ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2019Anamnesegruppen: Ärztliche Kunst lernen und lehren

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Anamnesegruppen: Ärztliche Kunst lernen und lehren

Dtsch Arztebl 2019; 116(3): A-78 / B-62 / C-62

Richter-Kuhlmann, Eva

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Ein bemerkenswertes Projekt: Seit 50 Jahren treffen sich an vielen Fakultäten Medizinstudierende in Anamnesegruppen, um ihre Kommunikationsfähigkeit zu trainieren, aber auch die eigenen Gefühle zu reflektieren. Ziel ist es, ein bio-psycho-soziales Gesamtbild vom Patienten zu erhalten.

Foto: Robert Kneschke/stock.adobe.com
Foto: Robert Kneschke/stock.adobe.com

Mit Beginn ihres Medizinstudiums zum Wintersemester 2011/12 an der Universität Homburg musste Yves Foltin Bücher wälzen sowie Anatomie und Biochemie pauken. Doch schon bald war ihr klar: Die ärztliche Tätigkeit umfasst mehr als nur die Diagnose und Behandlung von Krankheiten. Ein wesentlicher Teil des Berufs besteht aus dem Umgang mit Patienten. Um diesen frühzeitig zu erlernen, trat Foltin bereits zu Beginn ihres Studiums der Anamnesegruppe an ihrer Uni bei.

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„Besonders beeindruckte mich, dass eine gute Anamnese in 70 bis 80 Prozent zur Diagnose führt.“ Yves Foltin. Foto: privat
„Besonders beeindruckte mich, dass eine gute Anamnese in 70 bis 80 Prozent zur Diagnose führt.“ Yves Foltin. Foto: privat

Neben dem eher theoretischen Unterricht zu Beginn des Medizinstudiums bot sich ihr auf diese Weise die Möglichkeit, gemeinsam mit anderen Studierenden Patienten kennenzulernen und Gesprächstechniken zu üben. Sie habe viel über Anamnese und deren großen Bedeutung für Diagnostik und Therapie gelernt, erläutert sie dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ). „Besonders beeindruckte mich damals die Aussage, dass eine gute Anamnese in 70 bis 80 Prozent aller Fälle zur Diagnose führt.“ Dem kann sie jetzt nur zustimmen und für ihre Tätigkeit in einer psychosomatischen Akutklinik leisten ihr die im Rahmen der Anamnesegruppe gelernten Techniken immer noch gute Dienste. „Natürlich verfeinern sich die Techniken im Verlauf, aber das Fundament ist damals gelegt worden“, betont sie.

Foltin blieb während ihres gesamten Studiums den Anamnesegruppen treu. Bereits im zweiten Studienjahr arbeitete sie als Tutorin und begleitete als solche bis hinein in ihr Praktisches Jahr insgesamt fünf Gruppen. „Aber längst nicht alle Studierenden, die Interesse haben, kommen in den Genuss der Gruppen“, bedauert die Ärztin. Vielen Studierenden stünden zum aktiven Üben von Anamnese nur Untersuchungskurse und die Famulaturen zur Verfügung. „Einen höheren Stellenwert von Anamnesegruppen bei der Ausbildung von Ärzten würde ich sehr begrüßen“, sagt sie.

Eine Erfolgsgeschichte: 50 Jahre Anamnesegruppen

Momentan existieren Anamnesegruppen etwa an der Hälfte der medizinischen Fakultäten in Deutschland und Österreich. Das Konzept gibt es fast 50 Jahre: 1970 entwickelte es Prof. Dr. med. Wolfram Schüffel in Ulm und Marburg auf der Grundlage des Peer-Learning, eines gemeinsamen Lernens ohne professionelle Dozenten. Diese Selbstverantwortung der Studierenden für die Lehrveranstaltung ist bis heute ein wesentliches Merkmal der Anamnesegruppen. Unterschiedlich sind jedoch die Organisationsformen an den einzelnen Unis. An einigen Fakultäten arbeiten die Studierenden derzeit völlig autonom in ihren Gruppen, ohne Prüfung und ohne Schein. Die Fakultäten unterstützen die Gruppen nur durch die Möglichkeit, Patienten am Universitätsklinikum zu befragen und Räume zu nutzen. An einigen Fakultäten sind Anamnesegruppen als Wahlfach mit Abschlussprüfung in das Curriculum eingebunden. Weitere Gruppen agieren fakultätsübergreifend, indem auch andere Studierende, meist der Psychologie, in die Arbeit der Gruppen einbezogen werden.

