüglich zur Dilatation in die Klinik zu begeben, passt als Antwort nur ein einziges kleines Wort in diesen Gehörgang! Die Ehefrau ruft völlig begeistert „Ja!“ und er gibt sich geschlagen.

Eine Woche später sitzen beide wieder vor mir, die Ehefrau genauso glücklich wie er verlegen. Ja, direkt nach der Dilatation ging es ihm schon besser, er kann jetzt wieder laufen, die Wunden heilen zu. Beim Hinausgehen flüstert mir die Ehefrau zu: „Da hatten Sie genau die richtige Tonart getroffen, alles andere versteht er nicht!“

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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