ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2019Definition der Hypertonie: Niedrige Blutdruckschwelle ist nachteilig, sie hat einen Labeling-Effekt

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Definition der Hypertonie: Niedrige Blutdruckschwelle ist nachteilig, sie hat einen Labeling-Effekt

Dtsch Arztebl 2019; 116(3): A-88 / B-74 / C-74

Heinzl, Susanne

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Foto: Racle Fotodesign stock.adobe.com
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Die US-amerikanischen kardiologischen Fachgesellschaften American College of Cardiology (ACC) und American Heart Association (AHA) haben im Jahr 2017 neue Leitlinien veröffentlicht, in denen sie die Hypertonie der Stufe 1 neu definiert haben. Danach gelten nun bereits Personen mit Blutdruckwerten von 130–139 mmHg/80–89 mmHg als manifeste Hypertoniker. In Europa werden diese Werte als noch normal oder hochnormal eingeordnet.

In einer prospektiven epidemiologischen Studie wurde nun untersucht, welche Konsequenzen eine Übertragung dieser neuen US-Klassifikation auf die reale Welt in Deutschland hat (1).

Die Studienpopulation mit 11 603 Teilnehmern (52 % Männer, 48 % Frauen) stammte aus der prospektiven MONICA/KORA-Kohortenstudie. In dieser Gruppe mit einem Durchschnittsalter von 47,2 Jahren litten nach US-Definition 33,7 % an einer Stufe-2-Hypertonie mit Blutdruckwerten über 140/90 mmHg.

Wurden die Personen mit der neuen Stufe-1-Hypertonie zusätzlich berücksichtigt (29,3 %), verdoppelte sich die Prävalenz der Hypertonie auf 63 %. In den USA war aufgrund der neuen Definition ein Anstieg der Prävalenz von 32 % auf 46 % geschätzt worden.

In der Stufe-2-Gruppe wurden nur 24 % behandelt. Je jünger die Personen waren, umso seltener wurden sie therapiert.

Die kardiovaskuläre Sterblichkeit war im Vergleich zu Personen mit normalem Blutdruck signifikant höher (Hazard-Ratio [HR]: 1,54; 95-%-Konfidenzintervall [95- %-KI] [1,04; 2,24]; p = 0,03).

Bei Personen mit der neu definierten Stufe-1-Hypertonie war das Risiko für einen kardiovaskulären Tod jedoch nicht signifikant höher als bei Normotonikern (HR: 0,93; [0,61; 1,44]; p = 0,76). Aufgrund der breiten Konfidenzintervalle kann aber eine Erhöhung des kardiovaskulären Risikos nicht völlig ausgeschlossen werden. Stufe-2-Hypertoniker, die eine Therapie erhielten, waren signifikant häufiger depressiv (47 %) als nicht behandelte Stufe-2-Hypertoniker (33 %; p < 0,0001). Dies erklären die Autoren damit, dass die Betroffenen durch die Therapie für krank erklärt werden. Für diese Patienten könnte sich die Depression auf kardiovaskuläre Ereignisse weiter negativ auswirken.

Fazit: Der niedrigere Blutdruck-Schwellenwert von 130–139 mmHg/80–89 mmHg, den die US-amerikanischen Leitlinien als Hypertonus definieren, erhöht die Prävalenz der Hypertonie deutlich, wobei zusätzlich vor allem Personen mit niedrigem kardiovaskulärem Risiko erfasst werden. Behandelte Personen würden eher depressiv, erklärbar durch einen Labeling-Effekt, so die Autoren.

„Das Labeling ist ein sehr wichtiger Befund“, kommentiert Prof. Dr. med. Martin Middeke vom Hypertoniezentrum München. „Diese schöne Studie zeigt, dass mit der Herabsetzung der Blutdruckwerte nichts gewonnen ist, sondern die Betroffenen eher krank gemacht werden. Eine Therapie hat in diesem Blutdruckbereich ohnehin keinen Effekt.“

Middeke wies darauf hin, dass die aktuellen europäischen Leitlinien 2018 der European Society of Cardiology und der European Society of Hypertension zu Recht bei den alten Grenzwerten geblieben seien (2). Dr. rer. nat. Susanne Heinzl

  1. Atasoy S, Johar H, Peters A, et al.: Association of hypertension cut-off values with 10-year cardiovascular mortality and clinical consequences: a real-world perspective from the prospective MONICA/KORA study. Europ Heart J 2018. DOI:10.1093/eurheartj/ehy694.
  2. Williams B, Mancia G, Spierng W, et al.: 2018 ESC/ESH Guidelines for the management of arterial hypertension. Europ Heart J 2018; 39: 3021–04.

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