Maitreffen sorgen für Vernetzung der Gruppen

„Als Student erschien mir das Konzept der Anamnesegruppe als Offenbarung.“ Volker Köllner. Foto: privat
„Als Student erschien mir das Konzept der Anamnesegruppe als Offenbarung.“ Volker Köllner. Foto: privat

Es besteht aber auch Kontakt der Gruppen untereinander. So finden jedes Jahr Maitreffen statt, die seit 1997 jeweils von einer anderen Gruppe organisiert werden. 2016 beispielsweise übernahm die Organisation des Maitreffens die Gruppe um Prof. Dr. med. Volker Köllner, Chefarzt der Abteilung Psychosomatik am Rehazentrum Seehof der Deutschen Rentenversicherung in Berlin-Teltow, der in Homburg/Saar für die Anamnesegruppen zuständig ist. Als Medizinstudent war solch ein Maitreffen der Grund für ihn, sein Medizinstudium fortzusetzen: „Damals erschien mir das Konzept der Anamnesegruppe im naturwissenschaftlich ausgerichteten Studium als Offenbarung, und so ist es bis heute geblieben“, sagt er dem . Er etablierte damals mithilfe der Fachschaft und einiger engagierter Professoren Anamnesegruppen in Bonn. Später arbeitete er als Tutor weiter, organisierte Tutorentrainings und blieb auch als Arzt den Anamnesegruppen als Supervisor treu.

Diese persönliche Reflexion der Arzt-Patienten-Beziehung ist es auch, mit der sich die Anamnesegruppen von anderen Lehrformaten zur Patientenkommunikation abheben. Wenn man ärztliche Kunst lernen und lehren wolle, gehe es nicht nur um Wissen und Fertigkeiten, sondern auch um Einstellungen, betont Köllner. „Lernziele der Anamnesegruppen sind die Verbesserung von Kommunikationstechniken ebenso wie die Gestaltung der Arzt-Patienten-Beziehung sowie die Auseinandersetzung mit der künftigen Rolle als Ärztin oder Arzt“, erläutert er. „Für mich sowie für viele Studierende stellten die Anamnesegruppen den ersten Kontakt mit einem bio-psycho-sozialen Verständnis der Medizin und einem psychosomatischen Denkansatz dar und prägten die weitere berufliche Sozialisation“, betont er. Nur zu gerne wüsste Köllner, wie diese Sozialisation im Einzelnen bei anderen Kollegen verlaufen ist. „Wenn man davon ausgeht, dass es in den letzten 50 Jahren an etwa 15 Fakultäten je vier Anamnesegruppen gab, müssten jetzt inzwischen mehr als 25 000 Ärztinnen und Ärzte an diesen Gruppen teilgenommen haben, deren Erfahrungen man teilen könnte“, meint der Psychosomatiker, der gerade eine Umfrage dazu (www.iqp-online.de) durchführt. Wichtig ist es Köllner, dass Anamnesegruppen zwar psychosomatisch geprägt, aber hauptsächlich allgemeinmedizinisch orientiert sind. Für viele Hausärzte oder hausärztlich tätige Internisten, wie Dr. med. Birgit Braun-Dreuw, sind die in den Gruppen trainierten Anamnesen das Kernstück der täglichen Diagnostik: „Es ist das, was der Patient spontan sagt, aber auch wie er es sagt, seine Emotionslage, seine subjektive Deutung“, erläutert sie dem . Zudem habe sie als Studentin in den Gruppen erstmals erfahren, wie entlastend ein kollegiales Forum für die Arbeit ist. Es profitieren aber auch die Absolventen von Anamnesegruppen, die später in operative Fächer gehen: Zu ihnen gehört Dr. med. Norbert Hambach, der seit 2014 in der Orthopädie/Unfallchirurgie und seit 2016 als Notarzt tätig ist. „Die in den Anamnesegruppen gelernten Techniken wende ich im klinischen Alltag täglich an. Insbesondere in schwierigen Situationen – wie beispielsweise dem Überbringen einer Todesnachricht – helfen mir die trainierten Kommunikationsabläufe stetig“, berichtet er dem. Auch im Notarztdienst führe ihn die erlernte zielgerichtete Anamneseerhebung oft zügig zum Ziel.

Freiwilliges Lehrformat gilt als optimal

Auch vielen anderen geht das so. Für Medizinstudierende sind im Laufe der Jahre jedoch die Spielräume für den Besuch freiwilliger Lehrformate immer geringer geworden: „Aus meiner Sicht sollten die Gruppen wesentlich gestärkt werden“, meint Foltin. Jeder Studierende, der ernsthaftes Interesse aufbringt, sollte auch einen Platz bekommen dürfen. Als Pflichtfach würde die junge Ärztin Anamnesegruppen allerdings nicht einführen wollen: „Als Tutor habe ich auch schon Erfahrungen mit unmotivierten Teilnehmern gemacht, die nur den Schein wollten und die Freude an der Arbeit trübten“, berichtet sie. Bei motivierten Nachwuchsärzten führe die Arbeit jedoch zu einen deutlichen Zugewinn an Selbstbewusstsein und Reifung der Persönlichkeit. Ist dabei die ärztliche Kunst erlernbar? Ja, meint Foltin. „Es bedarf des richtigen Handwerkszeugs und der nötigen Übung.“ Und gerade an diesen Stellen könnten die Anamnesegruppen einen guten und wichtigen Beitrag zum Erlernen der ärztlichen Gesprächskunst leisten, vor allem durch den informellen Rahmen und die Tatsache, dass man sich unter Gleichgesinnten befindet.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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